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Blütenträume

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Oktober 2010

Beschreibung

Kurzbeschreibung

Von seiner Werkstatt aus fordert er eine Weltmacht heraus und ruft drei Dutzend Observationsteams, die GSG 9 und den Secret Service auf den Plan: Jürgen Kuhl hat Dollarnoten gefälscht, so perfekt und so zahlreich wie niemand zuvor in Deutschland.

Christoph Gottwald erzählt in "Blütenträume" die spektakuläre Lebensgeschichte des Kölner Dollarfälschers. Als Sohn einer bürgerlichen Familie entwickelt der 1944 geborene Kuhl früh ein Faible fürs Halbseidene. Im Milieu etabliert er sich schnell, sein Geld jedoch verdient er zunächst legal, als Repro-Fotograf, Kameraassistent, Modeschöpfer und als Kunstmaler, der vor allem mit Bildern im Warhol-Stil reüssiert. Irgendwann aber verkaufen sich die großformatigen Bilder nicht mehr so gut. Doch die Siebdruckanlage in seinem Atelier lässt sich auch anders nutzen.

Im März 2007 wurde Jürgen Kuhl in einer spektakulären Aktion des BKA bei der Übergabe von sechs Millionen Dollar Falschgeld verhaftet. Zurzeit sitzt er in der JVA Euskirchen ein.

Portrait

Christoph Gottwald, geboren 1954 in Köln, studierte Germanistik, Soziologie und Philosophie. 1984 erschien sein Krimidebüt ¿Tödlicher Klüngel¿, dem die Köln-Krimis ¿Lebenslänglich Pizza¿ (1986) und ¿Marie Marie¿ (1994) sowie der Roman ¿Endstation Palma¿ (1998) folgten. Christoph Gottwald arbeitet als Drehbuchautor für Fernsehproduktionen und als freier Rundfunk- und TV-Journalist und Schriftsteller.

Leseprobe

1.

Der 23. Mai 2007 war ein wunderbarer Tag. Was das Wetter anging. Kurz vor 10 Uhr schloss ich die Ateliertür hinter mir und spazierte unter tiefblauem Himmel einen Feldweg in Richtung Widdersdorf entlang. Ich blieb stehen und steckte mir eine Zigarette an. Ich hustete. Nach den ersten Zügen am Tag hustete ich immer. Nach den letzten auch. Das ist die Schwindsucht, hatte meine Tini immer gesagt. Aber es war nicht die Schwindsucht. Vermutlich war es die Spätfolge einer Lungenentzündung, die ich mir in einer nordspanischen Spätsommernacht zugezogen hatte. Nach ein paar Cuba libre an der Strandbude und einem nächtlichen Bad in der Costa Dorada war ich auf der Rückbank eines Käfer-Cabrios eingeschlafen, während sich mein Kumpel Heinz im Pensionszimmer mit einer schottischen Touristin vergnügte. Als ich um 5 Uhr morgens aufwachte, war meine Badehose immer noch klamm. Über dreißig Jahre ist das her.

Lungenentzündung hin, Schwindsucht her. Eigentlich war es völlig unnötig, dass ich mit fünfundsechzig Jahren noch qualmte. Aber nach hundert gescheiterten Versuchen, den blauen Dunst aus meinem Leben zu verbannen, hatte ich es irgendwann aufgegeben, mich davon verabschieden zu wollen.

Umgeben von prächtig gesprossener Gerste stand ich also im Feld und ließ den Rauch meiner Zigarette ins wolkenlose Firmament steigen. Heute war so ein Tag, an dem sich etwas Entscheidendes in meinem Leben verändern konnte. Ich kannte dieses Gefühl, dieses Kribbeln unter der Haut, das ich immer im Casino verspürt hatte, wenn der Croupier die Kugel kreisen ließ und dabei »Rien ne va plus« sagte.

Natürlich stand heute etwas anderes an, als 1000 Euro auf das letzte Dutzend zu setzen. Aber auch Tage wie den heutigen kannte ich. Den einen oder anderen von dieser Güte hatte ich schon erlebt im Laufe der Jahrzehnte. Immer war es um di
cke Fische gegangen, die am Köder schnupperten und darauf warteten, von mir an Land gezogen zu werden.

