EBOOK

Die Außenpolitik des Dritten Reiches 1933-1939


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September 2002

Beschreibung

Beschreibung

»Niemals hätte sich ein Krieg leichter verhindern lassen als dieser, der eben alles vernichtet hat, was von der Welt nach dem vorangegangenen Kampf noch übriggeblieben war.«
Winston Churchill
Was der britische Premierminister im Vorwort seiner Geschichte des Zweiten Weltkriegs feststellte, ist ein Vorwurf an die Staatsmänner der dreißiger Jahre, der bis heute nicht verstummt ist. War der im September 1939 beginnende Krieg tatsächlich ein »unnötiger Krieg«, wie Churchill argumentierte? Hätte eine entschlossene Politik der Festigkeit und des Widerstandes Hitler zur Räson bringen können und der Welt Millionen an Toten und ungezählte Verwüstungen erspart?
Das Buch stellt aber auch Fragen, die Struktur, Fundament und Charakter der deutschen Außenpolitik in den dreißiger Jahren betreffen:
· Verfuhren die Nationalsozialisten nach festen, nur aus taktischen Gründen flexibel gehandhabten Maximen?
· Wie gestaltete und äußerte sich der Ämterdarwinismus in der Außenpolitik?
· Gab es neben Hitlers Zielen noch andere, rivalisierende Politikentwürfe in Partei und Regierung?
· Und schließlich: bestimmte Hitler selbständig die Marschroute der deutschen auswärtigen Politik oder war er vielmehr auch im außenpolitischen Geschehen ein Spielball der Umstände und seiner Umgebung?
Im Wechsel zwischen einem strukturellen und erzählendem Zugriff und unter Einbeziehung der konträren Deutungsmuster beschreibt das Buch die wichtigsten Stationen der deutschen Außenpolitik im europäischen Verbund in den Jahren zwischen der »Machtergreifung« und dem Kriegsbeginn im September 1939.
Die konzise und lebendig geschriebene Gesamtdarstellung der Diplomatie des Deutschen Reiches von 1933 bis 1939 sucht Hitlers außenpolitische Erfolge gegenüber den europäischen Mächten zu ergründen. Rainer F. Schmidt geht der Frage nach, weshalb die anderen Großmächte der deutschen Expansion bis an die Schwelle des Krieges praktisch tatenlos zusahen, obschon die Nationalsozialisten seit den zwanziger Jahren kein Hehl aus ihren radikalen, auf Vergeltung, Krieg und Lebensraum zusteuernden Zielen gemacht hatten.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt
Vorwort

I. Der Bedingungsrahmen nationalsozialistischer Außenpolitik

Der "unnötige Krieg" ? - Deutungsversuche für Hitlers Erfolge

Die Unterschätzung Hitlers und seiner Ziele

Die Doppelbödigkeit nationalsozialistischer Außenpolitik

Der faschistisch-autoritäre mainstream der Epoche

Ausgangslage und internationale Rahmensituation der deutschen Außenpolitik ab 1933

Der Erfahrungshintergrund des Ersten Weltkriegs

Gefüge und Apparate nationalsozialistischer Außenpolitik

Strukturen des Führerstaats

Mittel und Methoden Hitlerscher Außenpolitik

Der Ämterdarwinismus in der Außenpolitik: Instrumente, Apparate, Sonderemissäre

Der Konzeptionenpluralismus in der nationalsozialistischen Außenpolitik

Hermann Göring und die "wilhelminischen Imperialisten"

Joseph Goebbels und die nationalsozialistische Linke

Heinrich Himmler und der rassenideologische Flügel der NSDAP

Die außenpolitische Konzeption Hitlers

Interpretationsansätze und Erklärungsmodelle

"Opportunisten" und "Apologeten"

"Programmatiker" und "Intentionalisten": "Globalisten" versus "Kontinentalisten"

"Strukturalisten" und "Funktionalisten"

Folgerungen

 

II. Alleingänge in die internationale Isolierung (1933-1935)

Der tragfähige Konsens zwischen Nationalkonservativen, Reichswehr und Hitler

Der Rückzug vom Genfer System kollektiver Sicherheit: der Austritt aus

Abrüstungskonferenz und Völkerbund

Der Abschluß des Nichtangriffspakts mit Polen vom 26. Januar 1934

Die "Einkreisungsoffensive" der französischen Politik (1934/35)

