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Der Besuch des Leibarztes


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Januar 2001

Beschreibung

Beschreibung

Der dänische König Christian VII. ist verrückt und muss nach außen dennoch seinen königlichen Pflichten nachkommen. In Wahrheit machen die Staatsgeschäfte andere und seine Ehe mit der englischen Prinzessin Caroline Mathilde ist eine Farce. Als er seinem Leibarzt Struensee empfiehlt, er solle sich der einsamen Königin annehmen, ahnt keiner, dass sich daraus eine tragische Leidenschaft entwickeln wird. Ein psychologisches Drama um Politik, Macht und Liebe.

Portrait

Per Olov Enquist, 1934 in einem Dorf im Norden Schwedens geboren, lebt in Stockholm. Nach dem Studium arbeitete er als Theater- und Literaturkritiker. Er zählt heute zu den bedeutendsten Autoren Schwedens. Bei Hanser erschienen unter anderem Der Besuch des Leibarztes (Roman, 2001), Der fünfte Winter des Magnetiseurs (Roman, 2002), Hamsun (Eine Filmerzählung, 2004), Das Buch von Blanche und Marie (Roman, 2005), Kapitän Nemos Bibliothek (Neuausgabe, 2006), seine Autobiographie Ein anderes Leben (2009), für die er den renommiertesten schwedischen Literaturpreis, den August-Preis, erhielt, Die Ausgelieferten (Neuausgabe, 2011) sowie Das Buch der Gleichnisse (Roman, 2013).

