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Utopie und Entzauberung


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August 2002

Beschreibung

Beschreibung

Mit Leidenschaft, Ironie und Scharfsinn erzählt Claudio Magris in seinem Essayband von einer Vielzahl von Themen: der Rolle des Intellektuellen in der Politik, der Erfahrung der Grenze, der Frage nach dem freien Willen, und von Autoren der Weltliteratur. "Claudio Magris hat die Topographie unserer Kultur in vielen wundervollen, rätselhaften und komischen Einzelheiten gezeichnet." (Adolf Muschg)

Portrait

**Claudio Magris** ist ein italienischer Schriftsteller, Gelehrter und Übersetzer. Magris ist Essayist und Kolumnist für die italienische Tageszeitung Corriere della Sera und andere europäische Zeitungen. Durch seine unzähligen Studien zur mitteleuropäischen Kultur gilt er als deren größter Förderer in Italien. Professor Magris ist Mitglied vieler europäischer Akademien und war von 1994 bis 1996 Senator im italienischen Parlament.
**Claudio Magris wurde mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2009 ausgezeichnet:**
Aus der Begründung des Stiftungsrats
"Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2009 Claudio Magris und ehrt damit den italienischen Literaturwissenschaftler, Essayisten und Romancier, der sich wie kaum ein anderer mit dem Problem des Zusammenlebens und Zusammenwirkens verschiedener Kulturen beschäftigt hat. In zahlreichen Werken erzählt er von der Vielfalt der Systeme und Sprachen Mitteleuropas, von Eigentümlichkeiten und Gegensätzen. Erzählendes und Reflektierendes, Faktisches und Fiktionales verbindet Claudio Magris in seiner ganz eigenen literarischen Weise und hebt dabei hervor, wie kreativ die Verschiedenheit sein kann, wenn sie denn in ihrer Eigenart geachtet und beachtet wird. Dies führt zu einem Verständnis, das ihn zu einem streitbaren Gegner von Ausgrenzung und kulturellem Dominanzdenken gemacht hat. Claudio Magris tritt für ein Europa ein, das nicht allein unter ökonomischen Gesichtspunkten sein Selbstverständnis erreicht, sondern seine geschichtliche und kulturelle Tradition und Vielfalt bedenkt und darauf beharrt. Es ist das Verständnis eines Humanismus des Einzelnen, der von der mitteleuropäischen Kulturtradition abgeleitet ist und wird dem gerecht, was Claudio Magris ,unser ironisches Gefühl für das Vielfältige' nennt."

