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Sexualität und Behinderung. Schwerpunkt Sexualassistenz

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März 2012

Beschreibung

Beschreibung

Diplomarbeit aus dem Jahr 2010 im Fachbereich Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik, Note: 1,0, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg (Institut für Sonderpädagogig Reutlingen), Sprache: Deutsch, Abstract: Im ersten Abschnitt befasse ich mich mit der sexuellen Assistenz für MmB und beschreibe die Unterschiede zwischen passiver und aktiver Assistenz. Als Teil der aktiven Assistenz gehe ich auf die Sexualbegleitung ISBB® in Trebel und die Prostitution gesondert ein. Im zweiten Teil widme ich mich der Sexualität und ihren unterschiedlichen Aspekten. Dabei beschreibe ich den biologischen, soziosexuellen und psychosexuellen Aspekt, sowie die Entfaltung der Sexualität im zeitlichen und kulturellen Wandel. Im dritten Teil stelle ich die besonderen Umstände dar, die für die Sexualität von MmB in dieser Gesellschaft und im Allgemeinen gelten (z.B. die erhöhte Missbrauchsgefahr). Dabei interessieren mich die gesellschaftlichen Vorurteile, deren Wirkung auf den Umgang mit Sexualität und Behinderung abstrahlt. Ich begegne der Frage, ob es ein ¿Recht auf Sexualität¿ gibt und versuche Ansätze zu finden, warum gelebte Sexualität zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen kaum stattfindet(oder stattfinden darf?). Der vierte Teil der Arbeit befasst sich größtenteils mit den Aussagen, die ich aus unterschiedlichen Quellen herausgearbeitet habe. Dazu interviewte ich zwei Sexualbegleiter in der Schweiz und zwei Sexualbegleiterinnen aus Deutschland. Des Weiteren besuchte ich einen sog. Erotikworkshop in Trebel, wo ich die Möglichkeit fand zwei männliche, körperbehinderte Kunden zur SB zu befragen. Auf einen Aufruf im Internet hin meldete sich ein junger Mann mit einer Körperbehinderung, der sich meinen Fragen schriftlich stellte. Seine Erfahrungen beziehen sich auf Treffen mit Prostituierten. Um darüber hinaus auch die sexuellen Möglichkeiten und Einschränkungen von MmB in einer Institution im Blick zu haben, sprach ich mit einer Mitarbeiterin des psychologischen Fachdienstes der Bruderhausdiakonie in Reutlingen. So ergibt es sich, dass sich drei Perspektiven auf SB und Prostitution ergeben. Die der Kunden, die der Anbieter (wobei nur SBter interviewt wurden) und die Sichtweise einer Institution. Im der Schlussbetrachtung und Ausblick, gleichzeitig fünften und letzten Teil der Arbeit versuche ich das gewonnene Wissen zusammenzufassen und in Verbindung zu bringen. Dabei will zu einer Klärung der Frage kommen, welche Bedeutung käufliche, sexuelle Dienstleistungen im Leben eines MmB zukommen können und ob sie den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden.

Leseprobe

1          Einleitung


 

Während meines Studiums der Sonderpädagogik wurde ich erst gegen dessen Ende mit der Thematik SB konfrontiert. Es wurde deutlich, dass die Sexualität von behinderten Menschen ein Thema ist, dem in meinem Studium bislang wenig Bedeutung zugekommen war. Zwar war mir bekannt, dass es Studien zu Elternschaften von MmB gibt oder dass die Zwangssterilisation erst seit kurzer Zeit verboten worden ist. Ebenfalls hatte ich gelernt, dass sich diese Menschengruppe in Lebensbereichen wie Wohnen, Freizeit oder Arbeit mit mehr oder weniger starken Diskriminierungen konfrontiert sieht. Mit einem konkreten Bedürfnis dieser Menschen nach Sexualität hatte ich mich jedoch nicht auseinandergesetzt. Ich schien nicht der Einzige zu sein, dem es so ging. 

 

Sexualität ist ein heikles Thema, was sich schon daran zeigt, dass im Allgemeinen eher privat als öffentlich darüber gesprochen wird. Die Erfüllung der Bedürfnisse von MmB ist meistens auf das beschränkt, was die betreuenden Institutionen vorgeben bzw. zulassen, oder was der MmB vom Staat rechtlich einfordern kann, da eine Nichterfüllung seines Bedürfnisses gegen geltendes Menschenrecht verstoßen würde (vgl. VOM RECHT AUF SEXUALITÄT).