Pressestimmen

Ein alter Schwede, fit for fun Die Stimmung auf dem Richtplatz war heiter und erwartungsfroh. 30 000 neugierige Dänen hatten sich zum Osterfeld aufgemacht, draußen vor den Toren Kopenhagens. Alle hatten eine gute Sicht auf das Blutgerüst, damals, am 28. April 1772, auch die Kinder. "So soll seine rechte Hand und darauf sein Kopf ihm lebendig abgehauen werden", hatte die Inquisitionskommission über das ritualisierte Procedere der Hinrichtung beschlossen, "sein Körper geviertheilet und aufs Rad geleget, der Kopf mit der Hand auf einen Pfahl gestecket werden." Dann stieg Johann Friedrich Graf Struensee aus der Kutsche. Der 34-Jährige trug einen blau samtenen Anzug, darüber einen kostbaren Pelzrock. Sein langes, blondes Haar bedeckte ein schwarzer Hut, den er höflich lüftete, denn die meisten der Herren Zuschauer an der Richtstatt kannte Struensee gut. Schließlich war der Delinquent noch vor drei Monaten der einzige "Geheime Kabinettsminister" seiner Majestät gewesen ° und damit der mächtigste Mann im Staate Dänemark. Als wisse er von seinem frühen Tod, hatte Struensee in knapp anderthalbjähriger Amtszeit mehr als 1800 Kabinettsorders erlassen, alle in deutscher Sprache: den Frondienst der Bauern eingeschränkt, die Pressefreiheit verkündet, die Folter abgeschafft, Schulwesen, Krankenhäuser und Universitäten reformiert, uneheliche Kinder vor dem Gesetz gleichgestellt, Kirchen in Hospitäler umgewandelt und ° als alle Herrschenden ihm schon Feind waren ° auch noch das Volk verprellt durch ein Verbot des Schnapsbrennens. Nebenbei, gewöhnlich um die Mittagsstunde, hatte der Pastorensohn Struensee zudem Zeit gefunden, der Königin beizuwohnen. Als sie, im Juli 1771, mit einer Tochter niederkommt, entbindet er seine Geliebte selbst, Arzt ist der Kavalier ja auch. Sein letztes Wort ist nicht überliefert. Strittig ist auch, ob der Atheist im Angesicht des Richtblocks zu Gott gefunden hat, wie die Kleriker später behaupteten. Man weiß nur, dass der Henker kein Meisterstück zu Wege brachte und seine Knechte Mühe hatten, den starken Deutschen festzuhalten. Im Schinderkarren fuhr man den gevierteilten Leib zum Kopenhagener Galgenberg. Das Volk verlief sich, es war zufrieden, Struensee war tot. In Wahrheit scheint Johann Friedrich Struensee aus Halle an der Saale jedoch unsterblich. Mehr als 600 literarische Bearbeitungen hat sein Leben erfahren, Bänkelsänger haben sich seiner angenommen, die Filmfritzen ("Herrscher ohne Krone", 1957) ° und nun auch der Schwede Per Olov Enquist, einer der bedeutendsten Romanciers in Skandinavien. "Der Besuch des Leibarztes" heißt das neueste Werk des Dichters, und sein deutscher Verlag rühmt es als "psychologisches Drama um Politik, Macht und Liebe". Die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" greift gleich in die Kiste mit den Superlativen und lobt: "Ein großes Buch, ein mächtiges Buch, souverän und selbstbewusst überragt es die landläufige Produktion der Belletristen." Deshalb sei Per Olov Enquist der wahre Anwärter für den nächsten Literatur-Nobelpreis. Zumindest hat der alte Schwede, er steht im 67. Lebensjahr, die dichterische Freiheit souverän ausgeschöpft. Mit den biografischen Einzelheiten seines Helden geht er großzügig um ° lieber eine Wahrheit verlieren als eine Pointe. Ein Roman ist ein Roman? Zwar darf Fiktion alles, und doch schimpft Stefan Winkle, 89, Medizinprofessor in Hamburg und der Struensee-Kenner schlechthin, über einen "Kulturskandal". Winkle hat 40 Jahre seines Lebens hingegeben, um die verwehten Spuren seines Helden aufzuspüren. Sein dickleibiges Buch ° "Johann Friedrich Struensee. Arzt, Aufklärer und Staatsmann", 1983 erschienen, Auflage: 2000 Stück ° enthält allein 2178 Anmerkungen, ist von den Medizinhistorikern hoch gelobt worden, beantwortet jede Frage, ist längst vergriffen und wird wohl nie wieder aufgelegt werden. "Dieser Enquist", grummelt Winkle, "hat mein Buch niemals in der Hand gehabt." Muss er ja auch nicht. Details über Struensees königlichen Sex mit Ihrer dänischen Majestät Caroline Mathilde, 18, findet man beim Biografen Winkle sowieso nicht. Beim Dichter Enquist liest sich das so: Er konnte vollkommen still liegen, lange, sein Glied tief in ihr, und ihren Schleimhäuten lauschen, als seien ihre Körper verschwunden und als gäbe es nur ihr und sein Geschlecht ... Sie bewegte ihren Unterleib fast unmerklich, unendlich langsam, er tastete mit seinem Glied in ihr, als wäre es eine empfindliche Zungenspitze, die nach etwas suchte ... Aber es nicht findet, denn die Liebe geht immer so weiter ° "unerhörter Genuss ... niemals etwas Ähnliches erlebt". Glaubt man Romancier Enquist, probiert die Königin ihre Reize auch an einem älteren bösen Dänen aus, diesmal die "Rundung ihrer Brüste", die "Brüste in ihrer ganzen Fülle", also ihre "fast entblößten Brüste". Dem Beschauer kommen die Tränen, und zwar aus "Gemütsbewegung". "Dieses ganze Buch", urteilt Winkle, "ist die reinste Pornografie. Von Struensee stimmt nichts, aber auch gar nichts." Das scheint Struensees Schicksal zu sein. Bevor sein Kopf unter das Beil geriet ° der Henker hieb mehrfach zu ° führte der Hochbegabte ein umtriebiges Leben, immer rebellisch gegen die hergebrachte