Saarfrage - Wehrpflicht - Stresafront

 

III. Rückkehr zur außenpolitischen Handlungsfreiheit (1935/1936)

Die Separatpolitik Londons und der deutsch-britische Flottenvertrag vom 18. Juni 1935

Die Abessinienkrise vom Herbst 1935 und Mussolinis Annäherung an Berlin

Die Rheinlandbesetzung vom 7. März 1936

Spanischer Bürgerkrieg, Antikominternpakt und Entstehung der Achse Berlin-Rom

Vierjahresplan und Kriegsvorbereitung

 

IV. Aggression versus Appeasement: die Zeit der Weichenstellungen (1937 - Februar 1938)

Die Diskussion um den Begriff des "Wendejahres" und die sogenannte "Hoßbach-Konferenz" vom 5. November 1937

Das Revirement vom 4. Februar 1938

Die Appeasementkonzeption von Neville Chamberlain

 

V. Der Weg in den Krieg (März 1938-September 1939)

Der Anschluß Österreichs vom März 1938

Sudetenkrise und Münchener Abkommen (29./30. September 1938)

Die Weichenstellungen Hitlers und die Wochenendkrise vom 20./22.Mai

Militäropposition und Putschpläne

Münchener Konferenz und Münchener Abkommen

Die Iden des März: der Griff nach Prag (15. März 1939)

Weichenstellungen zum Krieg

Der Handstreich gegen Prag und die Folgen

Pression gegen Polen und die Garantieerklärung der Westmächte vom 31. März 1939

Strategische Kriegsvorbereitungen: "Stahlpakt" (22. Mai 1939) und "Hitler-Stalin-Pakt" (23. August 1939)

Diplomatische Camouflage und Kriegsbeginn am 1. September 1939

 

VI. Die "widerwillige Loyalität" der Deutschen

 

Epilog

Anhang

Anmerkungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Zeittafel

Bildnachweis

Personenregister

 

Portrait

Rainer F. Schmidt ist Professor für Geschichte der Neuzeit und der Didaktik der Geschichte an der Universität Würzburg. Er ist u.a. Autor einer Biographie über Graf Julius Andrássy und einer Studie über den Flug von Rudolf Heß nach Schottland.

Leseprobe

Der Handstreich gegen Prag und die Folgen

Um diese Zeit war die Inszenierung des zweiten Akts auf der tschechischen Bühne längst in vollem Gange, und es war unübersehbar, daß man in Berlin die Rumpf-Tschechei ungeniert als Teil des deutschen Hinterhofes ansah. In dem laut Münchener Abkommen gebildeten Internationalen Ausschuß zur Festlegung der deutsch-tschechischen Grenze führten sich die deutschen Vertreter wie "Sieger nach einer gewonnenen Schlacht" (Weizsäcker) auf, so daß sich die alliierten Delegierten bald resigniert zurückzogen und Prag den deutschen Forderungen, die im Stile von Ultimaten daherkamen, allein ausgesetzt war. Am 2. November fällte man in Wien, ohne die Westmächte zu konsultieren, den Schiedsspruch, der die Rumpf-Tschechei zugunsten Ungarns weiter amputierte, der jedoch, um Budapest gefügig zu halten, den ungarischen Territorialansprüchen nur unvollkommen Rechnung trug. Ein willkommener Nebeneffekt war natürlich, damit das in München gegebene Versprechen einer Garantie der Resttschechei auf die lange Bank schieben zu können. Diesem Bestreben diente es auch, wenn Hitler und Göring, ganz analog zum Vorgehen in der Sudetenkrise, die slowakischen Nationalisten dazu ermunterten, mit der Forderung nach nationaler Selbstbestimmung den Zerfallsprozeß der Resttschechei weiter zu stimulieren. Gleichzeitig verbot Hitler die Auswanderung der Volksdeutschen aus der Resttschechei und konnte somit unter Hinweis auf die noch ungelösten Nationalitätenprobleme die in München zugesagte Garantieerklärung für die Rumpf-Tschechei erfolgreich umgehen.