 

Es kommt immer dann zu einer Verbreitung eines neuen Bewusstseins über Belange behinderter Menschen, wenn darüber diskutiert wird. Die öffentliche Debatte erreicht nicht nur mehr Menschen, sondern kann auch den Anstoß geben, althergebrachte Strukturen innerhalb von Institutionen oder restriktive Gesellschaftseinstellungen zu modifizieren. Verändert sich die öffentliche Meinung dauerhaft, so braucht es meist nicht lange, bis die Gesetze durch neue Richtlinien an die geschehenen Ve
ränderungen angepasst werden. Dies wird erst möglich, wenn die Veränderungen innerhalb des öffentlichen Bewusstseins bereits vollzogen sind. Konkret bedeutet dies, dass die Sexualität von behinderten Menschen einer öffentlichen Debatte bedarf, wenn man die allgemeine Vorstellung davon beeinflussen möchte.

 

Im Umkehrschluss wirft dies die Frage auf, was es für die betroffenen Menschen bedeutet, wenn ihre Sexualität durch die Gesellschaft (auch die Betreuer, Helfer, Eltern, Angehörige von MmB rekrutieren sich aus der Gesellschaft) größtenteils verschwiegen oder negiert wird?

 

Im Folgenden möchte ich meine persönlichen Erfahrungen bezüglich Sexualität und Behinderung erläutern, damit ersichtlich wird, warum ich den Schwerpunkt in meiner Arbeit auf die Themenfelder Sexualität, Behinderung und sexuelle Dienstleistungen legen möchte.

 

Ich erinnere mich noch an meine erste Begegnung mit der Sexualität eines geistig behinderten Mannes namens Angel-Sereno, während meines „Anderen Dienstes im Ausland“ in Madrid in einer Einrichtung für behinderte Menschen. Angel-Sereno muss damals um die 30 Jahre alt gewesen sein. Eines Tages erwischte ich ihn, wie er draußen, an die Wand des Heims gelehnt, masturbierte. Vor sich hatte er den Boden mit Zeitungen ausgelegt, um sich an kleinen Bildern der Sex-Annoncen zu erregen. Im ersten Moment war ich ziemlich verwirrt. Nicht wegen des Umstands der Masturbation, sondern weil ich dabei zusehen musste und mir diese Situation unangenehm war. Es gehörte sich nicht in der Öffentlichkeit zu onanieren und es gehörte sich nicht dies zu beobachten, dachte ich. Er hatte mich durch sein Handeln in eine mir äußerst peinliche Situation gebracht. Ich bat ihn die Toilette aufzusuchen und dort weiterzumachen
. Er, der selbst ein wenig erschrocken schien, gehorchte umgehend. Ich brachte ihn zur Toilette, worin er verschwand und die Tür hinter sich verschloss. Nach 5 Minuten machte ich einen Kontrollgang durch das Haus und entdeckte ihn im Zimmer eines anderen Bewohners. Wieder lag das erigierte Glied in seiner Hand. Ich schickte ihn abermals auf die Toilette, diesmal wesentlich deutlicher, denn ich war mittlerweile wütend geworden. Er hatte also bewusst damit gerechnet von mir oder jemandem anderen ertappt zu werden.

 

Damals sah ich wohl ein, dass dieser Mensch das Verlangen nach Sexualität hatte und ich erkannte auch eine gehörige Portion Exhibitionismus in seinem Verhalten. Aber es fiel mir schwer, die seinem Verhalten innenwohnende Verzweiflung, mit der er als Mann und sexuelles Wesen nach Ausdruck verlangte, zu verstehen oder in seine Lebensumstände als Heimbewohner einzuordnen.

 

Derselbe Mann befriedigte sich eines Nachts anal mit einer Taschenlampe. Ich fand sie am Morgen befleckt mit den Spuren der nächtlichen Tätigkeit auf seinem Nachttisch. Darauf hatte ich ebenso wenig eine Reaktion parat. Vielmehr reagierte ich gar nicht und die Heimleitung, der ich davon erzählte, tat auch nichts.

 

Bei dem Heim handelte es sich um eine geschlossene Einrichtung mit anthroposophischer Ausrichtung. Bei der Verpflegung verzichtete man bewusst auf starke Gewürze, um die Libido der Heiminsassen gering zu halten. Sexuelle Übergriffe unter den Bewohnern, welche teilweise in Doppelzimmern untergebracht waren fanden in besorgniserregender Regelmäßigkeit statt.

