EBOOK

Big Sue


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gebunden
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August 2010

Beschreibung

Beschreibung

Ein Schweizer Kunsthistoriker auf der Flucht vor dem Skandal um seinen legendären
Schriftsteller-Vater und eine deutsche Journalistin auf Recherchereise
begegnen sich in Georgia. Nach kurzer Zeit geraten sie in den Bann der Geheimnisse
einer alten Villa auf Humphrey Island, in der sich unerhörte Dinge abzuspielen
scheinen . . .
Schwüle Luft, üppige Vegetation, Alligatoren in den Sümpfen und ein schweres
historisches Erbe: Zora del Buonos neuer Roman führt mitten hinein in das
Lebensgefühl der amerikanischen Südstaaten und erzählt eine fesselnde Geschichte
von Rache und Leidenschaft.

Portrait

Zora del Buono, geboren 1962, wuchs in Zürich auf und
lebt seit 1987 in Berlin. Nach ihrem Architekturstudium an
der ETH Zürich arbeitete sie mehrere Jahre als Architektin
und Bauleiterin, bevor sie sich zu einem Berufswechsel
entschloss und mit dem Schreiben begann. Sie ist Gründungsmitglied
der Zeitschrift mare und betreut das Kulturressort.
2008 erschien im mareverlag ihr erster Roman
Canitz' Verlangen.

