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Vom Meer


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August 2010

Beschreibung

Beschreibung

Was ist an Sonnenuntergängen romantisch? Warum fasziniert uns der grüne
Blitz und wieso glauben wir, er beeinflusse unser Liebesglück? Halten wir
Delfine zu Recht für unsere Freunde?
James Hamilton-Paterson durchleuchtet das Meer in all seinen Facetten, und
er liefert erhellende und unterhaltsame Erklärungen zu zahlreichen maritimen
Phänomenen - von Tieren über Inseln und Schiffe bis hin zu Mythen und
Fabelwesen: Mondregenbogen und Narrenschiffe, Korallen und Seeungeheuer
bevölkern das Universum seiner Texte. Scharfsinnig, persönlich und immer
wieder überraschend schildert James Hamilton-Paterson seine vielfältigen
Begegnungen mit dem Meer, diesem unfassbaren Wesen, das er schützen
möchte wie eine Geliebte, und er staunt: "Ich selbst kann mir nicht wirklich er-
klären, warum das Meer mich dermaßen stark im Griff hat. Sein Murmeln und
sein Ernst sind so tief, dass es kaum einen Aspekt von ihm gibt, dessen Entdeckung
in meinem Geist nicht etwas in sympathetische Schwingungen versetzte,
so wie die zarten Borstenhaare einer Krabbe noch die feinste Bewegung
des Wassers registrieren."

Portrait

James Hamilton-Paterson, 1941 in London geboren, Oxfordabsolvent und Mitglied der Royal Geographical Society, renommierter Journalist, Sachbuchautor, Lyriker und Romancier, schreibt u. a. für die "Sunday Times", das "Times Literary Supplement", den "New Statesman" und für die Schweizer "Weltwoche". Er lebt als freier Schriftsteller in Italien und auf den Philippinen.

Leseprobe

"Das Gespenst der Sonne" (über den grünen Blitz)
Meteorologische und himmlische Ereignisse scheinen Menschen immer schon seltsam fasziniert zu
haben. Je seltener das Phänomen, desto größer die Faszination. Auch heute sind viele Nichtwissenschaftler
bereit, Kontinente zu durchqueren, um eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten. Was sie
anzieht, ist nicht nur die Aussicht auf ein einmaliges Erlebnis, sondern, wie ich vermute, auch der
Überrest alter abergläubischer Vorstellungen, dass es eine besondere Bedeutung habe. Unsere Welt ist
so weit gezähmt und entmystifiziert, dass wir den Drang haben, die Ehrfurcht vor ihr von der Müllkippe
zurückzuholen, auf die wir unsere Naturgefühle geschmissen hatten. Daher rührt auch unser wiedererwachtes
Interesse am "grünen Blitz" oder "grünen Strahl".
Der grüne Blitz ist etwas, das sich gelegentlich bei Sonnenuntergängen ereignet und bestenfalls ein paar
Sekunden anhält, weshalb es nicht sehr häufig beobachtet wird. Er kann in dem Moment auftreten, da
die Sonne hinter dem Horizont verschwindet. In der Regel zeigt sich ein smaragdgrüner heller Fleck
über dem letzten Fitzelchen Sonne und hält sich dort ein, zwei Sekunden nach deren Verschwinden. In
seltenen Fällen blitzt vom Ort ihres Verschwindens ein grüner Strahl auf.
Ich hatte zweimal das Glück, den grünen Blitz zu sehen. Das erste Mal geschah dies 1979, als ich allein
auf einer Landspitze der philippinischen Insel Palawan saß. Ich hatte damals noch nie von diesem
Phänomen gehört. Da ich mir nicht sicher war, was ich gesehen hatte, erwähnte ich es nicht, denn ich
befürchtete, man könnte mich auslachen und sagen, ich hätte wohl zu viel San-Miguel-Bier getrunken.
Das zweite Mal war viele Jahre später an Bord eines schottischen Trawlers in der Nordsee, als ich einen
Artikel zum Thema Überfischung recherchierte. Auch diesmal sagte ich nichts, da die ganze Mannschaft
auf Deck mit dem Fang beschäftigt war
und jeden, der die Muße hatte, einen Sonnenuntergang zu
betrachten, mit gnadenlos bissigen Sprüchen eingedeckt hätte.
Mittlerweile hat der grüne Blitz sogar in die Populärkultur Eingang gefunden. In dem Film "Fluch der
Karibik 3: Am Ende der Welt" gilt er als Zeichen dafür, dass eine Seele ins Leben zurückgekehrt ist, was
in diesem Fall heißt, dass Johnny Depp als Captain Sparrow aus Davy Jones' Spind herausgefunden hat.
Schon 1986 gab es Éric Rohmers Film "Le rayon vert", "Das grüne Leuchten", dessen Heldin in Liebesnöten
ist und als Zeichen auf den grünen Blitz hofft, von dem sie aus dem gleichnamigen Roman Jules
Vernes weiß.
Dass Verne 1882 um dieses Phänomen herum einen ganzen Roman schrieb, spiegelt das wissenschaftliche
Interesse des 19. Jahrhunderts: Man suchte eine Erklärung für etwas, das die Menschen seit
Jahrhunderten verwunderte und das bereits die alten Ägypter bemerkt hatten. Verne beschreibt die
Bemühungen seiner Heldin Helena Campbell, in Schottland den seltenen grünen Blitz zu erhaschen.
Doch ihr Blick auf den Sonnenuntergang wird immer wieder gestört durch Wolken oder Segelschiffe,
und als es tatsächlich zu einem grünen Blitz kommt, verpasst sie ihn, weil sie genau in diesem Moment
in die Augen ihres Geliebten blickt. Verne erwähnt in seinem Roman eine Legende, die besagt, dass wer den grünen Blitz gesehen hat, in der Liebe nie die falsche Wahl trifft. Ich kann dazu nur sagen: Obschon
ich den grünen Blitz gleich zweimal gesehen habe, habe ich in Liebesdingen mein Leben lang katastrophal
danebengegriffen. Aber das sagt über Legenden nichts anderes, als was ich bereits gewusst habe.
Wissenschaftlich lässt sich der grüne Blitz erklären mit der Brechung des Lichtes der untergehenden
Sonne und den Eigenheiten unseres Sehvermögens. Die Atmosphäre funktioniert wie ein Prisma, das
Sonnenlicht in seine Spektralfarben aufspaltet, die in verschiedenen Winkeln gebrochen werden.