Heute war der Fisch 550.000 Euro dick. Sauberes Geld. Nach Abzug aller Nebenkosten und Provisionen blieben in jedem Fall 400.000 für mich übrig. Das Geld würde ich wegbunkern für magere Zeiten. Denn die Geschäfte liefen gerade gut an. Auch auf legale Art und Weise wäre ich in zwei Jahren alle finanziellen Sorgen los. Aber diese Sache wollte ich noch durchziehen. Auch wegen Susanne Wagental, denn für sie hing mehr davon ab als für mich. Wenn alles so lief, wie sie es sich vorstellte, konnte sie heute die Grundlage schaffen, um Ende des Jahres eine Million Euro reicher zu sein. Davon würde sie die eine Hälfte für die Betreuung ihrer kranken Mutter weglegen und sich aus der anderen Hälfte eine weiche Matratze stopfen, auf der die jetzt neunundzwanzigjährige Eventmanagerin irgendwann eine entspannte Babypause einlegen konnte.

Ich schaute zurück auf die kleine Gewerbeansiedlung, die ein innovativer Bauer vor zwölf Jahren auf einen Zipfel seiner Ländereien gebaut hatte. Rund zwanzig Firmen waren in den paar Blocks untergebracht, die von der Donatusstraße abgingen. Mein Atelier – oder meine Werkstatt, wie man’s nimmt – befand sich im ersten Block. Langsam ließ ich den Blick über das Gelände wandern. Nichts war zu sehen, was mich in irgendeiner Weise beunruhigte.

Ein alter 220-SE-Mercedes bog von der Bonnstraße ab und stoppte vor dem Atelier. Friedhelm »Freddy« Hackmann stieg aus. Ich schaute auf meine Uhr. 10.25 Uhr. Besser zu früh als zu spät. Für halb elf waren wir verabredet. Ich trat die Zigarette aus.

Bei einem Gestüt auf der Rennbahn in Weidenpesch hatte Freddy sich einst zum Jockey ausbilden lassen, und danach war er ein paarmal sogar als Sieger aus dem
Sattel gestiegen. Dann aber gab es Probleme. Es ging um Pferde-Doping, in umgekehrter Richtung. Ein renommierter Züchter aus Baden-Baden hatte behauptet, fünf seiner Toppferde seien pharmazeutisch so manipuliert worden, dass sie mit hängender Zunge als letzte ins Ziel gestrauchelt wären. Der Verdacht fiel auf Freddy. Denn er oder sein bester Kumpel hatten die Rennen gewonnen.

Beweise gab es keine. Aber so ein Verdacht ist nicht unbedingt der goldene Steigbügel für die Karriere eines Nachwuchsjockeys. Freddy durfte kaum noch Rennen reiten. Und dann wurden die Vorwürfe laut, ein paar Jockeys hätten sich abgesprochen, um an Dreierwetten mitzukassieren. Drahtzieher sollte Freddy gewesen sein. Wieder gab es keine Beweise.

Freddy war jetzt Mitte vierzig und wog hundert Kilo, verteilt auf sein Jockeygardemaß von 1,62 Meter. Wenn wir beide zusammen in der Stadt unterwegs waren, drehten sich die Leute nach uns um und grinsten. War bestimmt ein witziger Anblick: ich mit meinen gut 190 vertikalen Zentimetern und einer so entschlackten Figur, dass mir mitleidige Schulkinder an der Bushaltestelle ihre Pausenbrote aufdrängten, und daneben Freddy, der wandelnde Kubikmeter.

Es gab nur zwei Leute, die wussten, was sich in dem Container befand, den ich vor gut einem Jahr angemietet hatte. Freddy und ich. Deshalb hatte ich ihn gebeten, mir etwas zur Hand zu gehen. Als ich ihm versprach, dass sich heute Abend, wenn die Sache planmäßig gelaufen wäre, 5000 Euro in der Westentasche seines Sakkos einfinden würden, schlug der Exjockey hocherfreut in meine ausgestreckte Hand ein.

»Alles klar?«, begrüßte mich Freddy.

»So weit ja. Ist dir was aufgefallen bei der Anfahrt?«

»Nee, nichts.«

Ich setzte mich auf den Beifahrersitz, und Freddy fuhr los. Im Wagen war es heiß und muffig. Ich kurbelte die Scheibe runter und legte de
n rechten Ellenbogen in den Fahrtwind.

Durch Pulheim bis zur Venloer Straße, dann stadteinwärts, den Militärring kreuzen, am Friedhof vorbei, hinter Bickendorf links abbiegen in die Rochusstraße.