Leseprobe

Wir lernten uns am Flughafen von Atlanta kennen, als wir hintereinander in der Menschenschlange des Immigrationsschalters standen. Es war ein kurzes Zusammentreffen unter Fremden, in einer jener von Anspannung befreiten Situationen, in der selbst Empfindliche den mit Kopfhautteilen übersäten Kragen des Vordermanns mit Gelassenheit betrachten konnten, dem Zwang widerstehend, die weißen Flocken in Ehefrauenmanier vom Jackett zu wedeln, schlicht erleichtert, den Flug über den Atlantik unbescholten überstanden zu haben.
Wahrscheinlich hätte ich nicht weiter auf ihn geachtet, wäre ihm nicht sein roter Pass aus der Hand gefallen und mir zwischen die Füße gerutscht, so nah, dass er ihn selber nicht hätte aufheben können, ohne uns beide in Verlegenheit zu bringen. Ich bückte mich, sah elegant geschnittene Wildlederschuhe, drückte ihm den Pass in die Hand, eine sehr gepflegte Hand, helle und ungewöhnlich glatte Haut, womöglich rasierte er sich die Arme. Er war feingliedrig, ein kleiner Mann, kaum größer als ich. Der eigentlich zarte Körper schien von einer zentimeterdicken Fettschicht überzogen, die fremd wirkte, als ob sie nicht zu ihm gehörte, ihm von jemandem übergestülpt und sacht angedrückt worden wäre vor nicht allzu langer Zeit. Er blinzelte mich an und sagte Määrci statt Danke, eine kleine Schweizer Koketterie wahrscheinlich.
Unser Immigration Officer trug leuchtend lila Gummihandschuhe, die ihm bis zu den Ellbogen reichten, in den Pässen zu blättern bereitete ihm sichtlich Mühe. Ich sprach ihn darauf an, es musste sich um eine Neurose handeln. Tatsächlich: Man ahne ja nicht, mit wie vielen Mikroorganismen er konfrontiert sei, entgegnete er, tagtäglich all diese Bakterien, Viren, er wolle nicht sterben wegen fremder Mikroben. Auch Blut klebe an den Pässen, bei manchen tropfe es gar auf den Boden, dickflüssig und zäh. Auf meine Frage, ob er das metaphorisch meine, ging der von seinen eigenen Worten erhitzte Officer nicht ein, er drückte den Stempel auf das Pap
ier, wünschte einen guten Aufenthalt und winkte Fenner heran, der die Szene aufmerksam beobachtet hatte. Mir schien, als habe dieser einen belustigten Zug um den Mund, dessen Oberlippe scharf konturiert, jedoch beinahe ohne Einbuchtung war, ein makellos nach unten geschwungener Bogen, der dem jungen Mann eine leise Verächtlichkeit verlieh, die nicht ohne Reiz war. Er strich sich die glatten, dunklen Haare aus der Stirn und trat auf den Mysophobiker zu.
Dass der Schweizer Fenner hieß, erfuhr ich allerdings erst wenige Stunden später. Wir verließen beide die Schalterhalle des Flughafens von Savannah, atmeten zum ersten Mal diese schwüle, träge, den Körper umgarnende Luft ein, die uns während der nächsten Wochen bei unseren unterschiedlichen Vorhaben begleiten würde; es war überraschend warm für einen Tag im Februar. Ein dürrer Mann mit Hut saß in einem der hölzernen Schaukelstühle bei dem Taxistand und rief immer wieder: Mr. Fenner! Mr. Fenner! Er winkte den Schweizer dabei so auffordernd zu sich, dass kaum Zeit für eine Verabschiedung blieb.
Fenner also. Wir hatten in Atlanta eine halbe Stunde miteinander gesprochen, als wir uns beim Warten auf den Inlandflug nach Savannah wieder getroffen hatten. Es war ein selbstverständliches Zusammensitzen gewesen, Zeitvertreib für zwei Reisende, er mit übergeschlagenen Beinen, immer wieder seine Schuhe streichelnd, ein wenig selbstverliebt, wie mir schien. Vielleicht wollte er auch nur ausdrücken, dass er kostbare Dinge zu schätzen wusste, sich mit Werten auskannte, auch wenn er zehn Jahre jünger war als ich, ein weltgewandter Mann in den Dreißigern. Ich erzählte ihm von meiner Aufgabe in Georgia, er stellte Zwischenfragen; er war ein leiser Sprecher. Von Gullah hatte er noch nie gehört, kaum ein Europäer wusste von der Kultur, diesem Gemisch aus westafrikanischen Riten, Sprachen und geheimen Codes der Sklaven und ihrer Nachfahren. Selbst Amerikanern war Gullah meist kein Begriff, obwohl es in den südlichen Küstenregione
n durchaus noch Menschen gab, die sich in der Sprache unterhielten.
Das Verlagshaus, das mich zu Recherchezwecken für ein Sachbuch hierher geschickt hatte, war Fenner natürlich bekannt, es war ein wichtiger Verlag, die Bücher wurden auch in der Schweiz gelesen. Als er vom Zweck seines Aufenthalts sprach, konnte er seine Hände kaum ruhig halten, sie liebkosten die Schuhe, zupften an der Hose, spielten schließlich mit einem gestreiften Gummiband für Mädchenhaar, kurz zuvor vom Boden aufgehoben. Er sei Kunsthistoriker, erzählte er, Schwerpunkt Architekturgeschichte. Eigentlich Spezialist für klassische Moderne mit einem Faible für Adolf Loos. Er habe Verschiedenes publiziert, jetzt aber spontan und mit Freuden diesen Auftrag angenommen, der so gar nicht in sein Fachgebiet falle: Er sollte die Baugeschichte einer Villa auf einer der zweihundert Inseln in den lokalen Sümpfen schreiben, eine Art Familienchronik, weit über den architektonischen Kontext hinausgehend. Eine schöne Aufgabe, von der er aber nicht sicher sei, ob er ihr gewachsen sein würde. Während des Kurzstreckenfluges von Atlanta nach Savannah saß er schräg hinter mir, einmal blickte ich zu ihm, er hielt den Kopf vornübergebeugt, die blassen Hände schlaff zwischen den Knien. Wir trafen uns erst bei der Gepäckausgabe wieder und gingen gemeinsam über die Teppiche des Flughafens von Savannah, vorbei an wuchernden Topfpflanzen und Schaukelstühlen, darin dösende Reisende; eine Atmosphäre der Sediertheit lag über allem. Als ich Fenner schließlich mit seinem Begleiter in einem laubgrünen Chevrolet Monte Carlo aus den Siebzigerjahren davonfahren sah, hätte ich nicht gedacht, dass wir einander wiederbegegnen sollten.

EAN: 9783866481350
ISBN: 3866481357
Untertitel: Roman. Lesebändchen.
Verlag: mareverlag GmbH
Erscheinungsdatum: August 2010
Seitenanzahl: 191 Seiten
Format: gebunden
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