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Letzte Grüße


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September 2003

Beschreibung

Beschreibung

In seinem 75. Lebensjahr legt Walter Kempowski einen neuen Roman vor, seinen zehnten. Die »Letzten Grüße« sind nur vordergründig die Abschiedsgrüße eines Amerikareisenden an seine Frau. Sie sind auch Grüße an seine Leser - und darüber hinaus das Resümee eines Repräsentanten seiner Generation, die Auseinandersetzung eines Unzeitgemäßen mit den Werten des »Alten Europa« im Angesicht der Neuen Welt.

Die Einladung zu einer Lesereise durch Amerika kommt für den Schriftsteller Alexander Sowtschick im rechten Augenblick. Sein neuer Roman will nicht recht vorwärts gehen. Seine Ehe mit Marianne dümpelt vor sich hin. Die Beleidigungsklage eines Kollegen, den Sowtschick »Dünnbrettbohrer« genannt hat, steht ins Haus. Und auch der bevorstehende 70. Geburtstag löst zwiespältige Gefühle aus. Also macht sich der distinguierte ältere Herr mit Goldrandbrille auf in die Neue Welt. 37 Stationen sind zu absolvieren, vom aufregenden New York über die frömmelnd-puritanischen Universitäten an der Ostküste bis in den kanadischen Norden. Sowtschick liest vor beflissenen Kulturträgern und gelangweilten Studenten, vor unbefriedigten Archivarinnen und ältlichen Professorengattinnen. Doch seine Bücher sind weniger präsent, als er erhoffte, und die Vorurteile seiner Gastgeber gegenüber den Deutschen findet er verstörend. Selbst die kleinen erotischen Abenteuer erweisen sich als nicht wirklich erregend. Über allem liegt die Melancholie des Abschieds, gepaart mit der illusionslosen Ironie eines Unzeitgemäßen. Die junge Generation hat ihn längst überholt. Doch wer dem Ende wirklich näher ist, bleibt offen.

Portrait

Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 als Sohn eines Reeders in Rostock geboren. Er besuchte dort die Oberschule und wurde gegen Ende des Krieges noch eingezogen. 1948 wurde er aus politischen Gründen von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach acht Jahren im Zuchthaus Bautzen wurde Walter Kempowski entlassen. Er studierte in Göttingen Pädagogik und ging als Lehrer aufs Land. Seit Mitte der sechziger Jahre arbeitete Walter Kempowski planmäßig an der auf neun Bände angelegten "Deutschen Chronik", deren Erscheinen er 1971 mit dem Roman "Tadellöser & Wolff" eröffnete und 1984 mit "Herzlich Willkommen" beschloss. Kempowskis "Deutsche Chronik" ist ein in der deutschen Literatur beispielloses Unternehmen, dem der Autor das mit der "Chronik" korrespondierende zehnbändige "Echolot", für das er höchste internationale Anerkennung erntete, folgen ließ.

Walter Kempowski verstarb am 5. Oktober 2007 im Kreise seiner Familie. Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Seit 30 Jahren erscheint sein umfangreiches Werk im Knaus Verlag.

Leseprobe

1. Teil
'Deutsche Wochen?' - Alexander hatte die Einladung spontan absagen wollen: vier Wochen Amerika? Aus allem herausgerissen werden, nicht mehr im B'chergang auf- und abschreiten, nicht im Garten den Frauen zusehen, wie sie sich 'ber das Unkraut b'cken; Harke und Hacke sind an die wei' Mauer gelehnt? Die rosa aufd'ernden Tage, die dunkelroten Sonnenunterg'e, die Silhouetten der B'e vor den gef'ten Wolken - ausgreifend und verzweigt ' Einen Acht-Stunden-Flug ertragen 'ber nachtdunklem Meer, eingeklemmt zwischen Rauchern und Tempotuchmenschen, von vorn Gestank in regelm'gen Anblasungen und von hinten endloses Gerede? Dann: 'dr'ben' von einer Stadt in die andere vagabundieren, beleuchtete Wasserf'e, nachgebaute Einwandererh'tten, Bibliotheken, eine wie die andere, schlechte Hotels! - Und Tag f'r Tag Rede und Antwort stehen m'ssen f'r Dinge, die man nicht zu verantworten hat?
'Leugnen Sie auch den Holocaust?'
Vor Leuten, die noch nie etwas von einem geh'rt haben, geschweige denn gelesen?
'Warum schreiben Sie?'
'Welche Position nimmt der Erz'er in Ihrer Prosa ein?'
Nein.


Andererseits: vier Wochen Amerika? Die t'ichen Unannehmlichkeiten des Arbeitstages hinter sich lassen, der Roman kommt nicht von der Stelle, und die leidige Sache mit der Beleidigungsklage, 'D'nnbrettbohrer', weshalb hatte er auch den an sich so liebenswerten Kollegen Mergenthaler aus Aschaffenburg einen D'nnbrettbohrer genannt?
Vier Wochen entr'ckt zu sein, Gast, immerfort eingeladen zu werden zu Essen und Trinken und zus'lich pro Lesung noch zweihundertf'nfzig Dollar in die Hand gedr'ckt bekommen? Und: auch sonst alles gratis? W' es nicht eine S'nde, ein solches Angebot auszuschlagen? Vier Wochen kreuz und quer den neuen Kontinent bereisen? Auf den Klippen des Pazifischen Ozeans sitzen und sich von Schaum umflocken lassen ' Ausgebreitet schweben 'ber Canyons und riesige Fl'sse, die Highways hinauf-hinuntergleiten durch W'er und W'sten, je nachdem? - Und:
w'rde man die Erwartungen des deutsch-amerikanischen Instituts nicht entt'chen mit einer Absage? Wer konnte denn wissen, wer sich stark gemacht hatte f'r ihn: 'Ich bin daf'r, da'wir endlich mal den Sowtschick hin'berschicken ''
Eine Einladung war ja l'st f'ig gewesen.
Zum Dank f'r solch warme F'rsprache dann ein Nein! aus Sassenholz wie eine kalte Dusche?


