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Das mystische Auge


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kartoniert
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April 1997

Beschreibung

Inhalt

Das Wort "Vision", sagt Thomas von Aquin, kann zweierlei bedeuten: zum einen bezeichnet es die Wahrnehmung durch das Auge, zum anderen die innere Wahrnehmung durch die Imagination oder den Intellekt. Im mystischen Sinn ist die Visionserfahrung nicht unbedingt optischer Natur, gleichwohl aber eine Erfahrung des Bildes, eines Bildes, dessen Deutlichkeit variieren kann. Zwar sind sich die meisten Mystiker darin einig, daß die Begegnung mit dem Transzendenten grundsätzlich unaussprechlich, nicht erzählbar und nicht darstellbar ist, dennoch gibt es in der abendländischen Kultur zahlreiche literarische Texte und Kunstwerke, die von dieser Begegnung berichten. Es handelt sich also um Texte und Bilder, die insofern problematisch und paradoxal sind, als sie das darstellen, was a priori weder sichtbar noch darstellbar ist. Genau dieses große Problem der "Darstellung des Undarstellbaren" wird in diesem Buch erörtert. Die spanische Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts liefert zwar die meisten Beispiele, doch das Thema der Untersuchung ist umfassender konzipiert. Es geht um einen Beitrag zur Kunstgeschichte, der in einem begrenzten geographischen Raum einen Extremfall der Darstellung behandelt, dabei aber einen sehr weiten Hintergrund voraussetzt. Diesen Hintergrund bildet einerseits die abendländische Kunst jener Epoche und andererseits die Spiritualität der Gegenreformation, die die Rolle des Imaginären in der Ausübung des Glaubens wiederentdeckt. In Spanien sind die Charakteristika des abendländischen Bilddenkens auf engstem Raum versammelt. Die recht späte Aneignung pikturaler Lösungen, die anderswo gefunden wurden, führt in der spanischen Malerei, die erst von der Kunst der "frühen Flamen" und dann vom italienischen Manierismus und Barock geprägt wurde, zur Entstehung einer eigenen, klar durchdachten Sprache. Vereinfachend könnte man sagen, daß die spanische Malerei nicht durch ihre Bilderfindungen sondern durch ihre Ausarbeitungen originell ist. Als ausgearbeitete, "elaborierte" Kunst ist die spanische Kunst zugleich eine Kunst, in der jede Neuerung sofort einer geradezu obligatorischen Interpretation unterzogen wird, die bestimmten Mustern folgt. Diese Mixtur aus Leidenschaft und kühlem Verstand macht die spanische Malerei für den, der die theoretischen Grundlagen der Darstellung aufdecken will, zu einer Fundgrube. Auch die spanische Visionsliteratur ist unter diesem Blickwinkel exemplarisch. Die fromme Literatur, die im 16. Jahrhundert auf der iberischen Halbinsel entstand und von diversen Einflüssen geprägt wurde (gegenreformatorisches Gedankengut, geistiges Erbe der Araber und Juden, Niederländische Mystik), erweist sich als ein hochkonzentrierter Extrakt der abendländischen Spiritualität. Ihr extremer Charakter war einer der Gründe dafür, weshalb sie der kirchlichen Autorität während des ganzen 16. Jahrhunderts als äußerst suspekt galt. Die nie erlahmende Wachsamkeit der Inquisition, die in Spanien ohnehin viel strenger durchgriff als anderswo, entsprach dem Wunsch, eine Gedankenwelt zu kontrollieren, die sich sehr oft jedem institutionellen Zwang entzog. Aber die Bändigung der mystischen Erfahrung durch die religiöse Autorität wird von einem Prozeß begleitet, in dem sich figurative Lösungen herauskristallisieren, die es erlaubten, die Visionserfahrung visuell darzustellen und so zu verbreiten. Der neue Bildtyp entsteht in Italien, wo man aus dem Fundus der großen Meister der Hochrenaissance wie Raffael und Tizian schöpfen kann, findet aber in Spanien den fruchtbarsten Boden, um sich weiterzuentwickeln
EAN: 9783770531363
ISBN: 3770531361
Untertitel: Vision und Malerei im Spanien des Goldenen Zeitalters. 'Bild und Text'. Auflage 1997. 102 teils farbige Abbildungen.
Verlag: Fink Wilhelm GmbH + Co.KG
Erscheinungsdatum: April 1997
Seitenanzahl: 232 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Andreas Knop
Format: kartoniert
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