 

Einen besonders eindrücklichen Fall will ich hier kurz schildern. Eines Morgens wurde ich in aller Eile gerufen, um Miguel, einen Bewohner mit Trisonomie 21, zu beruhigen. Er war gerade dabei die gesamte Inneneinrichtung seines Zimmer
s zu zerstören. Vor der Tür seines Zimmers standen die weiblichen Betreuer und trauten sich nicht hineinzugehen. Ich hörte Wutschreie und das Zersplittern von Glas. Als ich die Zimmertür öffnete, flog mir ein Bettgestell entgegen. Meine einzige Chance bestand darin, mich auf Miguel zu werfen und ihn mit aller Kraft auf den Boden zu drücken. Es gelang, auch wenn er versuchte sich in meine Hände und Arme zu verbeißen. In dem stämmigen, breitnackigen Mann schlummerte eine unheimliche physische Kraft. Die eilfertigen Betreuerinnen fesselten ihm die Hände, auf dass er sich mit der Zeit wieder beruhigen würde. Mein Hemd war schweißnass als ich den Raum verließ, unfähig zu verstehen was in diesem Menschen vor sich gegangen war. Er war mir zuvor noch nie durch Aggressionen aufgefallen. Miguel war ein ruhiger Bewohner. Er war geistig stark eingeschränkt, hatte autistische Züge, praktizierte keine Verbalsprache und kommunizierte  im Allgemeinen sehr wenig. Nach dem Vorfall wurde er von dem Doppelzimmer, das er sich mir José, ebenfalls ein Mensch mit der Diagnose Down-Syndrom,  teilte, in ein Einzelzimmer verlegt. Einer Betreuerin fiel bei der Pflege auf, dass Miguel Wunden im Afterbereich und Kratzspuren am Gesäß hatte. Man kam zu dem Schluss, dass José versuchte hatte Miguel in der Nacht vor dem besagten Morgen zu vergewaltigen.

 

Es gab keine Pärchen unter den ca. 20 gemischt-geschlechtlichen Bewohnern. Keines der Zimmer ließ sich von innen abschließen, viele wurden jedoch über Nacht von außen abgeschlossen. Aus der Intention heraus seine sexuelle Energie in geregelte Bahnen zu lenken, wurde Angel-Sereno angeraten, sich mit Pilar zu befreunden, einer jungen Frau mit Down-Syndrom. Er verschloss sich jedoch jedem „Kupplungsversuch“ seitens der Heimleitung. Sie entsprach nicht dem was er wo
llte, denn sie sah ihm, wie er sagte, zu „behindert“ aus. Als er sich weigerte der „wohlwollenden“ Intention der Heimleitung Folge zu leisten, reagierten manche Pflegerinnen mit offenen Vorwürfen.

 

Pilar, ca. 25 Jahre alt, die nur zu gerne bereit gewesen wäre mit Angel-Sereno eine Bindung einzugehen, suchte bei den männlichen Betreuungskräften Trost. Ständig war sie in der Nähe von uns jungen Zivildienstleistenden, betrachtete uns als ihre „Freunde“ und verhielt sich teilweise sehr verliebt. Wir versuchten dies zu ignorieren oder schickten sie bei anhaltenden Annährungsversuchen weg. Es gab keine Versuche, sie außerhalb des Heims mit männlichen Personen in Kontakt zu bringen.

 

Eine Frau, deren Namen mir in der Zwischenzeit entfallen ist, wurde in meiner Zeit in Spanien sterilisiert. Ob ihre Einwilligung vorlag, kann ich nicht bezeugen. Ich wusste damals auch gar nicht, was eine Einrichtung durfte und was nicht. Jedenfalls fuhr man sie eines Morgens ins Krankenhaus und sie kam einige Tage später mit entfernten Eierstöcken zurück. „Satt, sauber und unauffällig“, so schien die Devise dieses Heimes im Herzen von Spanien zu sein.

 

Sicherlich wäre es eine Erleichterung für Angel-Sereno und Pilar gewesen, hätten sie die Möglichkeit gehabt außerhalb des Heims auf Partnersuche zu gehen oder sich mit einer Prostituierten oder Sexualbegleiterin zu treffen, hätte es so etwas bereits gegeben. Vielleicht hätte man den Übergriff an Miguel verhindern können, wäre man früher in eine lösungsorientierte Auseinandersetzung mit der Sexualität der Heimbewohner gegangen. Auf scharfe Gewürze beim Essen zu verzichten hatte sich jedenfalls nicht als der Weisheit letzter Schluss erwiesen.

 


Wenn ich diese Erfahrungen heute betrachte wird mir klar, dass das Thema Sexualität in dieser Einrichtung eindeutig unterdrückt wurde, obwohl es nachweislich gegenwärtig war. 

 

 Diese Erfahrungen haben dafür gesorgt, dass ich nun ein differenzierteres Bild auf die Sexualität derjenigen Personen...


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