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Die Schöne des Herrn


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Mai 2012

Beschreibung

Beschreibung

»Wenn ich jetzt sagen müsste, welches das schönste Buch ist, was ich in meinem Leben gelesen habe, wäre es dieses.«
Elke Heidenreich, SF Literaturclub, 16.10.2012

»Ein verstörender Roman von großer erotischer Kraft ... etwas Kitsch wetterleuchtet darüber hin, was den Genuss keinesfalls beeinträchtigt, ihn sogar erhöht. Im Kern ungeheuerlich: der Untergang des europäischen Judentums gespiegelt in einer verzweifelten Affäre.«  Sibylle Lewitscharoff

Der reiche und schöne Solal, jüdischer Diplomat beim Völkerbund, verführt zu Beginn der 30er­Jahre Ariane, die Frau eines Kollegen. Was als prickelnde Affäre beginnt, wird rasch zu einer beide Partner verschlingenden Passion. Nach den lustvollen und rauschhaften ersten Monaten versuchen Ariane und Solal immer verzweifelter, die Leidenschaft füreinander am Leben zu erhalten. Die anfängliche Lust wird zur Qual. Liebe schlägt um in Eifersucht und Entfremdung.
Albert Cohens Meisterwerk ist einer der größten Liebesromane des 20. Jahrhunderts und hat bis heute nichts von seiner Wucht verloren.

Portrait

Albert Cohen geboren 1895 auf Korfu, starb 1981 in Genf. Er gilt als einer der wichtigsten französischsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein Hauptwerk ist die Romantetralogie »Solal«. Den größten Erfolg feierte er mit dessen dritten Teil »Die Schöne des Herrn«, der 1968 in Frankreich und 1987 zum ersten Mal bei Klett-Cotta erschien.

Leseprobe

I

Er stieg vom Pferd und ging vorbei an den Haselnusssträuchern und Heckenrosen, gefolgt von den beiden Pferden, die der Stallbursche an den Zügeln führte, ging in der raschelnden Stille, mit nacktem Oberkörper in der Mittagssonne, ging und lächelte, seltsam, königlich und siegesbewusst. Zweimal, gestern und vorgestern, war er feige gewesen und hatte es nicht gewagt. Heute, an diesem ersten Maitag, würde er es wagen, und sie würde ihn lieben.

In dem Wald, in dem die Sonne ihre Lichtflecken verstreute, dem reglosen, urzeitliche Schrecken bergenden Wald, ging er vorbei am Geflecht des Geästs, schön und nicht weniger edel als sein Vorfahr Aaron, Bruder des Moses, ging, plötzlich auflachend und wie der närrischste Menschensohn sich gebärdend, lachend vor strahlender Jugend und Verliebtheit, plötzlich eine Blume pflückend und hineinbeißend, plötzlich tanzend, ein hoher Herr in hohen Stiefeln, tanzend und lachend in der gleißenden Sonne, die durch die Zweige brach, anmutig tanzend, gefolgt von den beiden artigen Tieren, tanzend im Liebes- und Siegesrausch, während seine Untertanen und Geschöpfe des Waldes ihren sorglosen Beschäftigungen nachgingen, entzückende Eidechsen, die ihr Leben unter den geblätterten Sonnenschirmen der großen Pilze lebten, goldschimmernde Fliegen, die geometrische Figuren in die Luft zeichneten, Spinnen, die aus den rosa Heidebüschen auftauchten und Rüsselkäfer mit ihren vorsintflutlichen Rüsseln beobachteten, Ameisen, die einander betasteten, Losungen austauschten und dann wieder zu ihren einsamen Beschäftigungen zurückkehrten, Spechte, welche die Bäume abklopften, vereinsamte Kröten, die ihre Sehnsucht quakten, Grillen, die schüchtern zirpten, Käuze, die, unverhofft erwacht, schrien.