Damit waren die Weichen für den neuerlichen Coup gestellt, mochte die neue Regierung in Prag auch noch so viele Unterwerfungsgesten machen und Kollaborationsbereitschaft signalisieren. Als Chvalkovsky am 21. Januar 1939 mit Hitler in Berlin zusammentraf, zog dieser die gelegte Schlinge schon bedrohlich zu und hielt ihm ein ganzes Sündenregister vor. Er reichte von der Anklage, bislang "noch keine grü
ndliche Säuberung der Vertreter der Benesch-Tendenzen" vorgenommen zu haben über den Vorwurf, daß man nach wie vor "20.000 Mann Militär mehr als Deutschland vor der Machtergreifung als 70 Millionen-Volk" unterhalte, bis hin zu der Feststellung, "in der Tschechoslowakei vergifteten die Juden heute noch das Volk" und der abstrusen Behauptung, "daß man in Prag nach wie vor glaube, Weltpolitik machen zu können." Tatsächlich gebe es jedoch nur eine "Lösung", "und das ist", so Hitler, "das engste Zusammenleben mit Deutschland. Die Tschechoslowakei müsse in allem mit Deutschland verbunden sein, wobei sie völkisch natürlich ein Eigenleben führen solle."

Als die Westmächte dann Anfang Februar die bislang ausgebliebene Territorialgarantie anmahnten; beschloß Hitler binnen der nächsten vier Wochen zu handeln. Schlagartig verstärkte sich nun die Wühlarbeit des SD in Böhmen und Mähren, um deutschfeindliche Aktionen zu provozieren, und der Druck auf die Preßburger Politiker wuchs, auf Separationskurs gegenüber Prag zu gehen. Die Absicht war klar: die Entfesselung einer Krise sollte den gewünschten Vorwand zum Einmarsch der Wehrmacht liefern. Aber der Eklat zwischen Preßburg und Prag ließ auf sich warten, denn selbst den radikalsten slowakischen Nationalisten erschien eine Autonomie innerhalb des tschechischen Rumpfstaates allemal besser als eine Pseudo-Unabhängigkeit von Hitlers Gnaden.

Mitte März spitze sich dann die Lage dramatisch zu. Die Verhandlungen zwischen Prag und Preßburg über die slowakische Autonomie wurden abgebrochen, und in der Nacht vom 9. auf den 10. März verfügte Staatspräsident Hácha die Absetzung des slowakischen Kabinetts Tiso und entsandte Truppen in die Slowakei. Aber selbst dies führte nicht zum Bruch, so daß Hitler nun selbst in den Gang der Dinge eingriff. Am 13. März zitierte er den slowakischen Regierungschef Josef Tiso nach Berlin, um, wie er sich ausdrückte, "in ganz kurzer Zeit [...] Klarheit zu haben". Deutschland stehe, so eröf
fnete ihm Hitler, kurz vor der Besetzung des tschechischen Gebiets. Wenn Tiso nicht sofort die Unabhängigkeit der Slowakei proklamiere, "so überlasse er das Schicksal der Slowakei den Ereignissen, für die er nicht mehr verantwortlich sei. Dann würde er nur noch für die deutschen Interessen eintreten und die lägen nicht östlich der Karpathen. Deutschland habe mit der Slowakei nichts zu tun. Sie habe niemals zu Deutschland gehört". Das war eine unverhüllte Drohung mit der Annexion der Slowakei durch Ungarn, zumal Ribbentrop gegen Ende der Unterredung wieder zu einem seiner Tricks griff. Er legte Hitler "eine gerade hereingekommene Meldung" vor, in der die Rede von ungarischen Truppenbewegungen an der slowakischen Grenze war, worauf Hitler gegenüber Tiso die "Hoffnung" ausdrückte, "daß sich die Slowakei bald klar entscheide". Tatsächlich reagierte Tiso umgehend. Schon am nächsten Tag rief das Preßburger Parlament die Selbständigkeit der Slowakei aus, und die wenige Stunden später in die Karpatho-Ukraine einrückenden ungarischen Truppen, die Hitlers Rat befolgt hatten, "blitzartig" zu handeln, mußten an den Grenzen der Slowakei halt machen.

EAN: 9783608940473
ISBN: 3608940472
Untertitel: Mit Abbildungen.
Verlag: Klett-Cotta Verlag
Erscheinungsdatum: September 2002
Seitenanzahl: 448 Seiten
Format: gebunden
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