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Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär


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Dezember 2002

Beschreibung

Beschreibung

Ein Blaubär, wie ihn keiner kennt, entführt den Leser in eine Welt, in der Phantasie und Humor auf abenteuerliche Weise außer Kontrolle geraten sind. In 13 1/2 Lebensabschnitten kämpft sich der Held durch ein märchenhaftes Reich, in dem alles möglich ist - nur nicht die Langeweile!

Portrait

Der Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz ist der bedeutendste Großschriftsteller Zamoniens. Berühmt wurde er durch seine 25-bändige Autobiographie "Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers", ein literarischer Bericht über seine Abenteuer in ganz Zamonien und vor allem in der Bücherstadt Buchhaim.Sein Schöpfer Walter Moers hat sich mit seinen phantastischen Romanen, weit über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus, in die Herzen der Leser und Kritiker geschrieben. Alle seine Romane wie "Die 13 ¿ Leben des Käpt'n Blaubär", "Die Stadt der träumenden Bücher", "Der Schrecksenmeister" und "Das Labyrinth der Träumenden Bücher" waren Bestseller.Neben dem Kontinent Zamonien mit seinen zahlreichen Daseinsformen und Geschichten hat Walter Moers auch so erfolgreiche Charaktere wie den Käpt'n Blaubär, das Kleine Arschloch und die Comicfigur Adolf, die Nazisau geschaffen.

Leseprobe

Aus dem Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller


Großer Wald, der: Der Große Wald verdankt seinen etwas einfallslosen Namen der Tatsache, daß sich niemand gerne mit ihm beschäftigt, nicht einmal in Gedanken. Grundsätzlich wird er einfach gemieden, man umgeht ihn weiträumig und rät jedem davon ab, ihn zu betreten. Die wenigen, die dieser Empfehlung nicht gefolgt sind und den Wald betraten, wurden nie wieder gesehen. Manche behaupten, der Wald sei von Pflanzengeistern und Blatthexen bewohnt, andere mutmaßen, daß er ein einziges zusammenhängendes bösartiges Wesen ist, dessen Wurzeln in die Hölle reichen und vom Gehörnten persönlich begossen werden. Woher diese Legenden stammen und auf welchem tatsächlichen Umstand sie beruhen, ist unbekannt. Die Bewohner von Zamonien haben sich einfach stillschweigend darauf geeinigt, den Großen Wald nicht zu betreten.


Es wurde gerade Nacht, als ich in den Wald hinein wanderte. Derlei Ammenmärchen lassen mich kalt, Wälder verursachen mir keine Furcht mehr, seitdem ich auf der Klabauterinsel gelebt habe, so etwas härtet ab. Im Gegenteil, ich genoß die kühle Stille und vor allen Dingen die frische Luft. Nach der langen Zeit in den muffigen Stollenlabyrinthen erschien mir Frischluft wie ein unerhörter Luxus. Das Gewitter hatte sich so rasch verzogen, wie es gekommen war, nur noch ein leichter Wind bog die Wipfel der Bäume, darunter war es still und kühl wie in einer Kathedrale. Wenn ich nach oben blickte, konnte ich durch das Blätterdach gelegentlich die schwarze Tiefe des Weltalls mit seinen funkelnden Sternen sehen. Soviel Raum über mir! Ich marschierte munter voran, immer tiefer hinein in den dichter werdenden Wald. Sollte hier ein Pflanzengeist oder eine Blatthexe wohnen: Ich hätte gegen etwas Gesellschaft nichts einzuwenden gehabt.
Wirklich bedenklich war nur die absolute Stille. Selbst im Klabauterwald hatte es Geräu
sche gegeben, Käuzchenrufe, Vogelgezwitscher und die Morsezeichen der Spechte, das Huschen der Eichhörnchen und das allgegenwärtige Knistern des Waldbodens, durch den sich die Insekten wühlten. Hier hörte man nichts davon, nur das Stapfen meiner Schritte auf dem weichen Blätterboden und gelegentlich ein morsches Knacken, wenn ich auf einen Ast trat. Der Ruf des Großen Waldes war tatsächlich so schlecht, daß selbst Würmer und Ameisen ihn mieden.
Als ich schließlich müde wurde vom Wandern und der vielen frischen Luft, rollte ich mich einfach auf dem Waldboden zusammen, deckte mich mit Blättern zu und schlief ein. Es war der erholsamste Schlaf, den ich seit langer Zeit gehabt hatte, vollkommen traumlos und ruhig wie der Große Wald.