ngere Wellen wie Rot werden weniger, kürzere wie Blau und Gelb dagegen stärker gebrochen. Sinkt
die Sonne dem Horizont entgegen und dringen ihre Strahlen durch die immer dichtere Atmosphäre zum
Betrachter, verschwindet das Blau durch die Streuwirkung der Luftmoleküle. Bei geeigneten atmosphärischen
Bedingungen verschwinden größtenteils auch Gelb und Orange, die nicht zerstreut, sondern
von Ozon- und Sauerstoffmolekülen sowie von Wasserdampf absorbiert werden. Wenn die Sonne hinter
dem Horizont versinkt, sind nur noch Rot und Grün übrig. Weil das menschliche Auge vom grellen Rot
überwältigt wird, kann es die grüne Komponente zunächst nicht als gesonderte Farbe wahrnehmen.
Tatsächlich zeigen Spezialfotografien Folgendes: Wenn die Sonne zur Hälfte versunken ist, hat ihr oberer
Saum eine deutlich grüne Färbung. Sowie die rote Scheibe verschwindet, schrumpft der grüne Saum
und konzentriert sich: Je mehr er sich zu einem bloßen Punkt zusammenzieht, desto heller wird er. Das
Grün wird für das menschliche Auge erst im letzten Moment sichtbar, wenn das Rot verschwunden ist.
Dann zeigt sich plötzlich ein grüner Fleck und nehmen wir einen grünen Blitz wahr.
Nun kann man sich fragen, warum das nicht jedes Mal zu beobachten ist, wenn die Sonne bei klarem
Himmel untergeht. Es ist leider so: Die atmosphärischen Bedingungen müssen genau richtig sein. Der
Effekt geht verloren, wenn die gelben und orangen Wellen nicht gründlich genug absorbiert werden.
Einen grünen Blitz zu erhaschen kommt deshalb seltener vor als in Europa beispielsweise das Nordlicht,
weshalb der grüne Blitz seiner prosaischen Erklärung zum Trotz von einer Aura des Mystischen umgeben
ist.
Falls jemand bezweifeln sollte, dass die Atmosphäre wie ein Prisma funktioniert: Derselbe Effekt ist
auch die Erklärung dafür, dass die Sonnenscheibe immer stärker verzerrt wird, wenn sie kurz auf dem
Horizont zu stehen scheint und dann dahinter versin
kt. Das Licht ihrer Unterkante wird stärker gebrochen
als dasjenige der Oberkante. Dadurch scheint ihr unterer Teil etwas weiter oben zu sein, als er sein
sollte, was das Breiterwerden zur Folge hat. Ebenfalls der Brechung wegen sehen wir die Sonne noch
eine Weile, nachdem sie hinter dem Horizont versunken ist: Ihre Strahlen biegen sich dann gleichsam
über der Erdkrümmung. Der grüne Blitz ist somit ein Gespenst der untergegangenen Sonne.
Wie erwähnt ist an diesem unwichtigen, aber auffälligen Phänomen nichts Mystisches. Das breite
Interesse hat aber bestimmt mit archaischen Gefühlen zu tun, die sich leicht einstellen, wenn wir den
Himmel betrachten. Sogar in unserem weltlichen Zeitalter kann man noch den schwachen Abglanz
einer Urangst verspüren, wenn sich die unheimliche Dämmerung einer totalen Sonnenfinsternis über
der Landschaft ausbreitet.
Eines Nachts vor etlichen Jahren erlebte ich auf den Philippinen ein anderes sonderbares Himmelsereignis,
eines, das viel seltener als ein grüner Blitz sein dürfte und mich noch tiefer beeindruckte. Ich war
am Speerfischen mit einem Freund aus dem Dorf. Wir schwammen jenseits der Riffe, vielleicht einen
halben Kilometer vor der Küste, und hatten Lampen, um Tintenfische anzulocken. Es war nach Mitternacht,
die pechschwarze Dunkelheit, die dieser Art des Fischens so förderlich ist, wurde aufgehellt von
einem Vollmond, der tief über unserem Dorf stand. Seewärts fiel Regen, dessen Ausläufer zu uns reichten.