Er blieb stehen, und nachdem er dem Stallburschen liebevoll die Schulter geküsst hatte, nahm er ihm den Koffer für sein Vorhaben ab und befahl ihm, die Zügel an einen Ast zu binden und auf ihn zu warten, so lange auf ihn zu warten, wie es n
ötig sein würde, bis zum Abend oder noch länger, auf ihn zu warten bis zum Pfiff. Und sobald du den Pfiff hörst, bringst du mir die Pferde, und dann, bei meiner Ehre, wirst du so viel Geld haben, wie du nur willst! Denn was ich jetzt wagen werde, hat kein Mann je gewagt, merke es dir, kein Mann, seit die Welt besteht! Ja, Bruder, alles Geld, das du willst! So sprach er, und vor Freude geißelte er seinen Stiefel mit der Reitpeitsche, und dann ging er seinem Schicksal entgegen, näherte sich dem Haus, in dem diese Frau lebte.

Vor der protzigen Villa im Stil eines Schweizer Chalets, deren Außenwände so blankgeputzt waren, dass sie wie Mahagoni glänzten, betrachtete er die Schalen des Windmessers, die sich langsam auf dem Schieferdach drehten, und dann war sein Entschluss gefasst. Den Koffer in der Hand, stieß er vorsichtig die Gartenpforte auf und trat ein. In der Birke, die ihre flammende Krone zur Seite neigte, lärmten die Vögel, offenbar zum Lobe dieser schönen Welt. Um den knirschenden Kies zu vermeiden, wagte er einen Sprung in die mit Muschelwerk eingefassten Hortensienbeete. Vor der großen Veranda angelangt, warf er, im Efeu verborgen, einen Blick durch das Fenster. In dem Salon, dessen Wände mit rotem Samt ausgeschlagen und mit vergoldetem Holz getäfelt waren, saß sie am Klavier und spielte. Spiel nur, meine Schöne, du weißt nicht, was dich erwartet, murmelte er.

Er kletterte auf den Pflaumenbaum, zog sich zu dem Balkon im ersten Stock empor, setzte den Fuß auf die Kette der Balustrade, legte die Hand auf einen hölzernen Vorsprung, richtete sich auf, erreichte den Sims des Fensters im zweiten Stock, öffnete die halbgeschlossenen Fensterläden, dann die Vorhänge und gelangte mit einem Sprung in das Zimmer. Jetzt war er wieder bei ihr, wie gestern und vorgestern, aber heute würde er sich ihr zeigen, und er würde es wagen. Schnell, die Vorbereitungen.

Mit nacktem Oberkörper über den offenen Koffer gebeugt, entnahm er ihm einen alten abgetr
agenen Mantel und eine mottenzerfressene Pelzmütze und blickte überrascht auf die Krawatte der Ehrenlegion, die seine Finger zufällig berührt hatten. Da sie nun schon einmal da war, rot und schön noch dazu, konnte er sie auch gleich umlegen. Nachdem er sie um seinen Hals geschlungen hatte, stellte er sich vor dem großen Ankleidespiegel in Positur. Ja, fast zum Erbrechen schön. Strenges, von wirrem dunklem Haar gekröntes Antlitz. Schmale Hüften, flacher Bauch, breite Brust und unter der sonnengebräunten Haut die wie geschmeidige Schlangen ineinander verschlungenen Muskeln. All diese Schönheit kommt später einmal auf den Friedhof, hier ein wenig grün, dort ein wenig gelb, ganz allein in einer von der Feuchtigkeit zerfressenen Holzkiste. Schön überrascht würden sie sein, seine Anbeterinnen, wenn sie ihn still und steif in seiner Kiste sähen. Er lächelte ohne Grund und ging auf und ab, von Zeit zu Zeit seine automatische Pistole in der Hand wiegend.