Wissenschaft, allen Konventionen feindlich gesinnt und zu fast jedem Risiko bereit. Struensee war 14 Jahre alt, als er in seiner Geburtsstadt Halle mit dem Medizinstudium begann, und 19 Jahre, als er es mit einer lateinischen Dissertation abschloss. Als 20-Jähriger, 1757, wurde er Stadtphysikus und Armenarzt in Altona. Die Hafenstadt an der Elbe hatte 20 000 Einwohner, sie war seinerzeit Dänemarks zweitgrößte Gemeinde. Wie Ebbe und Flut kamen die großen Seuchen über die Stadt: Pocken, Ruhr, Fleckfieber, Diphtherie, Syphilis. Amtsarzt ("Physikus") Struensee tat mehr als üblich und war oft erfolgreich. Er bekämpfte Schmutz und Schlendrian im Waisenhaus und in den Hospitälern, den Aberglauben und die Doppelmoral. In Adelskreisen galt die Syphilis als "galante Kavalierskrankheit", für das gemeine Volk aber als "wohlverdiente göttliche Strafe an den Körpertheilen, mit denen man gesündiget", wie die Bußprediger urteilten. Struensee sah die Sache anders: "Es ist falsch zu glauben, was die einen thuen, sey Galanterie, und was die anderen thuen, sey Unzucht. Es giebt nur eine Moral, wie es auch nur eine Geometrie giebt." Bei seinen Reisen in die ländliche Umgebung betätigt sich Physikus Struensee auch als Tierarzt. Er seziert verstorbene Tiere und publiziert 1764 einen "Versuch von der Natur der Viehseuche und der Art sie zu heilen": Es ist die weltweit erste Beschreibung der Maul- und Klauenseuche (die diesen Namen erst im 19. Jahrhundert erhält). Immerhin entwickelt Struensee eine richtige Methode, die ansteckende Seuche zu heilen ° durch eine Schutzimpfung. 180 Jahre später wird sie zum ersten Mal und erfolgreich ausprobiert. Dieser Struensee war eben, wie sein Verehrer Winkle sagt, "ein heller Verstandesmensch". An seinem Charakter sei nichts "Zwielichtiges oder Zweideutiges" gewesen, seine ärztliche Kunst über jeden Tadel erhaben. Als der dänische König Christian VII. 1768 einen Begleitarzt für seine Reise nach England sucht, fällt die Wahl auf den deutschen Untertanen. König Christian ist 19 Jahre alt und, wie so viele Majestäten in Dänemarks Geschichte, verrückt. Er leidet an Schizophrenie und wird von Halluzinationen und Verfolgungswahn gequält. Während der Kabinettssitzungen spielt er unter dem Tisch mit seinem Hund und einem kleinen schwarzen Pagen. Vertraut man dem Romancier Enquist, so ist des Königs eigentliches Leiden das "Laster der Onanie": Christians manische Art und Weise, seine Melancholie mittels dieses Lasters zu dämpfen, schwächte langsam sein Rückgrat, griff sein Gehirn an und trug zu der kommenden Tragödie bei. Manisch, stundenlang, versuchte er, einen Zusammenhang herbeizuonanieren oder seine Verwirrung wegzuonanieren. Struensee, inzwischen Ehrendoktor in Oxford und Cambridge, wird in Kopenhagen zum Leibarzt ernannt. Er akzeptiert weder den religiösen Hokuspokus der "Besessenheit" noch die offizielle "Säftelehre" als Ursache für das psychische Leiden seines Patienten. Denn als Anhänger der Aufklärung liest er Voltaire, Rousseau und die französischen Philosophen, intellektuelle Rechtschaffenheit ist sein Leitstern. König Christian fasst zu dem ichstarken Doktor Vertrauen, bald ist Struensee sein einziger Freund. Als er seinem Leibarzt auch noch die politischen Geschäfte anvertraut und die Hofaristokratie entmachtet, sammeln sich Verschwörer. Nach einem Maskenball verhaften Putschisten den deutschen Doktor. Mit zwei Ketten schmieden sie ihn in der Gefängniszelle an, Struensee ist 34 Jahre. Seine Reformen, die viele soziale Krisen friedlich entschärften und so auf humane Art vorwegnahmen, was die Französische Revolution von 1789 nur mit viel Blut durchsetzte, wurden zumeist annulliert. Struensees Geliebte, die junge Königin, arretierte man und ließ sie dann in das Exil nach Celle überführen. Von Struensee sprach sie als dem "seligen Grafen". Mit 23 Jahren starb sie, angeblich an einem "ansteckenden Fieber". Es kann aber, deutet Romancier Enquist an, auch Gift gewesen sein, beigebracht von der dänischen Regierung. Damit wird er wohl Recht haben, ausnahmsweise. HANS HALTER (C) DER SPIEGEL - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags
EAN: 9783446199804
ISBN: 3446199802
Untertitel: Originaltitel: Livläkarens Besök.
Verlag: Hanser, Carl GmbH + Co.
Erscheinungsdatum: Januar 2001
Seitenanzahl: 376 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Wolfgang Butt
Format: gebunden

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Kundenbewertungen

Anonym - 30.11.2006, 19:38
Ein psychologisches Drama um Politik, Macht und Liebe.
Der dänische König Christian VII. ist verrückt und muss nach außen dennoch seinen königlichen Pflichten nachkommen. In Wahrheit machen die Staatsgeschäfte andere und seine Ehe mit der englischen Prinzessin Caroline Mathilde ist eine Farce. Als er seinem Leibarzt Struensee empfiehlt, er solle sich der einsamen Königin annehmen, ahnt keiner, dass sich daraus eine tragische Leidenschaft entwickeln wird. Enquist ist ein hervorragender Erzähler. Ganz im Stile einer Hofberichterstattung, mit psychologisch gut gezeichneten Charakteren liefert er ein vielfältig verschachteltes Königsdrama aus der Zeit Rousseaus und der Aufklärung. Ein psychologisches Drama um Politik, Macht und Liebe.