Plötzlich sahen wir am Himmel einen riesigen grauen Bogen, einen perfekten, 180 Grad umfassenden
Halbkreis aus Nebel, der aus sich deutlich voneinander abhebenden Bändern helleren und
dunkleren Graus bestand. Ich brauchte eine Weile, bis mir dämmerte, dass dies ein "Mondregenbogen"
sein musste, das Gegenstück eines Regenbogens in Schwarz-Weiß. Obschon ich noch nie von so etwas
gehört hatte, war offensichtlich, was es war, und ebenso, dass mit entspr
echenden optischen Hilfsmitteln
die für unsere Augen zu schwachen Spektralfarben feststellbar gewesen wären.
Es war ein dermaßen unerwartetes und persönlich wirkendes Erlebnis, dass ich mich heute noch an
den wohligen Schauer, dem allerdings auch etwas wie Ehrfurcht und Angst beigemischt war, erinnere.
Mag sein, dass er auch von meiner Einsicht rührte, dass ich dergleichen aller Wahrscheinlichkeit nach
nie mehr sehen würde. Erst als der Anblick zu verblassen begann, nahm ich wahr, wie sehr er meinem
Begleiter zu schaffen machte. Dieser war völlig fertig mit den Nerven, und ich tat, was ich konnte, um ihm zu erklären, dass das nichts als die nächtliche Version eines gewöhnlichen Regenbogens gewesen
sei. Das konnte er zwar akzeptieren, doch die Seltenheit des Ereignisses war für ihn beängstigend: Das
musste doch etwas zu bedeuten haben. Er war überzeugt, dies sei ein Vorzeichen dafür, dass ein Unglück
das Dorf oder, Gott behüte, seine Familie treffen werde.
Nachdem der Mondregenbogen vom Himmel verschwunden war, hörten wir auf zu fischen und
schwammen rasch an Land. Doch nicht einmal der Anblick seiner friedlich schlafenden Familie vermochte
die Befürchtungen meines Freundes zu beschwichtigen.
Nach Europa zurückgekehrt, schickte ich der in London erscheinenden Zeitschrift "New Scientist" einen
Brief mit einer Beschreibung des Ereignisses. Dieser hatte Briefe von Leuten aus aller Welt zur Folge, die
ebenso einen Mondregenbogen gesehen hatten, und viele erwähnten die Ehrfurcht, die sie empfunden
hatten.
Bald folgten die wissenschaftlichen Erklärungen dafür. Damit ein Mondregenbogen entstehen kann,
muss der Mond voll oder beinahe voll sein, sonst ist es nicht hell genug. Er muss tief an einem dunklen
Himmel stehen, und auf der vom Betrachter aus gesehen gegenüberliegenden Seite muss es regnen. Nur
wenn der Betrachter genau am richtigen Ort ist und auch alle anderen Bedingungen stimmen, lässt
sich
das Phänomen beobachten, weshalb es so viel seltener ist als ein Tagesregenbogen.
Die Reaktion meines philippinischen Freundes rief mir in Erinnerung, dass der Mensch den Himmel
immer schon nach Zeichen und Omen abgesucht hat, die große politische oder persönliche Veränderungen
ankündigen sollten. Darüber kann man lachen; doch fällt es schwer, nicht zu bemerken, dass
wir ironischerweise auch in heutigen weltlichen Gesellschaften ähnlich angstvoll den Himmel absuchen.
Die Wissenschaft interessiert sich für Sonnenflecke, Sonnenzyklen und anderes, was unsere Atmosphäre
und das Wetter beeinflusst; aus all diesen Veränderungen versuchen wir aufgeregt abzuschätzen, was
sie über die Erderwärmung aussagen, jene drohende Katastrophe, die fast jedem Angst macht, der genug
weiß, um Angst zu haben. Vor diesem düsteren Hintergrund wirkt der grüne Blitz als von schlimmen
Bedeutungen unbelastetes Ereignis erst recht bezaubernd.