Am nächsten Morgen erwachte ich spät, es war schon fast Mittag. Ich sammelte ein paar Beeren, Nüsse und Kastanien, mampfte dazu ein Büschel Löwenzahn und spülte alles mit frischem Quellwasser hinunter. Dann marschierte ich los, mit dem Ziel, den Wald so bald wie möglich hinter mir zu lassen und in die nächstbeste Zivilisation einzutreten. Ein kleines Dorf am Waldrand schwebte mir vor, in dem ich mit meinem in der Nachtschule erworbenen Wissen für eine begrenzte Zeit einen Beruf ausüben konnte. Ich könnte als Lehrer arbeiten und Astronomie unterrichten und Fossilienkunde, Nachtigallerismus, zamonische Archäologie und ferromagnetische Tiefsee-Botanik. Sie nennen den Beruf, und ich führe ihn aus. Spitzenklöppler gesucht? Ich bin Ihr Mann! Ich hätte als Schwammtaucher genauso arbeiten können wie als Geigenbauer, Winzer, Klavierstimmer oder Zahnarzt. Ich könnte als Übersetzer tätig sein und Bücher aus allen Sprachen der Welt ins Zamonische übertragen oder umgekehrt. Vielleicht wurde gerade ein Teleskoplinsenschleifer gesucht oder ein Fachmann für geodätische Schwingungen zwischen den Polkappen.
Vielleicht könnte ich sogar selbst eine kleine Privatschule eröffnen, um als Lehrkraft Nachtigallers Fackel der Weisheit weiterzure
ichen. Meine beruflichen Möglichkeiten waren dank der exzellenten Ausbildung an der Nachtakademie geradezu grenzenlos.


Der Wald war, ganz entgegen seinem schlechten Ruf, wunderschön. Das Schönste an ihm war, daß er ein ganz normaler Wald war. Es war kein lianendurchwucherter, kaum passierbarer Urwald wie auf der Klabauterinsel, auch kein unnatürliches Tropenparadies mit singenden Blumen und Pflanzen aus Glas wie auf der Gourmetica Insularis, es war einfach ein gesunder Wald, wie er in gemäßigten klimatischen Zonen wächst, mit hohen Tannen und dicken Eichen, schlanken Pappeln und besonders vielen weißgrauen Birken, die alle in so regelmäßigen Abständen wuchsen, als wären sie einzeln von Hand gepflanzt worden. Hier und da ein Beerengebüsch, alle naselang eine Wiesenlichtung mit Margeriten und Fliegenpilzen und einem dicken Klecks Sonnenlicht darauf und viele kleine glasklare Bäche und Tümpel.
Es war ein echtes Vergnügen, ihn zu durchwandern, nicht das geringste Hindernis stellte sich einem in den Weg, nicht einmal ein umgefallener Baum. Die chronischen Kopfschmerzen, der dauernde Reizhusten vom Eisenstaub, der schmerzende Rücken vom gebeugten Gehen, all das war vorbei. Ich marschierte fast ohne Unterbrechung einen ganzen Tag lang, aus reiner Begeisterung am Gehen in unvertunnelter Natur. Und schon fiel wieder die Dämmerung über den Wald. Bald würde ich mir ein Lager suchen müssen: An Schlafgelegenheiten herrschte kein Mangel, ich hatte die Qual der Wahl, mich für eines der zahlreichen malerischen Quartiere zu entscheiden. Ich war kurz vor einer Lichtung angekommen, als mir ein Gefühl die Nase hochstieg, das ich noch nie wahrgenommen hatte.
Nun wird man mit Recht einwerfen, daß man Gefühle nicht mit der Nase wahrnimmt, aber genau das war hier der Fall:
Ich roch das Gefühl, zu Hause zu sein.
Das war zwar seltsam, aber keineswegs beunruhigend. Und dann hörte ich die schönste Klangfolge meines bisherigen Lebens. Jemand summte ein Lied, so
hell und makellos, daß mir Tränen der Ergriffenheit in die Augen schossen. Vorsichtig ging ich zum Rand der Lichtung, nahm Deckung hinter einer großen Eiche und spähte aus, woher der Gesang kam.
Auf der Lichtung saß, mitten in einem Margeritenmeer, von den letzten schräg einfallenden Sonnenstrahlen illuminiert wie eine Heilige auf einem alten Gemälde - ein Mädchen. Und es war nicht irgendein Mädchen: Es war ein Bärenmädchen, und es trug ein blaues Fell, genau wie ich.