Er hielt inne, um diesen kleinen, gedrungenen und stets dienstbereiten Gefährten zu betrachten. Er enthielt bereits die Kugel, die später, ja, später ... Nein, nicht in die Schläfe, da riskierte man, am Leben zu bleiben und blind obendrein. Das Herz, ja, aber nicht zu tief schießen. Die richtige Stelle lag in dem Winkel zwischen Brustbein und drittem Interkostalraum. Mit dem Füllfederhalter, der auf einem runden einbeinigen Tischchen neben einem Fläschchen Eau de Cologne lag, markierte er den günstigsten Punkt und lächelte. Dort würde sich also das kleine, von schwarzen Pünktchen umrandete sternförmige Loch befinden, nur wenige Zentimeter von der Brustwarze entfernt, die schon so viele Frauen geküsst hatten. Sollte er dieser Plackerei bereits jetzt ein Ende bereiten? Der stets zu Hass und Verleumdung bereiten Bande, die sich Menschheit nennt, Lebewohl sagen? Frisch gebadet und rasiert gäbe er eine recht präsentable Leiche ab, und als Commandeur der Ehrenlegion noch dazu. Nein, zuerst musste das unerhörte Unternehmen
gewagt werden. Gesegnet seist du, wenn du die bist, die ich zu finden glaube, murmelte er, während unten das Klavier immer noch die wundervollste Musik spielte; er küsste seine Hand, setzte seinen Gang fort, halbnackt und ein absurder Commandeur, und hielt sich dabei, unaufhörlich einatmend, das Fläschchen Eau de Cologne an die Nase. Vor dem Nachttisch blieb er stehen. Auf der Marmorplatte ein Buch von Bergson und Schokoladenpralinen. Nein danke, keine Lust. Auf dem Bett ein Schulheft. Er öffnete es, hielt es an seine Lippen und las.

Ich habe beschlossen, eine begabte Romanschriftstellerin zu werden. Aber das hier sind meine Anfänge als Schriftstellerin, und ich muss mich üben. Deshalb wird es gut sein, alles in diesem Heft niederzuschreiben, was mir über meine Familie und über mich selbst durch den Kopf geht. Und wenn ich dann die wahren Geschichten erzählt und etwa hundert Seiten damit gefüllt habe, werde ich sie mir wieder vornehmen, um daraus den Anfang meines Romans zu machen, aber mit veränderten Namen.

So beginne ich mit einer gewissen Erregung. Ich glaube, dass ich mir die hohe Kunst des Schreibens aneignen kann, wenigstens hoffe ich es. Also jeden Tag mindestens zehn Seiten. Wenn ich mit einem Satz nicht fertig werde, oder wenn es mir zu dumm wird, fahre ich im Telegrammstil fort. Aber in meinem Roman werde ich natürlich nur richtige Sätze schreiben. Und jetzt los!
Doch bevor ich anfange, muss ich die Geschichte des Hundes Spot erzählen. Sie hat mit meiner Familie nichts zu tun, ist aber eine sehr schöne Geschichte, die von der moralischen Qualität dieses Hundes und der Engländer zeugt, die sich um ihn kümmerten. Vielleicht bringe ich sie auch in meinem Roman unter. Vor ein paar Tagen las ich im Daily Telegraph (ich kaufe ihn von Zeit zu Zeit, um nicht den Kontakt zu England zu verlieren), dass Spot, eine schwarzweiße Promenadenmischung, jeden Abend um sechs Uhr auf sein Herrchen an der Bushaltestelle in Sevenoaks zu warten pflegte. (
Zu viele zu in dem Satz. Muss korrigiert werden.) Als aber eines Mittwochabends sein Herrchen nicht aus dem Bus stieg, rührte sich Spot nicht vom Fleck und wartete die ganze Nacht in der Kälte und im Nebel auf der Straße an der Haltestelle. Ein Radfahrer, der ihn kannte und am Abend zuvor kurz vor sechs gesehen hatte, sah den armen Schatz am nächsten Morgen um acht Uhr immer noch am selben Fleck sitzen und geduldig auf sein Herrchen warten. Der Radfahrer war so gerührt, dass er seine Sandwiches mit Spot teilte und die Sache dann dem Inspektor des Tierschutzvereins (R . S.P.C. A.) von Sevenoaks meldete. Die Ermittlungen ergaben, dass Spots Herrchen am Tag zuvor plötzlich an einem Herzanfall in London gestorben war. Mehr Einzelheiten waren der Zeitung nicht zu entnehmen.