Pressestimmen

" Einer solchen Wortgewandtheit,
einer solchen Leidenschaft für das Meer
ist man lange nicht mehr begegnet."


EAN: 9783866481190
ISBN: 3866481195
Untertitel: Über die Romantik von Sonnenuntergängen, die Mystik des grünen Blitzes und die dunkle Seite von Delfinen. Originaltitel: On the Sea. Lesebändchen.
Verlag: mareverlag GmbH
Erscheinungsdatum: August 2010
Seitenanzahl: 285 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Thomas Bodmer
Format: gebunden

Durchschnittliche Kundenbewertung

Kundenbewertungen

Winfried Stanzick - 25.02.2011, 10:27
Große Prosa
In fünf großen Kapiteln geordnet, kann man in diesem wertvollen Buch ganz zauberhafte Essays und Geschichten lesen, die alle vom Meer handeln, von seiner Anziehung, seiner Gewalt, seinen oft skurrilen Lebewesen, den Kulturen, die es hervorgebracht und auch wieder vernichtet hat: - Inseln - Geschöpfe - Fischfang - Ansichten vom Meer - Meerestiefen James Hamilton- Paterson, ein englischer Journalist, Romancier und Sachbuchautor mit einer großen Affinität zum Meer, schreibt große und ausdrucksstarke Prosa mit einer Tiefe, die einen vom ersten Text an gefangen nimmt. Das ist nicht nur ein weiteres Sachbuch über das Meer, das ist eine fast poetische Hymne an einen Lebensort, eine Lebenswelt und seine Bewohner. Man muss nicht von vorne zu lesen beginnen. Man suche sich einen Text heraus und erlebe, wie man ihn verschlingt, ihn in sich aufsaugt wie einen Strudel und gar nicht anders kann, als danach gleich zum nächsten zu eilen. Doch es ist nicht nur große Prosa, die Hamilton schreibt, sein Buch erhält auch unzählige interessante, erhellende und sehr unterhaltsame Informationen zu vielen maritimen Phänomenen und Fragestellungen, denen Sie so sicher noch nie gegenüberstanden. Menschen, die das Meer lieben, werden ihre große Freude haben an diesem wunderbaren Buch. Und sie werden sich darüber freuen, es von anderen geschenkt zu bekommen.