Aus dem
Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder,
Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung
von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller


Großer Wald, der (Forts.): Es gibt eine Sage, die behauptet, der Große Wald sei vor vielen Jahren, in seinen bewohnten Tagen, von einer besonderen Sorte Bären bewohnt gewesen, einer Sorte mit farbigem Fell (#Buntbären, die). Sie sollen gutmütig und seßhaft gewesen sein, mit einer Begabung für die Bienenzucht. Eines Tages seien die Bären aus dem Wald verschwunden, berichtet die Sage noch, aber niemand weiß, warum und wohin sie gegangen sind.
Kein Wunder, daß ich mich hier heimisch fühlte. Vielleicht war dies der Wald meiner Urahnen. Irgend etwas mußte an dieser Legende dran sein, das sagte mir mein Gefühl, und die Existenz des Blaubärmädchens bewies es viel eindrücklicher.
Wenn ich im Überschwang der Gefühle glaubte, daß das Fell des Bärenmädchens die gleiche Farbe wie meines hatte, dann ist das nicht ganz richtig. Während meins von eher dunklem Marineblau ist, mit einem Stich Ultramarin, so wie das tiefe, wild bewegte Meer, war das ihre viel heller, wie das Blau des Himmels, der Kornblumen oder des Vergißmeinnichts.
Ich hatte noch nie in meinem Leben etwas Faszinierenderes gesehen. Ab jetzt, für alle Zeiten, war dieses Mädchen das Zentrum meines Daseins. Ich existierte nur aus dem einen Grunde, das Blaubärmädchen zu lieben. Ich wollte es gegen jede Gefahr, die es wagen würde, sich gegen unser Glück zu stellen, m
it Krallen und Zähnen verteidigen, und ich würde der Gefahr dafür das Herz aus dem Leib reißen und ungekocht verspeisen, wenn sie eins hätte. Ich fühlte mich imstande, den Ozean auf eine Tasse Fischsuppe einzukochen, nur mit dem Feuer meiner Liebe. Ich könnte den Lauf der Welt anhalten, rückwärts- und dann wieder vorlaufen lassen, nur um jene Geste noch einmal zu sehen, mit der sie sich die Margeritenblüte hinters Ohr steckte.
Nur eins, da war ich mir vollkommen sicher, konnte ich nicht: das Blaubärmädchen ansprechen.
Man wird nun mit einiger Berechtigung erwarten, daß ich nichts Eiligeres zu tun gehabt hätte, als mich diesem wunderschönen Geschöpf vorzustellen und sein Herz zu gewinnen. Schließlich war dies, abgesehen von all den anderen Vorzügen, das einzige andere Blaubärwesen, dem ich jemals begegnet war. Meine Sehnsucht, mich mit dem Mädchen zu unterhalten, war fast schmerzhaft, die Umstände für ein erstes Rendezvous hätten besser nicht sein können: der Sonnenuntergang, mein erholtes Äußeres, die schöne Lichtung. Das Schicksal hatte uns füreinander bestimmt (da war ich sicher). Aber in diesem Augenblick überkam mich eine Empfindung, die ich in meinen bisherigen Leben in dieser Form noch nicht gespürt hatte: Schüchternheit. Instinktiv suchte ich noch besseren Sichtschutz hinter einem großen Brennesselfeld.
Bei dem bloßen Gedanken, aus dem Gebüsch zu treten und mich dem Mädchen vorzustellen, brach mir der kalte Schweiß aus. Was wäre, wenn ich stolpern und mich der Länge nach hinlegen würde? Was, wenn es mich auslachen würde? Oder vor mir erschrecken? Der erste Eindruck ist immer der wichtigste, sagt man. Vielleicht fand sie mich häßlich? Wie lag überhaupt mein Fell? Hatte ich Mundgeruch? Stand mir die Hose offen? Hatte ich mir die Ohren gewaschen? Solche und ähnlich absurde Gedanken schossen mir durch den Kopf, und in meinem damaligen Zustand erschienen sie mir vollkommen vernünftig. Also blieb ich zunächst wie gelähmt in meinem Gebüsch sitzen und b