Freddy steuerte den Benz durch die Einfahrt des stillgelegten Betriebshofs. Früher sind hier kleine Firmen ihrem Handwerk nachgegangen. Dreher, Werkzeugmacher, Schlosser. Nachdem vor einem Jahr auch der Motorradschrauber seine Schuppen geräumt hatte, war nur noch Jupp übrig. Er war über siebzig, kam ab und zu auf seinem Moped angeknattert und sortierte Berge von defekten Küchengeräten, verrosteten Fahrrädern und sonstigem metallhaltigem Müll, den er im Laufe der Jahre angeschleppt hatte.

Der Eigentümer ließ die alten Fertigungsstätten verfallen und vermietete vierundzwanzig Container, die er nebeneinander auf der gegenüberliegenden Seite des Grundstücks aufgestellt hatte. Der Mieter von Nummer 17 war ich.

Als wir an diesem späten Vormittag auf das Gelände fuhren, parkte vor Jupps Schrottareal ein kleiner Lkw mit offener Ladefläche, auf der ein Mann stand. Ein zweiter saß auf dem Fahrersitz.

»Was machen die da?«, fragte Freddy.

Ich schaute auf meine Uhr. Wir lagen gut in der Zeit. Das bedeutete aber nicht, dass wir es uns leisten konnten, hier ewig abzuwarten, bis die beiden Typen mit ihrem Lkw das Feld geräumt hatten.

»Fahr nicht direkt zu dem Container«, sagte ich.

Freddy rollte bis zur verriegelten Tür der stillgelegten Firma, die früher mit landwirtschaftlichen Getriebeölen gehandelt hatte, und zog die Handbremse. Wir steckten uns Zigaretten an und schauten unauffällig zu dem Lkw rüber. Der Fahrer stieg aus und kletterte zu seinem Kollegen auf die Ladefläche. Sie bückten sich und schoben irgendwas hin und her. Aber sie luden nichts ab und nichts
auf.

»Einen richtigen Plan haben die nicht«, sagte ich.

»Vielleicht sind die mit dem Schrottfritzen verabredet«, spekulierte Freddy.

»Kann ich mir kaum vorstellen, dass der Jupp telefonische Terminabsprachen macht«, erwiderte ich. »Sieht eher so aus, als wollten die beiden sich bei ihm bedienen. Und wir hindern sie gerade daran.«

»Meinst du echt, die wollen den verrosteten Schrott klauen?«

»Vielleicht gibt’s irgendwo im Kilo ein paar Cent dafür.«

»Und was machen wir, wenn die sich nicht bald vom Acker machen?«

»Dann steige ich aus und notiere mir auffällig deren Kfz-Nummer.«

»Und wenn die das nicht gut finden?«

»Dann ziehen wir die Sache trotzdem durch.«

Die Männer auf dem Lkw schienen mindestens so viele Probleme mit unserer Anwesenheit auf dem Gelände zu haben wie wir mit ihrer. Unsere Zigaretten waren noch nicht bis zum Filter runter, da kletterten die beiden von der Ladefläche, setzten sich ins Führerhaus und fuhren weg. Sie hatten ein BM-Kennzeichen.

»Bergheimer«, sagte Freddy.

»Hauptsache, sie sind weg«, erwiderte ich. »Los jetzt!«

Freddy drehte den Zündschlüssel und setzte den Benz rückwärts vor meinen Container. Ich stieg aus und steckte den Schlüssel in das Vorhängeschloss.

Als ich die Metallklappe öffnete und sich das Sonnenlicht auf den Kartons ausbreitete, zogen sich krampfartig meine Magenwände zusammen, und mir wurde in dem Moment wieder so richtig klar, wie viel sinnlos verplemperte Energie ich in diese bedruckten Papierfetzen gesteckt, wie viel Herzblut, wie viel Ehrgeiz ich verschwendet hatte. Und nichts hatte es gebracht. Gar nichts. Seit einem Jahr lagerten die Blüten hier, und oft hatte ich daran ged
acht, den ganzen Klump einfach in die Luft zu sprengen. Im übertragenen Sinn natürlich. Rauswerfen aus meinem Leben, verbrennen, schreddern, in Salzsäure auflösen. Nur weg damit.

»Wie viel ist in so einem Karton?«, holte mich Freddy zurück nach Bickendorf.

»Hier vorne die drei. Die reichen.«

Es waren Umzugskartons von Obi, die ich mit Lassoband zugeklebt hatte. Ich griff mir einen und stellte ihn in den geöffneten Kofferraum. Freddy packte den zweiten, ich wieder den dritten.

»Abflug!«

Freddy stand in...


Pressestimmen

'Ein mitreißendes Buch, das die Geschehnisse kurzweilig und spannend erzählt. Absolut empfehlenswert!'
BANKING NEWS

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