EBOOK

Totengebet


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Juni 2001

Beschreibung

Beschreibung

Die Ermordung von Dr. Azor Sparks in einer Gasse hinter einem Restaurant entsetzt die Öffentlichkeit und läßt den Ruf nach schneller Aufklärung laut werden. Aber die Ermittlungen von Lieutenant Peter Decker zum Tode des allseits beliebten und sehr angesehenen Chirurgen bringen vorerst nur eins zu Tage: Fragen über Fragen. Warum, zum Beispiel, reagiert die Familie auf die Nachricht von Dr. Sparks¿ Tod eher überrascht als erschüttert? Und was verband den berühmten Arzt, der für seine fundamentalistischen Ansichten bekannt war, mit einer Bande gesetzloser Motorradbiker? Aber das beunruhigendste Rätsel ist die Verbindung zwischen Sparks und Deckers eigener Familie: Welche gemeinsamen Geheimnisse teilen Sparks Sohn, ein katholischen Priester, und Deckers Ehefrau, Rina Lazarus ...

Portrait

Bevor Faye Kellerman als Schriftstellerin mit ihren Kriminalromanen international und auch in Deutschland riesige Erfolge feierte, war sie Zahnärztin mit einer besonderen Liebe zur Musik. Sie lebt zusammen mit ihren Kindern und ihrem Mann, dem Psychologen und Bestsellerautor Jonathan Kellerman, in Los Angeles.