eschränkte mich darauf, das Blaubärmädchen aus der Ferne zu bestaunen.
Und das war auch im wesentlichen das einzige, was ich in den nächsten Tagen tat: Ich blieb im Verborgenen und beobachtete das schöne Mädchen. Der Wald und seine dichten Gebüsche, die korpulenten Eichen mit ihren verzweigten Baumkronen und das hohe Gras, die Brennesseln, Brombeerbüsche und Farne boten reichlich Gelegenheit zum Verstecken.
Das Blaubärmädchen wohnte in einem kleinen Haus am Saum der Lichtung, wo ich es zum ersten Mal gesehen hatte. Das Haus war ganz aus Holz gebaut und mit Ästen gedeckt. Und hier gab es all die Tiere, die ich im Wald vermißt hatte. Als suchten sie hier Schutz, hatten sie sich alle in der Nähe oder direkt auf der Lichtung eingerichtet. Vögel hatten ihre Nester in das Blätterdach gebaut, Eichhörnchen und Wühlmäuse gingen durch Türen und Fenster wie selbstverständlich ein und aus. Zitronenfalter flatterten über die Lichtung, dicke Hummeln brummten beim Honigsuchen ihr zufriedenes Hummellied, und auf dem kleinen Bach, der die Lichtung in zwei Hälften teilte, schwamm eine neunköpfige Entenfamilie.
Vor dem Haus war ein kleiner Garten angelegt, streng fachmännisch in Nutz- und Zierabteilungen abgegrenzt, in dem speckige Blumenkohlköpfe und feiste Kürbisse wucherten, pralle Tomaten glänzten und große Rhabarberblätter einer Doppelreihe Radieschen Schutz vor der Sonne boten. Rosmarin, Petersilie und Schnittlauch wuchsen neben knallrotem Klatschmohn und wilden Rosen. Ein drolliges kleines Kartoffelfeld, ein paar Reihen Mohrrüben und Zwiebeln, ein Miniatururwald aus Brunnenkresse, Majoran, Minze und Salbei - hier sorgte nicht nur eine geschmackssichere Hand für ästhetische Ordnung, hier herrschte offensichtlich auch eine solide Kenntnis der nötigen Grundnahrungsmittel und der dazu passenden zamonischen und internationalen Würzkräuter. Salbei wuchs dort zusammen mit Zwiebelkraut und Dornendill, Septemberknofel und Zinnoberzimt, Kleinmädchenrauke und Silbersaat, Eie
rwurz und Korianderkraut, Kaninchenglück und Elfenranke, Peitschenpilz und Senfsalat, Panamapälmchen, krausblättrigem Petroselinum und Winterwulstling, Pantoffelblümchen und Geisterfinger.
In den Zierabteilungen wuchsen die schönsten der zamonischen Blumen mit anderen, exotischen Arten einträchtig nebeneinander. Hexenstolz und Goldprimel, Immenblatt und Kamillenkraut, Hutzenweiß und Mandragoraglocke, Korallenfarn, Engelsauge, Stiefpilzchen, Fhernhachenrose, Pfeifentulpe, Ranunkelblüte, Petersilienorchidee, Seepferdchengras, Sassafrasranke und Nattifftoffenmoos. Kokostulpe, Schwarze Susanne und Paradieslilie - alles so trefflich arrangiert wie auf einem Gemälde von Meisterhand. Hier ließ es sich leben.
Das Blaubärmädchen brachte seinen Tag damit zu, die Tiere zu füttern und die Pflanzen zu hegen, manchmal verschwand es auch morgens mit einem Korb im Wald und kehrte erst zur Dämmerung mit frisch gesammelten Früchten, Beeren und Steinpilzen zurück. Abends zogen dann verlockende Düfte aus dem Haus über die Lichtung, wenn es sich sein Abendessen zubereitete.
Ich beobachtete das Mädchen bei all seinen Tätigkeiten, beim Jäten im Garten, beim Füttern der Tiere, beim Lesen auf der Wiese - es war also offensichtlich auch noch gebildet. Wie ich mit Entzücken registrierte, war es nicht irgendein Buch, das es da las, sondern Professor Nachtigallers Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung!
