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Europäische Geschichte 1918-1939


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Oktober 2001

Beschreibung

Beschreibung

Die Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war in bislang unbekanntem Maße von Gewalt geprägt, mit den beiden Weltkriegen als extremen Höhepunkten. Kriegszerstörungen und Wirtschaftskrisen, Inflation und Arbeitslosigkeit, Vertreibung und Enteignung führten in der Zwischenkriegszeit zu radikalen gesellschaftlichen Umschichtungen. Individuelle Sinnstiftung, kollektive Orientierungsmuster und politische Legitimationen wurden gleichermaßen angezweifelt. Die umfassende Infragestellung aller Lebensbezüge mündete in Revolutionen, Konterrevolutionen, Klassenkampf und Bürgerkrieg.

Das Buch beschreibt die Zwischenkriegszeit als den schwierigen Weg der europäischen Gesellschaften im Übergang von der agrarischen zur industriell-modernen Gesellschaft und als die Suche nach einer Versöhnung mit der Moderne. Europa erlebte verschiedene Pfade bei dieser Suche. Dazu gehörte als "Flucht in die Unfreiheit" auch die Diktatur, die 1939 die verbreitetste Herrschaftsform war. Die Darstellung bietet eine Zusammenschau der unterschiedlichen Phänomene und Entwicklungen. Sie thematisiert Kontinuitäten und Krisen nicht allein auf der Ebene von Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, sondern auch im Bestand und Wandel der alltäglichen Lebenswelten.

Inhaltsverzeichnis

1;Cover;1 2;Titel;2 3;Impressum;3 4;I Die Zwischenkriegszeit: Versöhnung durch Gewalt;6 5;II Kollektive Mentalitäten und Zeitgeist;17 5.1;1) Fortschrittsoptimismus und Kulturkritik;18 5.2;2) Masse und Führer;29 5.3;3) Gemeinwohl und Gemeinschaft;40 6;III Die Anfänge des Wohlfahrtsstaates:Wirtschaft und Gesellschaft;51 6.1;1) Expansion und Krise;52 6.2;2) Gesellschaft und Sozialpolitik;71 6.3;3) Bindung und Bildung;90 7;IV Moderne Zeiten: Alltagswelten im Wandel;106 7.1;1) Stadt und Land;107 7.2;2) Einkommen und Auskommen;119 7.3;3) Freizeit und Massenkultur;132 8;V Politik ohne Legitimation:Die Krise des Verfassungsstaates;146 8.1;1) Klassenpartei und Volkspartei;148 8.2;2) Bürgerkrieg und Klassenkampf;167 8.3;3) Demokratie und Diktatur;182 9;VI Krisenmanagement oderKrisenverschärfung?Das europäische Mächtesystem in derglobalen Herausforderung;201 9.1;1) Krieg und Frieden;203 9.2;2) Verständigung und Völkerbund;215 9.3;3) Appeasement und Wille zum Krieg;229 10;VII Die Zwischenkriegszeit als Zwischenzeit;244 11;VIII Literaturverzeichnis;256 11.1;1. Allgemeine und übergreifende Darstellungen;256 11.2;2. Allgemeine Länderstudien;258 11.3;3. Kollektive Mentalitäten und Zeitgeist;260 11.4;4. Kunst und Kultur;263 11.5;5. Wirtschaft;264 11.6;6. Gesellschaft und Sozialpolitik;265 11.7;7. Freizeit und Massenkultur;270 11.8;8. Parteien, Verbände und Verfassungen;271 11.9;9. Außenpolitik und Mächtesystem;273


Portrait

Dr. Gunther Mai ist Professor für Neuere und Zeitgeschichte an der Universität Erfurt.

Leseprobe

II Kollektive Mentalitäten und „Zeitgeist“ (S. 18-19)

Um die Jahrhundertwende, als die zweite industrielle Revolution für einen neuen Dynamisierungsschub sorgte, war die Debatte über „Industrie- oder Agrarstaat“ politisch wie ideologisch allgemein entbrannt. Der Diskurs der Philosophen, Theologen, Sozialwissenschaftler und Künstler über Kultur und Zivilisation, über Fortschritt und Dekadenz, über Masse und Führer, kurz: über die Folgenabschätzung der Modernisierung, umschrieb den Kern der Auseinandersetzungen. Ein intellektualistischer Diskurs, zweifellos, aber er war doch auch politisch, weil handlungsorientiert. Er war elitär und einte die Eliten. Er fasste als ein „gedächtnisideologischer“ (Pierre Nora) die Vision der Zukunft mit den Mythen der Vergangenheit und zweifelte selbst an der Versöhnbarkeit beider, die er verzweifelt und mit steigender Radikalität einforderte.