Leseprobe

1
Die Notbeleuchtung im Wohnzimmer und die Stille im Haus erinnerten Decker an die Tage nach der Scheidung|... Tage, die jederzeit eine Neuauflage erfahren konnten, wenn er es nicht schaffte, früher nach Hause zu kommen. Im Klartext: Der Esstisch war abgeräumt|... das Abendessen längst verzehrt|... und die Tür zu Hannahs Kinderzimmer geschlossen, Rina nirgends zu sehen. Natürlich war sie eine Frau mit Geduld, aber alles hatte seine Grenzen. Decker fragte sich oft, wie weit man ihre Gummiwände eindrücken konnte, bevor sie explodierte. Bislang hatte schließlich noch niemand einen Crashtest für Ehefrauen entwickelt.
Er stellte seine Aktentasche auf den blanken Tisch, fuhr sich mit den Fingern durch sein dichtes, karottenrotes Haar. Ginger kam aus der Küche. Decker bückte sich und tätschelte den Kopf des Hundes.
Hallo, mein Mädchen. Freust du dich, dass ich da bin?
Gingers Schwanz wedelte heftig.
Wie schön, dass sich wenigstens einer freut, dass ich noch lebe. Sehen wir mal nach, was der Rest der Belegschaft zum Abendessen hatte.
Decker ging müde in die Küche, hängte das Jackett über einen Küchenstuhl. Rina hatte sein Abendessen auf einem Teller im Backofen warm gehalten. Er griff nach einem Topflappen und holte den Teller heraus. Sah irgendwie nach etwas Chinesischem aus. Nur waren die Erbsen mittlerweile verschrumpelt, der Broccoli lasch und khakibraun, und auf dem Reis hatte sich eine gelbliche Kruste gebildet. Nur die Nudeln sahen noch appetitlich aus.
Er stellte den Teller auf einen Untersatz und holte Besteck. Dann wusch er seine Hände, sagte ein kurzes Gebet, zögerte jedoch einen Moment, bevor er sich setzte. Unter der Zimmertür seiner Stiefsöhne war noch ein Lichtstreifen zu sehen. Das war zu erwarten gewesen. Die Teenager gingen mittlerweile häufig später ins Bett als er. Vielleicht sollte er den Jungen zuerst Guten Abend sagen.
Konnte ja nur fünf Minuten dauern.
Die Kinder waren in letzter Zeit ziemlich beschäftigt gewesen,
hatten kaum Zeit für eine anständige Unterhaltung gehabt. Vielleicht waren sie sauer, dass er immer so spät kam. Aber wahrscheinlich war das alles nur typisches Teenagerverhalten. Seine erwachsene Tochter Cindy hatte während der Pubertät ebenfalls diese muffigen, maulfaulen Phasen gehabt. Mittlerweile machte sie ihren Doktor in Kriminologie im Osten. Eine bezaubernde junge Dame, die sich in seiner Gesellschaft sehr wohl fühlte. Wie schnell die Zeit verging|...!
Er starrte auf sein verbrutzeltes Abendessen und sein Blick schweifte automatisch weiter zu Ginger, der Hündin. Mach dir bloß keine Hoffnungen. Ich bin gleich zurück|...
Er klopfte an die Zimmertür seiner Söhne, und hörte Jake mit einem gereizten Was ist denn? antworten. Decker drehte den Türknauf. Die Tür war verschlossen.
Würde mir mal jemand die Tür aufmachen?
Schleifgeräusche. Die Rollen eines Schreibtischstuhls quietschten über den Boden. Das Schloss wurde laut entriegelt, aber die Tür blieb zu. Decker zögerte kurz, bevor er sie öffnete.
Beide Jungen saßen an ihren Schreibtischen vor einem Chaos aus Büchern und Heften. Ein mundfaules Hallo war alles, was über ihre Lippen kam. Decker erwiderte den Gruß betont laut und deutlich. Er sah seine Söhne aufmerksam an.
Sammy war im letzten Jahr groß geworden. Er maß inzwischen fast einen Meter fünfundsiebzig, und hätte damit seinen verstorbenen Vater bereits um einige Zentimeter überragt, wie Rina behauptete. Nach den Fotos, die Decker von Yitzchak kannte, war der ältere Junge ein Abbild des Vaters - hatte dasselbe längliche Gesicht, das spitze Kinn und das sandfarbene Haar. Sein Teint war hell und rein. Auf dem Nasenrücken glänzten Sommersprossen. Er hatte dunkle Augen und einen intelligenten Blick. Außerdem war er kurzsichtig wie Yitzchak, trug eine Nickelbrille. Jake dagegen hatte Rinas unglaubliche hellblaue Augen mitsamt ihrer Sehschärfe geerbt.
Die Jungen trugen noch immer ihre Schuluniformen - weißes Hemd und marineblaue Hose. D
ie Schaufäden, die Zitzits, ihrer Gebetsschals hingen über ihre Hemden, die sie lose über dem Hosenbund trugen. Jake hatte eine gestrickte Scheitelkappe, die Jarmulke, in der Farbe einer Wassermelone auf. Sammy trug eine schwarze Kippa aus Leder, in die sein hebräischer Name in Goldbuchstaben geprägt war.
Na, wie geht's, Jungs?, fragte Decker. Was macht ihr gerade?
Sammy legte sein Schulbuch beiseite. Einen Aufsatz über die Entwicklung des amerikanischen Ideals in den Werken von Mark Twain. Ein echter Stimmungstöter. Er rieb sich die Augen hinter seinen Brillengläsern und sah Decker an. Du siehst echt müde aus, Dad. Wie wär's mit was zu essen? Glaube Eema hat was für dich im Ofen gelassen.
Wollt mich wohl loswerden, was?
Nein. Dachte nur|... Sammy runzelte die Stirn. Mann, wenn man mal versucht nett zu sein! Ach, mach, was du willst. Sein Blick wanderte wieder zu seinen Notizen. Er griff nach einem Leuchtstift und begann Worte anzustreichen.