Die Leiden dieses armen kleinen Tiers, das vierzehn Stunden lang auf sein Herrchen gewartet hatte, rührten mich so, dass ich an den R . S.P.C. A. (bei dem ich förderndes Mitglied bin) telegrafierte, ich sei gewillt, Spot zu adoptieren, und sie bat, ihn mir auf meine Kosten per Flugzeug zu schicken. Am selben Tag erhielt ich die Antwort: 'Spot bereits adoptiert.' Darauf telegrafierte ich: 'Wurde Spot von einer Vertrauensperson adoptiert? Erbitte Einzelheiten.' Die Antwort kam in einem Brief und war beispielhaft. Ich gebe sie wieder, um zu zeigen, wie wunderbar die Engländer sind. Ich übersetze: 'Sehr verehrte gnädige Frau, in Beantwortung Ihres Schreibens beehren wir uns, Ihnen mitzuteilen, dass Spot von Seiner Eminenz, dem Erzbischof von Cantorbéry, Primas von England, adoptiert worden ist, der uns alle moralischen Garantien zu bieten scheint. Spot hat seine erste Mahlzeit im erzbischöflichen Palast mit gutem Appetit eingenommen. Hochachtungsvoll.'

Jetzt zu meiner Familie und zu mir. Ich bin eine geborene Ariane Cassandre Corisande d'Auble. Die Aubles gehören zu den besten Genfer Familien. Französischer Herkunft, folgten sie im Jahre 1560 Calvin. Unsere Familie hat Genf Wissenschaftl
er, Moralisten, ungeheuer vornehme und reservierte Bankiers und einen Haufen Pastoren geschenkt, die zu den Moderatoren der Vénérable Compagnie gehörten. Und dann hat es noch einen Ahnen gegeben, der Wissenschaft mit Pascal betrieben hat. Die Genfer Aristokratie ist besser als jede andere, mit Ausnahme der englischen. Großmutter war eine Armios-Idiot. Weil es nämlich die Armios-Idiot gibt, die zur guten Gesellschaft gehören, und die Armyau-Boyau, mit denen es nicht weit her ist. Natürlich gibt es diesen zweiten Namen Idiot oder Boyau nicht wirklich, man nennt ihn eigentlich nur, um nicht immer buchstabieren zu müssen. Schade, unser Name wird bald aussterben. Alle Aubles sind unter der Erde, außer Onkel Agrippa, der Junggeselle und folglich ohne Nachkommenschaft ist. Und falls ich einmal Kinder haben sollte, werden es nur Deumes sein.

Jetzt muss ich von Papa, Mama, meinem Bruder Jacques und meiner Schwester Éliane erzählen. Mama starb, als sie Éliane das Licht der Welt erblicken ließ. Diesen Satz muss ich in meinem Roman ändern, er klingt dumm. An Mama erinnere ich mich überhaupt nicht. Auf den Fotos sieht sie nicht sehr sympathisch aus, ein sehr strenges Gesicht. Papa war Pastor und Professor an der theologischen Fakultät. Als er starb, waren wir noch sehr jung, Éliane fünf, ich sechs und Jacques sieben. Das Zimmermädchen erklärte mir, dass Papa im Himmel sei, und das machte mir Angst. Papa war sehr gütig und sehr imponierend, und ich bewunderte ihn. Nach allem, was Onkel Agrippa mir erzählte, wirkte er aus Schüchternheit kalt, gewissenhaft und von jener moralischen Rechtschaffenheit, die den Ruhm des Genfer Protestantismus ausmacht. Wie viele Tote in unserer Familie! Éliane und Jacques bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Über Jacques und meine Éliane kann ich nicht sprechen. Wenn ich es täte, würde ich weinen und könnte nicht fortfahren.

