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Auswahl aus dem Werk


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Juli 2012

Beschreibung

Beschreibung

Ernst Jünger als Zeitzeuge, als Erzähler, als Essayist, als Entomologe - das sind die Gesichtspunkte, die für unsere Auswahl gültig waren. Der Bogen spannt sich von den Tagebüchern des Ersten und des Zweiten Weltkrieges über die Erzählung "Auf den Marmorklippen", von der Dolf Sternberger sagte, sie sei "das kühnste Erzeugnis der Schönen Literatur, das während der Zeit des Dritten Reiches in Deutschland ans Licht getreten ist", bis hin zu den "Subtilen Jagden", die von den Freuden des Umgangs mit der Insektenwelt berichten. Dazwischen steht der Kriminalroman "Eine gefährliche Begegnung" und steht vor allem "Das Abenteuerliche Herz" - von Alfred Andersch als "das einzige Buch des Surrealismus in Deutschland" gerühmt. Nicht vergessen sei der Aufsatz "Sizilischer Brief an den Mann im Mond", der die unerläßliche Einführung in die Optik Ernst Jüngers bietet. Die Bände umfassen im Einzelnen: - Erster Band: In Stahlgewittern - Zweiter Band: Das erste Pariser Tagebuch / Kaukasische Aufzeichnungen / Das zweite Pariser Tagebuch - Dritter Band: Auf den Marmorklippen / Eine gefährliche Begegnung - Vierter Band: Das Abenteuerliche Herz. Figuren und Capriccios / Sizilischer Brief an den Mann im Mond - Fünfter Band: Subtile Jagden "Selected Works in Five Volumes" (Text in German) This special edition, published on the occasion of the hundredth anniversary of Ernst Jünger's birthday (March 29th,1995), presents a selection of the author's most important works. Summery of contents: Volume I: In Stahlgewittern Volume II: Das erste PariserTagebuch/Kaukasische Aufzeichnungen/Das zweite Pariser Tagebuch Volume III: Auf den Marmorklippen/Eine gefährliche Begegnung Volume IV: Das Abenteuerliche Herz, Figuren und Capriccios/Sizilischer Brief an den Mann im Mond Volume V: Subtile Jagden

Inhaltsverzeichnis

Erster Band: In Stahlgewittern
Zweiter Band: Das erste Pariser Tagebuch - Kaukasische Aufzeichnungen - Das zweite Pariser Tagebuch
Dritter Band: Auf den Marmorklippen - Eine gefährliche Begegnung
Vierter Band: Das Abenteuerliche Herz, Figuren und Capriccios - Sizilischer Brief an den Mann im Mond
Fünfter Band: Subtile Jagden

Portrait

Ernst Jünger, geb. in Heidelberg am 29. 3. 1895, war Soldat in der Fremdenlegion, dann in der Reichswehr und der Wehrmacht. Er ist der Bruder von Friedrich G. Jünger. Seine Schriften 'In Stahlgewittern' (Tageb., 1920), 'Der Kampf als inneres Erlebnis' (Essay, 1922) und 'Feuer und Blut' (En., 1925) gelten als Verherrlichung von Soldatentum und Krieg. Später Schriften gegen Gewalt und Macht. Jüngers Teilzeitideologien sind bis heute ebenso umstritten wie seine literarischen Werke.