Decker war verunsichert, wusste nicht recht, wie er sich verhalten sollte. Jake rettete ihn. Harter Tag, Dad?
Ging eigentlich.
Haben die schweren Jungs heute mal eine Auszeit genommen?
Nein, das Geschäft läuft immer.
Aber keine Promis, die ihre Frauen umgebracht haben sollen?
Nein, heute mal nicht.
Schade, seufzte Jake. Hättest ziemlich cool im Zeugenstand ausgesehen.
Danke, aber ich bin da nichts Besonderes.
Mann, Dad, begann Sammy. Wo ist dein Abenteuergeist geblieben?
Abenteuer sind was für die Jungen, entgegnete Decker. Ich bin ein spießiger alter Dussel.
Du bist kein Dussel, widersprach Sammy. Was ist überhaupt ein Dussel?
Ein Idiot, antwortete Decker.
Nee, ein Dussel bist du wirklich nicht. Definitiv nicht.
Im Gegensatz zu spießig und alt.
Na besser zu spießig als zu cool. Jake grinste. Hast du den Artikel in der Zeitung gelesen? Über den Vater, den man verhaftet hat, weil er dem Vergehen eines Minderjährigen Vorschub geleistet haben soll? Mit der
Stripperin?
Was war da? Erzähl mal. Sammys Interesse war geweckt.
Jake zog eine Grimasse. Ein Vater hat eine Stripperin angeheuert. Zum zwölften Geburtstag seines Sohnes.
Sam rümpfte die Nase. Das ist krass. Er grinste breit. Ziemlich spaßig, aber krass.
Jake setzte noch einen drauf. Einer der Buben hat's seiner Mutter erzählt. Die Mutter hat sich beschwert. Da haben sie den Typ verhaftet|... Blöder geht's nicht. Der Vater hat gesagt, er habe nur versucht, ein 'cooler Dad' zu sein.
Jetzt fing Sam zu gackern an. Also, warum kannst du nicht mal so'n cooler Dad sein?
Wär bestimmt ein voller Erfolg bei euren Rabbis, bemerkte Decker.
Die würden toben, klar, sagte Jake und lachte. Aber nur, weil wir sie nicht dazu eingeladen haben.
Beide Jungen wollten sich ausschütten vor Lachen. Decker lächelte und schüttelte den Kopf. Wie ihr über Erwachsene redet!
Eine ziemlich spießige Bemerkung. Sam stand auf, gab Decker einen Kuss auf die Backe und klopfte ihm auf die Schulter. Du brauchst keine Stripperin zu meinem Geburtstag einzuladen, damit ich dich cool finde. Ein Motorrad würde schon genügen.
Deckers väterliches Grinsen war leicht zu deuten. Es sagte 'Nur über meine Leiche'. Sam zuckte mit den Schultern. War nur ein Versuch. Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Muss noch was tun. Huck Finn ruft!
Jake warf einen Blick auf seine Hausaufgaben, ein unverständliches Traktat aus dem Talmud. Schmuli, du hast doch das Baba Kama durchgenommen, oder?
Bis zum Erbrechen. Was verstehst du nicht?
Alles.
Das ist wenig, Yonkie.
Jake blinzelte auf den kleingeschriebenen Text im dicken Talmud Wälzer. Geht irgendwie um einen Kerl, der auf einem Feld gefesselt liegt|... und dann brennt das Feld|... ist das Mord oder nicht?
Nach amerikanischem Gesetz wär's Mord, sagte Decker.
Jake überging den Einwurf des Fachmannes. Keine Ahnung wovon Rabbi Josef redet. Für mich ist der Mann von einem anderen Planeten.
Warum fragst
du nicht Rabbi Schulman?, schlug Decker vor.
Jake bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick. Dad, ich kann mir nicht vorstellen, dass der Rosch Jeschiwa seine Zeit mit solchem Kram verschwendet. Der Junge seufzte. Außerdem, wer blamiert sich schon gern? Er wandte sich leicht verzweifelt an Sam. Hast du das nie durchgenommen?
Kommt mir irgendwie bekannt vor. Lies mir den Passus mal vor.
Zwischen den beiden entspann sich eine intensive Unterhaltung. Decker kam sich überflüssig vor. Ich geh erst mal was essen, erklärte er.
Beide Jungen murmelten ein kurzes Bis bald, dann wandten sie sich wieder ihren akademischen Problemen zu.
Decker trottete in die Küche zurück, wo Ginger noch unter seinem Stuhl lag. Sie hob den Kopf und jaulte Mitleid erregend. Er warf ihr ein Stück Rindfleisch zu, setzte sich und stocherte in seinem verbrutzelten Essen herum.
Zwei Minuten später kam Rina in die Küche. Ihre Wangen waren gerötet. Sie trug ihr Haar zu einem Zopf geflochten, ihre Lider waren halb geschlossen. Sie blinzelte in die Helligkeit der Küchenbeleuchtung und sah dann Peter an.
Bist du mein Ehemann oder nur ein Hologramm? Sie beugte sich über ihn und küsste ihn auf den Mund. Ah, du bist aus Fleisch und Blut.
Sehr komisch.
Ihr Blick fiel auf seinen Teller. Chinesisches Essen scheint das Warmhalten nicht zu vertragen. Ich mach dir was Frisches.
Unsinn! Nicht nötig.
Wie wär's mit Salami und Eiern?, schlug Rina vor. Ist schnell zu machen und eine Cholesterinbombe.
Decker schob seinen Teller weg. Ehrlich gesagt|... klingt großartig. Wie geht's meiner kleinen Tochter? Weiß sie überhaupt noch, wer ich bin?
Und wie sie das weiß! Du siehst todmüde aus, Peter.
Wie immer.
Rina begann seinen Nacken zu massieren. Du bist ein ziemlich verspannter Atlas. Warum bürdest du nicht zur Abwechslung mal die Weltkugel einem anderen auf?