In diesem Augenblick spielt man im Radio das 'Zitto, zitto' aus der Cenerentola des schrecklichen Rossini
, dieses kleinen Esels, der sich nur für seine selbstgemachten Cannelloni interessierte. Vorher brachten sie Samson und Dalila von Saint-Saëns. Noch schlimmer. Apropos Radio, vor einigen Tagen hat man ein Stück von einem gewissen Sardou, namens Madame Sans-Gêne, übertragen. Entsetzlich! Wie kann man noch demokratisch bleiben, nachdem man das Gelächter und den Beifall des Publikums gehört hat? Die Freude dieser Idioten über gewisse Erwiderungen der Madame Sans-Gêne, Herzogin von Danzig! Wie vulgär sie beispielsweise auf einem Empfang bei Hofe redet! Man stelle sich vor, eine Herzogin, die früher Wäscherin war und noch stolz darauf ist! Und wie sie mit Napoleon spricht! Ich verachte diesen Herrn Sardou aus tiefster Seele. Mutter Deume hat es natürlich gefallen. Schrecklich auch das ordinäre Gebrüll der Zuschauer eines Fußballspiels im Radio. Diese Leute muss man doch einfach verachten. Nach Papas Tod zogen wir drei zu seiner Schwester Valérie, die wir Tantlérie nannten. Im Roman ausführliche Beschreibung ihrer Villa in Champel mit all den miserablen Ahnenporträts, Bibelversen und alten Ansichten von Genf. In Champel wohnte auch der Bruder Tantléries, Agrippa d'Auble, den ich Onkel Gri nannte. Er ist sehr interessant, aber ich werde ihn ein anderes Mal beschreiben. Vorläufig will ich nur von Tantlérie erzählen. Sie ist eine Person, die ich bestimmt in meinem Roman verwenden werde. Sie bemühte sich ihr ganzes Leben lang, mir ihre Zuneigung, die sehr groß war, nach besten Kräften zu verbergen. Ich will versuchen, sie zu beschreiben, als wäre es wirklich der Anfang des Romans.

Valérie d'Auble war sich durchaus bewusst, zur Genfer Aristokratie zu gehören. Der erste Auble war zwar zu Calvins Zeiten Tuchhändler gewesen, aber das ist schon lange her, und jede Sünde findet ihre Vergebung. Meine Tante war groß und majestätisch mit einem schönen ebenmäßigen Gesicht, stets in Schwarz gekleidet und voller Verachtung für Mode und Firlefanz. So trug sie, wenn sie ausging, i
mmer einen seltsamen flachen Hut, eine Art von großem Fladen, der hinten mit einem kurzen schwarzen Schleier verziert war. Ihr lila Sonnenschirm, von dem sie sich niemals trennte, den sie vor sich hielt und auf den sie sich wie auf einen Spazierstock stützte, war in Genf berühmt. Sie war sehr wohltätig und verteilte den größten Teil ihres Einkommens an karitative Einrichtungen, evangelische Missionswerke in Afrika und eine Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Schönheit von Genf zu erhalten. Sie hatte auch Tugendstipendien für fromme Mädchen gestiftet. 'Und was tust du für die jungen Männer, Tante?' Darauf hatte sie mir geantwortet: 'Um Taugenichtse kümmere ich mich nicht.'

Tantlérie gehörte einer mittlerweile fast ausgestorbenen Gruppe besonders orthodoxer Protestanten an, die man die Allerheiligen nannte. Für sie bestand die Welt aus Erwählten und Verdammten, und die meisten Erwählten waren Genfer. Es gab zwar einige Erwählte in Schottland, aber nur sehr wenige. Allerdings genügte es in ihren Augen keineswegs, Genfer und Protestant zu sein, um gerettet zu werden. Wer in den Augen des Herrn Gnade finden wollte, musste fünf Bedingungen erfüllen! Erstens musste man an die buchstäbliche Eingebung der Bibel glauben und folglich auch daran, dass Eva der Rippe Adams entsprungen sei. Zweitens in der konservativen Partei eingeschrieben sein, die, wie ich glaube, nationaldemokratische Partei heißt. Drittens sich als Genfer und nicht als Schweizer betrachten. ('Die Republik Genf ist mit den Schweizer Kantonen verbündet, aber sonst haben wir mit diesen Leuten nichts gemein.') Für sie waren die Freiburger ('Wie schrecklich, lauter Papisten!'), die Waadtländer, die Neuenburger, die Berner und alle anderen Eidgenossen in gleicher Weise Ausländer wie die Chinesen. Viertens musste man zu den 'guten Familien' gehören, also zu jenen, deren Ahnen wie die unseren vor 1790 im Kleinen Rat vertreten gewesen waren. Ausgenommen von dieser Regel waren die Pastore
n, aber nur die ernst zu nehmenden Pastoren, 'nicht diese liberalen und glattrasierten jungen Bengel, die sich erdreisten zu behaupten, unser Heiland sei nur der größte aller Propheten gewesen!' Fünftens durfte man nicht 'mondän' sein. Dieses Wort hatte für meine Tante eine ganz besondere Bedeutung. Mondän war in ihren Augen zum Beispiel jeder Pastor, der fröhlich war und einen weichen Kragen und einen Sportanzug oder helle Schuhe trug, die sie besonders hasste. ('Tss, ich bitte dich, gelbe Halbstiefel!') Mondän war auch jeder Genfer, selbst aus guter Familie, der ins Theater ging. ('Theaterstücke sind Erfindungen. Ich höre mir doch keine Lügen an.')