Leseprobe

Ein Papierkügelchen oder
Über das Vorurteil


Es muß im April oder Mai 1956 in Triest gewesen sein. Wir waren etwa in der fünften Gymnasialklasse, und in der Griechischstunde hatte einer meiner Kameraden namens Cecovini ein Papierkügelchen abgeschossen, das unvermutet auf dem kahlen Schädel des am Pult über das Klassenbuch gebeugten Lehrers gelandet war. Der blickte auf, sah vor sich in der ersten Reihe den Schüler De Cola sitzen und machte ihn sofort und ohne zu zögern als den Schützen aus. "Du, mein lieber De Cola, der du dich damit amüsierst, Papierkügelchen zu schießen..." Der Beschuldigte beteuerte heftig seine Unschuld, doch vergebens, denn der Lehrer fuhr, gutmütig zwar, aber unbeirrt, fort, auf ihn einzureden: "Tja, mein lieber De Cola, du hast nun mal die Angewohnheit, Papierkügelchen zu schießen, ich weiß... dir macht es Spaß, den Pandaros zu spielen, den trojanischen Bogenschützen, wie?"
Nach ein paar Minuten erhob sich der wahre Schuldige, Ehrenmann, der er war, und sagte: "Herr Professor, das war ich." Worauf der Lehrer einen zerstreuten Blick auf ihn warf und erwiderte: "Ach, du warst das, na gut...
aber auch du, De Cola, mit deiner Neigung, Papierkügelchen zu schießen..." Von diesem Tag an wandte sich unser Griechischlehrer, ein großer Kenner und Vermittler seines Fachs, jedesmal, wenn er das Klassenzimmer be-trat, sofort an De Cola: "Du, der immer Papierkügel-
chen schießt... ich weiß, ich weiß, neulich ist es Cecovini gewesen, aber auch du, mit dieser schlechten Angewohnheit..."
Diese Unterrichtsstunde, die den Mechanismus eines Vorurteils aufdeckte und zeigte, wie tief es sich in uns einnistet, ohne sich von den Dementis der Realität beirren zu lassen, habe ich nie mehr vergessen. Die Tatsache, daß De Cola dieses eine Mal keine Papierkügelchen geschossen ha
tte, war für den Lehrer etwas ebenso Zufälliges und Unwesentliches wie die, daß es dieses eine Mal Cecovini gewesen war. Notwendig und fundamental war in seinen Augen vielmehr die Tatsache, daß nach seiner Meinung in De Colas Wesen eine schuldhafte Neigung lag, Papierkügelchen zu schießen, auch wenn er sie nicht schoß. Genauso hat der Antisemit, der davon überzeugt ist, daß die Juden bei ihren Ritualen Christenkinder töten, noch nie einen Juden diesen Mord begehen sehen, und vielleicht gibt er sogar zu, daß ein solches Verbrechen nie bewiesen oder auch nie begangen wurde, aber das hat keinen Einfluß auf seine Überzeugung, denn für ihn kommt es nicht darauf an, ob die Juden diese Missetaten begehen oder nicht, sondern nur, daß sie ihrer Veranlagung nach dazu neigen, sie zu begehen.
Eine solche Überzeugung kann, gerade weil sie sich auf nichts gründet, nicht ausgeräumt werden, und verbleibt daher unausrottbar und souverän im Innersten der Seele, in jenen Hohlräumen des Unbewußten und jenem Herzensbrei, wo die Logik und der Satz vom Widerspruch leider wenig Macht zu besitzen scheinen. Als zum Beispiel ein Gesundheitsminister sagte, daß bei Aids die Prophylaxe keine absolute Garantie gegen die Ansteckung biete, hat man sich nicht gefragt, ob seine Behauptung begründet
sei oder nicht, ob die Prophylaxe eine hundertprozentige Sicherheit biete oder eine siebzig-, vielleicht auch achtzigprozentige Wahrscheinlichkeit, die Krankheit nicht zu bekommen. Da es sich um einen christdemokratischen Minister handelte, wurde von vornherein, unabhängig von irgendeiner Überprüfung, davon ausgegangen, daß seine Behauptung parteiisch sein, daß sie auf repressiver Bigotterie basieren müsse.
Es gibt ungezählte Beipiele, komischer und tragischer Art, und sie reichen von jahrhundertealten Vorurteilen, die ganze Gruppe
n - Völker, soziale Schichten, Frauen - mit Gewalt und Diskriminierung überzogen haben, bis zu den hartnäckigen Gewohnheiten, die jeden von uns, Tag für Tag, in lächerlicher und kleinkarierter Weise gefangenhalten.
Als guter Aufklärer ziehe ich die irrationalen und abergläubischen Koketterien, die Astrologie, die Parapsychologie und überhaupt alles, was "para" ist, gar nicht erst in Betracht und finde es ungehörig, daß das Fernsehen mit der Wettervorhersage auch das Horoskop anbietet. Einmal aber passierte es, daß ein freundlicher Astrophysiker, der wie ich diesen ganzen obskurantistischen Quatsch ablehnte, unter keinen Umständen zugeben wollte, daß wir gleicher Meinung waren; er behauptete vielmehr steif und fest, daß es zwischen uns Meinungsunterschiede gebe, die er jedoch nicht benennen konnte, denn offensichtlich war er von Haus aus überzeugt, daß ein Literat keinen rationalen Verstand haben könne und zumindest ein wenig auf die Jahrmarktsbudenmagie hereinfallen müsse. Ich führe anderer Leute Beispiele an, weil ich, "da solcher Widerspruch sich nicht verträgt", wie Dante sagt, meine eigenen dunklen Vorurteile nicht offenlegen kann, die sich, einmal ans Licht gebracht, auflösen und nicht mehr existieren würden, aber ich gebe mich bestimmt nicht der Illusion hin, aufgeklärter zu sein als unser Griechischlehrer oder dieser Astrophysiker.
Jenes weit zurückliegende Papierkügelchen, an dem man seinen Spaß haben kann wie an so vielen vergnügten und ausgelassenen Stunden der Schulzeit, wird schwer verdaulich für den, der weiß, daß die Vernunft, wie einmal gesagt wurde, ein kleines Flämmchen ist und das Universum eine unermeßliche finstere Nacht, aber daß wir nur diese kleine Flamme haben und daß sie gerade deshalb so wertvoll, unsere einzig mögliche Rettung ist.
Ein wahrer
Aufklärer, frei von jedem naiven Triumphgefühl, muß, um diese Flamme besser zu schützen, wissen, wie leicht sie von den Stürmen des Lebens ausgelöscht werden kann. Mag sein, daß mitten im Sumpf dieses Licht nur flimmert, daß es die Unterscheidungen nicht deutlich werden läßt im Treibsand des Vorurteils und des Ressentiments, in der Nacht, in der alle Katzen grau sind und in der alles gleichzeitig mit seinem Gegenteil zu existieren scheint - in einem Durcheinander von verschwommenen Begriffen und Impulsen, die mit Ideen verwechselt werden. Wie die Helden aus den Erzählungen E.T.A. Hoffmanns macht jeder von uns - bei sich und den anderen - die Erfahrung, wie unsicher die Lichter der Vernunft sind und wie groß, komplex und mächtig das Reich ist, das sich gegen diese Erhellung wehrt, das individuelle und kollektive Unbewußte mit seinen finsteren, zwanghaften Stereotypen. Aber wie die Helden bei Hoffmann weiß jeder von uns auch, daß allein jene Lichter es erlauben, sich dieser Finsternis zu stellen und daß nur der, der versucht, sie zu erhellen und Handbreit für Handbreit zu durchmessen, ohne ihr zu verfallen, auch dem Mysterium, dem, was uns - noch - unbekannt ist, gerecht wird. In einer Erzählung von Chesterton entlarvt Pater Brown einen falschen Priester, als er ihn gegen die Vernunft schwätzen hört und daraufhin begreift, daß er nicht Theologie studiert haben kann.
In mir hält sich der Glaube an die Aufklärung hartnäckig, auch wenn die Wirklichkeit nicht oft dazu beiträgt, ihn zu untermauern. Er ist zum Beispiel die Voraussetzung für jeden Artikel, den man in ein

EAN: 9783446202160
ISBN: 3446202161
Untertitel: Geschichten, Hoffnungen und Illusionen der Moderne.
Verlag: Hanser, Carl GmbH + Co.
Erscheinungsdatum: August 2002
Seitenanzahl: 368 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Ragni Maria Gschwend, Karin Krieger
Format: gebunden
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