Hab ich ja versucht. Niemand wollte sie haben.
Rina schwieg und massierte weiter.
Ahhh, das tut g
ut.
Vielleicht kannst du da was deichseln|... mich als deine Masseurin auf die Gehaltsliste des Dezernats setzen? Funktioniert das nicht so bei Politikern?
Leider bin ich ein schlechter Politiker. Decker schnaubte. Und auch kein guter Bürokrat. Außerdem kann ich nicht delegieren. Folge: Ich ersticke im Papierkram. Selbst schuld, natürlich.
Möchtest du ein Seil oder eine neunschwänzige Katze zur Selbstgeißelung?
Decker grinste. Woher kennst du eine neunschwänzige Katze?
Rina gab ihm einen Klaps auf die Schulter, ging zum Kühlschrank und nahm Eier und eine Salami heraus. Decker betrachtete seine Frau, während sie die Wurst in Scheiben schnitt und würfelte. Trotz seiner Müdigkeit hätte er sie in diesem Augenblick am liebsten vernascht. Er begriff noch immer nicht, wie ihn die Gunst der Götter so großzügig hatte bedenken können. Sie kannten sich mittlerweile seit sieben Jahren|...
Ist nicht so, dass ich nicht auch meine guten Seiten hätte, begann Decker. Ich hab sogar 'ne ganze Menge da
von.
Rina schob die brutzelnden Salamiwürfel in der Pfanne hin und her. Klingt schon besser.
Aber ich vermisse manchmal die täglichen Einsätze. Das ist alles. Die Arbeit mit Marge als Partner fehlt mir. Ich habe sie mit Oliver zusammengesteckt. Die beiden arbeiten gut zusammen. Trotzdem, glaube ich, gibt's Differenzen.
Kein Wunder. Marge packt den Stier bei den Hörnern, und Scott ist ein eitler alter Bock.
Er ist in den Vierzigern. Das ist nicht alt.
Aber er ist eitel und ein Bock.
Stimmt.
Hat Marge sich beklagt?
Nein. Marge ist ein hundertprozentiger Profi. Ich sollte mal mit ihr reden. Rausfinden, ob sie glücklich ist. Ehrlich gesagt, scheue ich mich, schlafende Hunde zu wecken. Schätze, wenn es echte Probleme gibt, erfahre ich es früher oder später sowieso.
Mit anderen Worten, du spielst Vogel Strauß und steckst den Kopf in den Sand.
Ich betreibe eine sehr selektive Vogel-Strauß-Politik. Decker strich sich über den Sc
hnurrbart. Manchmal muss man halt wegsehen. Sonst verzettelt man sich.
Das Telefon klingelte.
Beide sahen sie zur Wand. Das Lämpchen über der Büroleitung blinkte. Rina schlug die Eier in die Pfanne und verrührte sie heftig. Wie wär's, wenn du jetzt mal den Kopf in den Sand steckst, Mister Vogel-Strauß?
Lieutenant Vogel-Strauß.
Rina griff wortlos nach dem Telefonhörer. Sie drückte ihn ihrem Mann in die Hand. Er zuckte hilflos mit den Schultern.
Decker.
Marge hier. Wir brauchen dich.
Kann ich noch zu Ende essen?
Der Appetit wird dir gleich vergehen. Sie haben gerade eine einsachtzig große Leiche, Hautfarbe weiß, Geschlecht männlich, in einem 86er Buick gefunden. Einschusswunden in der Stirn und Stichwunden in der Brust. Der Mann hatte seinen Ausweis dabei. Es ist Azor Sparks, Pete!
Es dauerte einen Moment bis Decker mit dem Namen etwas anfangen konnte. Der Herz-Spezialist? An seiner Schläfe pochte eine Ader. Großer Gott! Was ist passiert?
Was ist denn?, fragte Rina.
Decker machte eine wegwerfende Handbewegung.
Der Wagen stand in einer dunklen Gasse hinter dem Tracadero's, sagte Marge. Ein Hilfskellner hat den Abfall entsorgt und dabei den Buick entdeckt. Die Fahrertür stand weit offen. Er hat reingesehen|... Herr im Himmel!|... Pete, ein streunender Hund war schon auf ihm, die Schnauze in der Brust vergraben|...
Bin schon auf dem Weg. Decker legte auf.
Rina stellte den Teller mit Salami und Eiern vor ihn auf den Tisch. Hast du nicht mal Zeit, es runterzuschlingen?
Deckers Magen krampfte sich zusammen. Nicht die Zeit oder nicht den Appetit. Schlimme Sache, Rina. Ich erzähl's dir lieber nicht.
Bringen sie's in den Nachrichten, was meinst du?
Anzunehmen. Decker zog eine Grimasse. Dr. Azor Sparks, der berühmte Herzchirurg. Man hat ihn tot in seinem Wagen gefunden|... in einer finsteren Gasse hinter einem Restaurant.
Rina wurde augenblicklich blass. Ihre Hand fuhr an die Kehle. Decker sah seine Frau
an. Sie war aschfahl. Setz dich, Liebes|...
Ja, schon gut. Sie sank auf einen Stuhl.
Ein Schluck Wasser?
Nein, ich|...
In der Küche war es still. Decker beobachtete Rina aufmerksam. Rina, hast du diesen Mann gekannt?
Langsam schüttelte sie den Kopf. Nicht persönlich. Aber vom Hörensagen.
Tut mir Leid, dass ich dir immer wieder solche Sachen nach Hauses bringe.
Der Schrei eines Kleinkinds schallte durchs Haus. Rina erhob sich mit zittrigen Knien. Hannah ist aufgewacht. Wie wenn sie einen sechsten Sinn hätte|... Ich sehe nach|... Sie holte tief Luft, lächelte ihrem Mann zu und ging ohne ein Wort des Abschieds.
Decker wartete einen Moment, dann zog er sein Jackett an. Rinas heftige Reaktion verwirrte ihn.
Komisch.
Vielleicht auch nicht.
Morde waren nicht gerade ihr täglich Brot.