Tantlérie war auf das Journal de Genève abonniert, weil das eine Familientradition war und sie außerdem einige Aktien davon zu besitzen 'glaubte'. Sie las dieses ehrwürdige Blatt allerdings nie und ließ es unberührt im Adressband, nicht etwa weil sie die politische Richtung missbilligte, sondern wegen jener Teile, die sie unanständig nannte, wie unter anderem die Modeseite, den Feuilletonroman unter dem Strich der zweiten Seite, die Heiratsannoncen und die Nachrichten aus der katholischen Welt und über die Versammlungen der Heilsarmee. ('Tss, ich bitte dich, Religion mit Posaunen!') Unanständig waren auch die Reklamen für Unterwäsche und die Inserate von 'Lokalen', ein Wort, mit dem sie alle verdächtigen Gaststätten wie Varietés, Dancings, Kinos und selbst Cafés bezeichnete. Und ehe ich es vergesse, muss ich nebenbei noch erwähnen, wie entrüstet sie war, als sie hörte, dass Onkel Agrippa eines Tages, als er großen Durst gehabt hatte, zum ersten Mal in seinem Leben ein Café betreten und sich mutig einen Tee bestellt hatte. Was für ein Skandal! Ein Auble in einem Lokal! Irgendwo in meinem Roman muss ich auch noch erwähnen, dass Tantlérie in ihrem ganzen Leben nie eine einzige Lüge ausgesprochen hatte. In der Wahrheit leben, lautete ihre Devise.

Sehr sparsam trotz ihrer Großzügigkeit, hatte sie nie eine e
inzige ihrer Aktien verkaufen lassen, nicht etwa weil sie an den Gütern dieser Welt hing, sondern weil sie sich nur als die Treuhänderin ihres eigenen Vermögens betrachtete. ('Alles, was mein Vater mir hinterlassen hat, muss unangetastet an seine Enkel übergehen.') Ich habe weiter oben erwähnt, dass sie 'glaubte', Aktien des Journal de Genève zu besitzen. Sie war nämlich in finanziellen Dingen nicht sehr kompetent und betrachtete ihre Aktien und Obligationen als zwar notwendige, aber niedrige Dinge, von denen man so wenig wie möglich sprach und mit denen zu beschäftigen sich nicht ziemte. Darin verließ sie sich blind auf die Herren Saladin, de Chapeaurouge und Co., Bankiers der Aubles seit dem Verschwinden des Bankhauses Auble und sehr achtbare Leute, obwohl sie sie in Verdacht hatte, das Journal de Genève zu lesen. ('Aber ich bin tolerant und verstehe, dass es für die Herren von der Bank eine Notwendigkeit ist, denn sie müssen sich ja auf dem laufenden halten.')

Natürlich verkehrten wir nur mit Leuten unseres Standes, die alle ungeheuer fromm waren. Innerhalb des Stammes der guten Genfer Protestanten bildeten meine Tante und ihresgleichen einen kleinen Clan von Ultras. Mit Katholiken zu verkehren kam für uns nicht in Frage. Ich erinnere mich noch, wie Onkel Gri Éliane und mich, als ich elf Jahre alt war, zum ersten Mal nach Annemasse, einer kleinen französischen Stadt in der Nähe von Genf, mitnahm. In Tantléries Zweispänner, der von unserem Kutscher Moïse - trotz seines Vornamens war auch er ein strenggläubiger Calvinist - gelenkt wurde, konnten wir beiden kleinen Mädchen es kaum erwarten, endlich einmal dieses seltsame Volk, diese geheimnisvollen Eingeborenen zu Gesicht zu bekommen. Während der Fahrt sangen wir immer wieder: 'Wir werden Katholiken sehen, wir werden Katholiken sehen!'