Sie besaß tatsächlich ein gedrucktes Exemplar. Was für eine solide Grundlage für endlose gebildete Konversation! War sie vielleicht eine ehemalige Nachtschulenabsolventin, so wie ich? Ich addierte: Sie war schön, intelligent, liebenswürdig zu Tieren, konnte kochen, singen, war eine Bärin und hatte ein blaues Fell. Hier sammelten sich Pluspunkte.
Ich folgte ihr schließlich auch beim Waldspaziergang, in gebührendem Abstand, von Baumversteck zu Buschversteck huschend, wie ein verrückter, schüchterner Waldgeist. Zahlreiche Ti
ere liefen ihr zu und ließen sich streicheln, sie tauchten überall aus ihren Verstecken auf, wo immer das Mädchen auch hinging. Eichhörnchen hüpften im Takt ihres Gesangs und piepsten den Refrain mit, ein weißer Hirsch trug gelegentlich eine Weile ihren Korb mit dem Geweih: Sie war offensichtlich beliebt bei allen Geschöpfen des Waldes und geschickt im gesellschaftlichen Umgang. Selbst die rabiaten Wildschweine wurden in ihrer Gegenwart zu verspielten Schoßtierchen.
Ich bespitzelte sie jetzt schon bei jeder Gelegenheit, vom morgendlichen Gähnen und Gliederstrecken in der Haustür bis zum nächtlichen Auspusten der Kerzen auf der Fensterbank. Und - ich schreibe es unter heftigem Erröten nieder - ich beobachtete sie auch beim morgendlichen Baden im Bach.
Nie hatte ich ein solch unerklärliches Glücksgefühl nur dadurch empfunden, jemanden einfach zu sehen oder, noch erstaunlicher: nur dadurch, an ihn zu denken. Und dieses Gefühl wuchs mit jeder Stunde, jedem Tag, den ich in der Gegenwart des Blaubärmädchens verbrachte, und mit ihm wuchs auch die Abscheu vor mir selbst und vor meiner Feigheit, mich zu offenbaren. Jeden Morgen versprach ich mir, einen günstigen Augenblick abzuwarten und aus dem Wald zu treten, mich artig vorzustellen und ihr einen Antrag zu machen. Aber dann blieb ich doch wieder zwischen den Rhabarberblättern hocken wie ein verängstigtes Kaninchen.
Eines Morgens wachte ich etwas verspätet auf, und das Blaubärmädchen war schon im Wald verschwunden. Eine Weile ärgerte ich mich über meine Verschlafenheit, dann beschloß ich in meiner grenzenlosen Niedertracht, daß dies eine vortreffliche Gelegenheit war, in den Privatbereich des Mädchens einzudringen. Ich schlich über die Lichtung und trat auf die Verandatreppe. Die erste Stufe bog sich unter meinem ungewohnten Gewicht und krächzte einen weithin hörbaren Schmerzensschrei in den Wald. Sofort zuckte ich zurück und horchte. Kam sie zurück? Nein, da war nichts.
Also schlüpfte ich über die Veranda
durch die Tür in die kleine Wohnküche des Hauses. Mein Gott, war das niedlich! Winzige putzige Täßchen standen da auf den Regalen, wie gemacht für kleine zierliche Hände, daneben Tellerchen, auf die gerade mal ein Bissen paßte, ja, alles in dem Haus schien extra für jemanden gemacht zu sein, der mindestens drei Nummern kleiner war als ich. Ich ging zum niedlichen kleinen Herd und hob den Deckel von einem niedlichen kleinen Topf. Entzücken! Darin befanden sich fünf niedliche kleine Knödel, in sämiger brauner Soße, und bevor ich nachdenken konnte, hatte ich schon einen davon verschlungen.
Er schmeckte sensationell gut, ein auf die Sekunde genau pochierter Kartoffelmehlklops, perfekt gesalzen und mit Safran verfeinert, außen samtig und innen weich wie ein Pfirsich, mit einem Herz aus einer überirdisch delikat komponierten Masse aus Semmelbröseln, Rosinen und Dörrpflaumen, aus der ein Aroma aus Zwiebeln, Muskat und schwarzem Pfeffer den Gaumen kitzelte, bevor der Knödel wie Sahne auf der Zunge zerging.