Leseprobe

In Stahlgewittern

In den Kreidegräben der Champagne
Der Zug hielt in Bazancourt, einem Städtchen der Champagne. Wir stiegen aus. Mit ungläubiger Ehrfurcht lauschten wir den langsamen Takten des Walzwerks der Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit werden sollte. Ganz weit zerfloß der weiße Ball eines Schrapnells im grauen Dezemberhimmel. Der Atem des Kampfes wehte herüber und ließ uns seltsam erschauern. Ahnten wir, daß fast alle von uns verschlungen werden sollten an Tagen, in denen das dunkle Murren dahinten aufbrandete zu unaufhörlich rollendem Donner - der eine früher, der andere später?
Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zu einem großen, begeisterten Körper zusammengeschmolzen. Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir hinausgezogen, in einer trunkenen Stimmung von Rosen und Blut. Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. Kein schönrer Tod ist auf der Welt ... Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen dürfen!
In Gruppenkolonne antreten! Die erhitzte Phantasie beruhigte sich beim Marsch durch den schweren Lehmboden der Champagne. Tornister, Patronen und Gewehr drückten wie Blei. Kurztreten! Aufbleiben dahinten!
Endlich erreichten wir das Dorf Orainville, den Ruheort des Füsilierregiments 73, eins der ärmlichen Nester jener Gegend, gebildet durch fünfzig Häuschen aus Ziegel- oder Kreidestein um einen parkumschlossenen Herrensitz.
Das Treiben auf der Dorfstraße bot den an die Ordnung der Städte gewöhnten Augen einen fremden Anblick dar. Man sah nur wenige, scheue und zerlumpte Zivilisten; überall Soldaten in abgetragenen, zerschlissenen Röcken mit wettergegerbten, meist
von großen Bärten umrahmten Gesichtern, die langsamen Schrittes dahinschlenderten oder in kleinen Gruppen vor den Türen der Häuser standen und uns Neulinge mit Scherzrufen empfingen. In einem Torweg glühte eine nach Erbsensuppe duftende Feldküche, von kochgeschirrklappernden Essenholern umringt. Es schien, als triebe das Leben hier ein wenig dumpfer und langsamer. Der Eindruck wurde durch den beginnenden Verfall des Dorfes noch vertieft.
Nachdem wir die erste Nacht in einer gewaltigen Scheune verbracht hatten, wurden wir im Hofe des Schlosses vom Regimentsadjutanten, dem Oberleutnant von Brixen, eingeteilt. Ich kam zur neunten Kompanie.
Unser erster Kriegstag sollte nicht vorübergehen, ohne uns einen entscheidenden Eindruck zu hinterlassen. Wir saßen in der uns zur Unterkunft angewiesenen Schule und frühstückten. Plötzlich dröhnte eine Reihe dumpfer Erschütterungen in der Nähe, während aus allen Häusern Soldaten dem Dorfeingang zustürzten. Wir folgten ihrem Beispiel, ohne recht zu wissen, warum. Wieder ertönte ein eigenartiges, nie gehörtes Flattern und Rauschen über uns und ertrank in polterndem Krachen. Ich wunderte mich, daß die Leute um mich her sich mitten im Lauf wie unter einer furchtbaren Drohung zusammenduckten. Das Ganze erschien mir etwas lächerlich; etwa so, als ob man Menschen Dinge treiben sähe, die man nicht recht versteht.
Gleich darauf erschienen dunkle Gruppen auf der menschenleeren Dorfstraße, in Zeltbahnen oder auf den verschränkten Händen schwarze Bündel schleppend. Mit einem merkwürdig beklommenen Gefühl der Unwirklichkeit starrte ich auf eine blutüberströmte Gestalt mit lose am Körper herabhängendem und seltsam abgeknicktem Bein, die unaufhörlich ein heiseres Zu Hilfe! hervorstieß, als ob ihr der jähe Tod noch an der Kehle säße. Sie wurde in ein Haus getragen, von dessen Eingang die Rote-Kreuz-Flagge herabwehte.
Was war das nur? Der Krieg hatte seine Krallen gezeigt und die gemütliche Maske abgeworfen. Das war so rätselhaft, s
o unpersönlich. Kaum, daß man dabei an den Feind dachte, dieses geheimnisvolle, tückische Wesen irgendwo dahinten. Das völlig außerhalb der Erfahrung liegende Ereignis machte einen so starken Eindruck, daß es Mühe kostete, die Zusammenhänge zu begreifen. Es war wie eine gespenstische Erscheinung im hellen Mittagslicht.
Eine Granate war oben am Portal des Schlosses krepiert und hatte eine Wolke von Steinen und Sprengstücken in den Eingang geschleudert, gerade als die durch die ersten Schüsse aufgeschreckten Insassen aus dem Torweg strömten. Sie erschlug dreizehn Opfer, darunter den Musikmeister Gebhard, eine mir von den hannoverschen Promenadekonzerten her wohlbekannte Gestalt. Ein angebundenes Pferd witterte die Gefahr eher als die Menschen, riß sich wenige Sekunden vorher los und galoppierte, ohne verletzt zu werden, in den Schloßhof hinein.
Obwohl die Beschießung sich in jedem Augenblick wiederholen konnte, zog mich das Gefühl einer zwingenden Neugier an den Unglücksort. Neben der Stelle, die die Granate getroffen hatte, baumelte ein Schildchen, auf das die Hand eines Spaßvogels die Worte Zur Granatecke geschrieben hatte. Das Schloß war also wohl schon als gefährlicher Ort bekannt. Die Straße war von großen Blutlachen gerötet; durchlöcherte Helme und Koppel lagen umher. Die schwere Eisentür des Portals war zerfetzt und von Sprengstücken durchsiebt, der Prellstein mit Blut bespritzt. Ich fühlte meine Augen wie durch einen Magneten an diesen Anblick geheftet; gleichzeitig ging eine tiefe Veränderung in mir vor. [...]

EAN: 9783608932355
ISBN: 3608932356
Verlag: Klett-Cotta Verlag
Erscheinungsdatum: Juli 2012
Seitenanzahl: 1586 Seiten
Format: gebunden
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