Doch zurück zu Tantlérie. Mit ihrem flachen Hut, dem stets der kurze schwarze Schleier hinterherwehte, fuhr sie jeden Morgen um zehn mit Moïse, im Zylinder und mit S
tulpenstiefeln, im Zweispänner aus. Sie besuchte ihre liebe Stadt, um zu sehen, ob alles am rechten Platz war. Stieß sie sich an irgendeiner Unzulänglichkeit, wie eine brüchige Rampe, ein aus den Fugen geratenes Eisengitter, ein versiegter öffentlicher Brunnen, so begab sie sich sogleich zu 'einem jener Herren', das heißt, sie beklagte sich bei einem Mitglied der Genfer Regierung. Das Ansehen ihres Namens und ihrer Persönlichkeit, gestärkt noch durch ihre Wohltätigkeit und ihre Beziehungen, war so groß, dass die hohen Herren stets eiligst bemüht waren, sie zufriedenzustellen. Hier noch ein Beispiel für den Genfer Patriotismus Tantléries: Sie hatte die Beziehungen zu einer englischen Prinzessin abgebrochen, die zwar ebenso fromm war wie sie, es jedoch in einem Brief gewagt hatte, sich über Genf lustig zu machen.

Gegen elf war sie zurück in ihrer schönen Villa in Champel, ihrem einzigen Luxus neben ihrem Zweispänner. Wie ich bereits erwähnte, war sie sehr wohltätig und gab für sich selbst sehr wenig aus. Ich sehe noch ihre imposanten schwarzen Schleppenkleider, die jedoch alle alt, abgetragen und sorgfältig gestopft waren. Um zwölf Uhr mittags ertönte der erste Gongschlag. Um halb eins der zweite, und dann musste man sich sofort ins Speisezimmer begeben. Es wurde keine Verspätung geduldet. Onkel Agrippa, Jacques, Éliane und ich standen um den Tisch und erwarteten jene Frau, die wir unter uns manchmal die Chefin nannten. Natürlich setzten wir uns erst, nachdem sie Platz genommen hatte.

Nach dem Tischgebet wurde ausschließlich über anständige Themen gesprochen, wie Blumen ('man muss immer das Ende des Stiels der Sonnenblumen eindrücken, damit sie sich halten') oder die Farben eines Sonnenuntergangs ('ich habe es so genossen, ich war so dankbar für all diese Pracht') oder über Temperaturschwankungen ('heute früh beim Aufstehen habe ich gefröstelt') oder die letzte Predigt eines Lieblingspastors ('sehr gut durchdacht und hübsch ausgedrückt'). Man sprach
auch viel über die Fortschritte der evangelischen Mission in Sambesi, und deshalb kenne ich mich noch heute bestens in Negerstämmen aus. Ich weiß zum Beispiel, dass der König von Lesotho Lewanika heißt und die Einwohner Lesothos Basutos sind und Sesuto sprechen. Dagegen war es verpönt, über das zu sprechen, was meine Tante materielle Dinge nannte. Ich erinnere mich, eines Tages in meiner Unbesonnenheit gesagt zu haben, dass ich die Suppe etwas zu sehr gesalzen fände, worauf sie die Stirn runzelte und mich mit einem eisigen 'Tss, Ariane, ich bitte dich' zurechtwies. Die gleiche Reaktion, als ich mich nicht enthalten konnte, die Mousse au chocolat, die uns eben serviert worden war, zu loben. Ich hätte mich am liebsten unter dem Tisch verkrochen, als sie mich mit ihren kalten Augen anblickte.

Kalt und doch zutiefst gütig. Sie vermochte es nur nicht zu zeigen, zum Ausdruck zu bringen. Es war keine Gefühllosigkeit, sondern edle Zurückhaltung, vielleicht auch Angst vor allem Fleischlichen. Fast nie ein zärtliches Wort, und die seltenen Male, die sie mich küsste, berührten ihre Lippen nur ganz leicht meine Stirn. War ich dagegen krank, so stand sie mehrere Male mitten in der Nacht auf und kam in ihrem majestätischen Morgenrock zu mir, um sich zu überzeugen, ob ich nicht wach lag oder die Decke abgeschüttelt hatte. Liebste Tantlérie, die so zu nennen ich mich nie getraut habe.