Pressestimmen

"-genial lustig. -Man kann es immer wieder lesen, ohne dass es langweilig wird."


EAN: 9783442453818
ISBN: 344245381X
Untertitel: Die halben Lebenserinnerungen eines Seebären; mit zahlreichen Illustrationen. Unter Benutzung des 'Lexikons der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung' von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller. 'Goldmanns Taschenbücher'.
Verlag: Goldmann TB
Erscheinungsdatum: Dezember 2002
Seitenanzahl: 704 Seiten
Format: kartoniert

Durchschnittliche Kundenbewertung

Kundenbewertungen

katzenminze - 15.08.2012, 21:25
Ein Feuerwerk
Ein Feuerwerk an Ideen, Gestalten und Abenteuern, das Walter Moers hier auf uns loslässt. Mit Spannung, Witz und immer neuen Einfällen webt Moers Kapitel für Kapital eine Geschichte, an der der Leser kleben bleibt, wie Blaubär im Netz der Waldspinnenhexe. Neben der Story und der - wunderbaren - Sprache macht kaum ein Buch dem Auge so viel Freude wie dieses: Neben den üppigen Illustrationen wurde mit verschiedenen Schrifttypen und -größen gearbeitet und verschiedene Stimmen und Lautstärken darzustellen. Zum immer wieder lesen und dran erfreuen!
Laloona - 17.04.2010, 06:24
Aus anfänglicher Skepsis wurde BegeisterunG!
Nach den ersten Seiten verliert sich das Bild welches man von dem Zottelbär aus dem TV hat. Die Geschichte ist spannend und mitreissend geschrieben! Die Geschichte von Käpt n Blaubär ist eine Art Zusammenfassung aller Romane von Walter Moers. In den verschiedenen Kapiteln tauchen immer wieder Gestalten und Teile aus seinen anderen Büchern auf! Es macht neugierig auf die anderen Romane udn verleitet so weiterhin zum Lesen :) Jedes Kapitel ist in sich geschlossen, so das man auch längere Zeit aus dem Buch draussen bleiben kann. Aber dennoch verliert man nicht den Hintergrund der ganzen Geschichte! Ich habe mich mit Skepsis an dieses Buch gewagt und bin mit Begeisterung am Ende angelangt!
Anonym - 15.11.2006, 19:40
ein von phantastischen Einfällen überbordenden Roman !
In seinen dreizehneinhalb Leben begegnet der Blaubär gehässigen Stollentrollen, unangenehmen Nattifftoffen, quasselnden Tratschwellen, durch die Wüste ziehenden Gimpeln, dem Wahnsinn, Fredda, der Berghutze - eine Figur skurriler als die andere. In seinem von phantastischen Einfällen überbordenden Roman zeigt sich Walter Moers als begnadeter, ironischer Erzähler. Das ist Tolkien ohne Gut/Böse - Schema. Das ist Michael Ende ohne Heilsbotschaften. Das ist die ultimative deutsche Antwort auf Douglas Adams "Per Anhalter durch die Galaxis".
I. Grass - 05.06.2005, 16:29
Wortwitz und Phantasie
Das Lesen des Buches versetzt den Leser in eine phantastische Welt, so daß man am Ende das Gefühl hat, es fehlt etwas. So soll es bei guten Büchern auch sein!
Bernd Ferber - 17.08.2004, 11:37
Geniale Unterhaltung für Kinder und Erwachsene
Wenn man auch diesen Blaubär nicht so ohne Weiteres mit dem Blaubär aus dem TV(Sendung mit der Maus) gleichsetzen darf, ist die Welt dieses Blaubärs ein grandioses Feuerwerk von fantasievollen und meisterlich in Worte gesetzten Abenteuern. Wir (Familie mit zwei Kindern, acht und neun Jahre alt) haben das Hörbuch dieses Werkes unterwegs während unserer Urlaubsausflugsfahrten mit Spannung und Heiterkeit vom ersten bis zum letzten Satz genossen. Etwas Besseres hab ich schon lange nicht mehr gefunden.