Da sie in einer desorientierten Zeit die Leitbegriffe neuer Sinngebung setzten und besetzten, behielten die intellektuellen Eliten ihre Macht zur Interpretation der Gegenwart und zur Deutung der Zukunft bzw. sie gewannen diese jetzt erst eigentlich. Die (später zu behandelnden) Programme der Parteien spiegelten das Ausmaß wider, in dem deren Weltsichten zur Weltanschauung, zur politisch-ideologischen Handlungsmaxime gerannen. Hinter der teils radikal gegensätzlichen Programmatik der Parteien wie den Therapieangeboten der Intellektuellen verbarg sich eine ebenso bemerkenswerte wie weitreichende Übereinstimmung in der Diagnose der „Moderne“ und ihrer Krise.

Ideologien als reflektierte Selbstauslegung gründen auf einer sozialen und politischen Philosophie mit normativen Aussagen zu Natur, Mensch, Gesellschaft und Staat, aus der ebenso normative Aussagen zu Rechten und Pflichten d
er Menschen, zur Organisation von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat abgeleitet werden. Diese verdichten sich zu einer Doktrin, die nicht argumentiert, sondern „glaubt“. Programmatische Glaubenssätze setzen die Markierungspunkte, mit deren Hilfe Geschichte, Gegenwart und Zukunft interpretiert und bewertet, Handlungen gesteuert werden. Ideologien als Interpretamente von Wirklichkeit verändern diese durch die Kategorien ihrer Wahrnehmung, die Veränderung von Wirklichkeit beeinflusst ihrerseits die Wahrnehmung von Ideologien. Wirkungsmächtig werden können sie indes nur, wenn sie den (kollektiven) Mentalitäten als einer durch Alltagserfahrung geprägten Lebenshaltung in einem ausreichenden Maße entsprechen oder wenn sie diese Entsprechung selbst herzustellen vermögen, wie es beispielhaft dem bürgerlichen Liberalismus- und Nationalgedanken im 19. Jahrhundert gelungen war. Schwer empirisch zu greifen, ist die Wirkungsmacht von Ideen und Ideologien doch unübersehbar. Wenn, wie in Deutschland, ein annähernd gleiches Niveau der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung und der individuellen Lebenshaltung 1913, 1928, 1938 und 1955 (in Westdeutschland) zu völlig unterschiedlichen politischen Grundhaltungen und Systemoptionen führte, also im wesentlichen innerhalb der Lebensspanne einer einzigen Generation, so lässt dies die Dimension des Wandels in der kollektiven Erfahrung und Wahrnehmung erahnen.

In dem Maße, in dem die Intellektuellen ihre Wahrnehmung der Krisenerscheinungen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu verankern vermochten, verengte sich nicht allein im öffentlichen Diskurs die Spannbreite der Ursachenanalyse, sondern reduzierten sich schrittweise auch in der politischen Debatte die möglichen Lösungsvarianten auf die extremen Optionen. Die Gegenentwürfe waren radikal, radikal anders, radikal vage, sie waren fundamentalistisch in ihrem Versuch
, die Welt aus einem Punkt zu erklären und neu zu ordnen. Aus dem Anspruch der Versöhnung bezogen sie ihre Unversöhnlichkeit als ideologisches Konzept und als politische Praxis. Von der Totalität der Weltdeutung über die Totalität des Anspruchs auf Welterlösung zur Totalität der Praxis sollte es kein weiter Weg werden.


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EAN: 9783170212329
Untertitel: Mentalitäten, Lebensweisen, Politik zwischen den Weltkriegen. Dateigröße in MByte: 1.
Verlag: Kohlhammer Verlag
Erscheinungsdatum: Oktober 2001
Seitenanzahl: 276 Seiten
Format: pdf eBook
Kopierschutz: Wasserzeichen
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