Irgendwo in meinem Roman muss ich von meinen Gotteslästerungen sprechen, als ich klein war. Ich war sehr fromm, und doch konnte ich mich unter der Dusche nicht enthalten, plötzlich zu sagen: 'Du Drecksgott!' Doch gleich danach rief ich: 'Nein nein, ich habe das nicht gesagt! Gott ist gütig, Gott ist sehr nett!' Und dann fing es wieder an, und ich lästerte erneut! Ich wurde ganz krank davon und schlug mich, um mich zu bestrafen.

Eine andere Erinnerung. Tantlérie hatte mir erzählt, die Sünde gegen den Heiligen Geist sei die schlimmste von allen. Doch abends, wenn ich im Bett l
ag, konnte ich manchmal der Versuchung nicht widerstehen, vor mich hinzuflüstern: 'Es ist mir egal, ich sündige gegen den Heiligen Geist!' Ohne natürlich zu wissen, was es bedeutete. Aber gleich danach war ich furchtbar erschrocken, versteckte mich unter der Bettdecke und erklärte dem Heiligen Geist, dass ich es nur aus Spaß gesagt hätte.


Pressestimmen

»Mit Albert Cohens "Die Schöne des Herrn" ist einer der großartigsten Romane des 20. Jahrhunderts zu entdecken ... Seine Sprachpalette ist unerschöpflich: höchstes Pathos und schwärzeste Komik, mit Salomons Hohelied konkurrierender lyrischer Überschwang und derbste Alltagssprache, Elegie und Kracher, Erhabenheit und Zynismus - all das fließt ineinander, übereinander, beißt sich, harmoniert, steigert sich - ich kenne keinen größeren Sprachzauberer als ihn.«
Michael Kleeberg, Literarische Welt, 11.8.2012
»Wenn ich jetzt sagen müsste, welches das schönste Buch ist, was ich in meinem Leben gelesen habe, wäre es dieses.«
Elke Heidenreich, SF Literaturclub, 16.10.2012
» Ein Meister der Sprache, ein wirklicher Zauberer ... Er kann poetisch sein und zynisch, er kann raffiniert sein und intellektuell, er kann ganz simpel sein ... Er hat einen Sprachreichtum, eine Sprachgewalt ... Ich war in diesem Zauber vollkommen versunken ... besser als Joyce ... Ich war höchlichst unterhalten, persönlich berührt und literarisch entzückt von diesem Buch.«
Elke Heidenreich, SF Literaturclub, 16.10.2012
»Als im Mai 68 in Paris der Roman "Die Schöne des Herrn" erschien, fand das Staunen kein Ende. Wie aus dem Nichts war da dieser zweiundsiebzigjährige Albert Cohen aufgetaucht. Und mit ihm dieser so eigenartige Tausend-Seiten-Roman. Ein Buch, für das die Superlative fehlten, weil es so anders glänzte als alles, was es damals zu lesen gab ... Nun hat Michael von Killisch-Horn Kossodos Übersetzung überzeugend poliert und verbessert, und man darf gelassen aussprechen: Hier wartet einer der großen (und vergnüglichsten) Romane des 20. Jahrhunderts.«
Andreas Isenschmid, Die Zeit, 08.05.2013
»Es ist eines vom Schönsten, was ich je gelesen habe ... Wie ein absoluter Liebesakt ... Grandios ... Dieses Buch muss einfach jeder einmal in seinem Leben gelesen haben. Am Besten zweimal - einmal auf französisch und einmal auf deutsch.«
Stefan Zweifel, SF Literaturclub, 16.10.2012
»Ich habe selten so ein grandioses Buch gelesen ... Wunderbar erzählt, brillant.«
Rainer Moritz, SF Literaturclub, 16.10.2012
»Ein leidenschaftliches Buch voller Erotik, Eleganz, Ernst und Witz!«
Harald Loch, Nürnberger Nachrichten, 12.07.2012
EAN: 9783608939392
ISBN: 3608939393
Untertitel: Originaltitel: Belle du Seigneur. Neuauflage.
Verlag: Klett-Cotta Verlag
Erscheinungsdatum: Mai 2012
Seitenanzahl: 891 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Helmut Kossodo, Michael von Killisch-Horn
Format: kartoniert
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