2
Das Tracadero's war eines dieser schicken, superhippen, stinkvornehmen Nouvelle-Cuisine-Restaurants im West Valley oder wie auch immer Etablissements dieser Sorte heutzutage bezeichnet wurden. Decker schloss daraus nur eines: Man bezahlte viel Geld für Spatzenportionen. Er war einmal dort gewesen. Innen wirkte alles wie ein riesiger Gerüstbau. Für Deckers Geschmack hätte man dasselbe mit einer Lunchtüte auf einer Baustelle haben können, nur wäre es billiger gewesen. Das Restaurant war in der Mitte einer Einkaufsmeile gelegen.
In einer langen Meile. Decker eilte auf einer hell erleuchteten Straße an einer Pizzeria, einer Kleiderboutique, einem Gitarrenladen, einer Apotheke, einem Beautysalon und einem Aquariengeschäft mit tropischen Fischen vorbei. Es war ein nebelig kühler Abend, die Sterne leuchteten gedämpft durch eine dünne, trübe Dunstdecke. Das gelbe Absperrband der Mordkommission war quer über den Zugang zu der Seitenstraße gespannt, und zwei Streifenwagen blockierten Kühlerhaube an Kühlerhaube die Zufahrt, um den Durchgangsverkehr umzuleiten. Je näher er dem Tatort kam, desto dichter wurde das Gedränge. Uniformierte und
Beamte in Zivil umkreisten den bronzefarbenen Buick. Beißender Gestank von Müll mischte sich mit dem metallischen Geruch von frischem Blut und Exkrementen.
Marge und Oliver waren bereits am Tatort. Ebenso wie Martinez und Webster, die neuesten Importe der Kripo von Devonshire. Bert Martinez kam vom Van Nuys Revier, wo er in der Abteilung Personendelikte gearbeitet hatte. Tom Webster war ein Transplantat aus Mississippi mit zehnjähriger Erfahrung als Streifenpolizist und einem Doktor in Kompositionslehre. Zusammen mit dem Veteranen Farrell Gaynor würden sie das Team für diesen Fall bilden, da Mord meistens von Fünfergruppen bearbeitet wurde. Gaynor war unterwegs. Seine Frau wurde auf Nachfrage dahingehend zitiert, dass er gerade das Haus verlassen habe. Der alte Mann bewegte sich wie eine Schnecke, hatte jedoch ein analytisches Auge fürs Detail und die nötige Geduld für Papierkram.






Pressestimmen

"Sie hat es schon wieder getan: Kellermans neuester Decker/Lazarus-Roman überzeugt mit jeder Nuance, jedem Wort. Ein Muss!"
EAN: 9783442725601
ISBN: 3442725607
Untertitel: Roman. Originaltitel: Prayers For the Dead. 'btb'.
Verlag: btb Taschenbuch
Erscheinungsdatum: Juni 2001
Seitenanzahl: 480 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Christine Frauendorf-Mössel
Format: kartoniert
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