Und: Wann k' man da mal wieder hin: New York, San Francisco, Boston, Denver ' - Wo lag eigentlich Denver?
Ganze Kompanien deutscher Schriftsteller waren bereits dr'ben gewesen, Niels P'tting, Hinze aus M'lln, Kargus aus St. Peter - sogar Ellen Butt-Pr'mse, eine Verfasserin von Pferde-Lyrik, und Udo Scharrenhejm, dessen Mutter aus Spanien stammte und dessen Vater Isl'er war. Leute, die man besser h'e zu Hause lassen sollen, statt sie als Botschafter des Landes nach dr'ben zu schicken, wo sie dann mit narrativem Kitsch aufwarteten und in politischer Hinsicht sonst was erz'ten; aller Welt auf die Nerven gingen, also - irgendwie peinlich.
'Deutsche Wochen', da hatte man doch als ein deutscher Romancier eine Verantwortung zu tragen.


S'liche Dichter m'lichen und weiblichen Geschlechts, die vom deutsch-amerikanischen Institut hin'bergeschickt wurden, hatten danach ein Buch 'ber ihre Reise ver'ffentlicht, die Klippen des Pazifischen Ozeans erw't und die Highways hinauf-hinunter, die gelben Taxis von New York und das Elend ethnischer Minderheiten. Auch das b'te sich an, die Sache f'r eine abrundende Publikation auszunutzen. Warum nicht?


'Die Menschen da dr'ben freuen sich auf Sie', stand in dem Brief des Instituts, womit die Null-Komma-null-null-null-Prozent der amerikanischen Bev'lkerung gemeint sein mochten, die 'berhaupt eine Ahnung davon hatten, da'es in Europa auch Schriftsteller gab. Oder einzelne Emigranten und Auswanderer, die ihre alte Heimat ganz anders in Erinnerung hatten, als sie in den neuesten Publikationen aus Frankfurt und M'nchen dargestellt wu
rde.


Die Beleidigungsklage - weshalb hatte er sich auch hinrei'n lassen, den sensiblen Brockes-Preistr'r Fritz-Harry Mergenthaler einen D'nnbrettbohrer zu nennen? Den Gedanken daran w'rde er mitnehmen m'ssen hin'ber, der war nicht abzusch'tteln.
Auch das wehe Gef'hl in der Brust, das ihm manches Mal zu schaffen machte, und die gelegentlichen Schwindelanf'e w'rden ihn begleiten, Anwandlungen, die ihn sogar zwangen, sich an einer Wand festzuhalten?


Vielleicht doch lieber nicht aufbrechen 'zu fernen Gestaden', das endlose Fliegen, Fahren, Sitzen, Warten ' Au'rdem: ein Romanmanuskript auf dem Schreibtisch, f'r das schon Vorsch'sse kassiert worden waren. 'Karneval 'ber Lethe', der Roman, der wehm'tige Abgesang an sein Publikum: Der Wagen rollt aus und kommt r'ttelnd zum Stillstand. Es kam nicht recht vom Fleck, das Monstrum ' Vielleicht w'rde eine l'ere Pause das so 'beraus empfindliche Gebilde f'r immer zerst'ren.
Aber vielleicht w'rde die Pause der Arbeit ja auch zugute kommen. Abstand gewinnen, und nach der R'ckkehr mit frischer Kraft und neuen Ideen das Werk vollenden, das leider schon angek'ndigt worden war in einer literarischen Wochenzeitung, obwohl doch erst ein paar Seiten vorlagen: Nun konnte man nicht mehr zur'ck.


F'r eine Amerikareise sprach der Hinweis, der dann sp'r der Vita w'rde hinzugef'gt werden k'nnen: '1989 im Rahmen der 'Deutschen Wochen' eine zweite ausgedehnte Studienreise nach Amerika ' Gastdozent an verschiedenen Universit'n ''
Die Einladung hatte unanst'ig lange auf sich warten lassen, das war nicht zu leugnen.


Also annehmen die Einladung, Luft sch'pfen und sich in der Neuen Welt umsehen und - warum nicht, hinterher, wie all die andern es taten - Reiseskizzen ver'ffentlichen, ganz unangestrengt Aufgesammeltes, Gelegenheitsnotizen und Beobachtungen.
'Unruhig in unruhiger Zeit', als Titel gar nicht schlecht.
'Highways - Unruhig in unruhiger Zeit'? Oder 'Ruhig in unruh
iger Zeit'? - Auf alle F'e 'Highways', das war schon mal festzuhalten.


Sowtschick nahm sich den Iro-Weltatlas vor, den von 1968, schlug die Seite sechs auf, 'Nordamerika und Kanada', und fuhr mit dem Zeigefinger von einer Stadt zur n'sten, in derselben Reihenfolge, wie er die Stationen dann abfahren w'rde, eine nach der andern. Stadt, Land, Flu' Berge. Die Rocky Mountains hinauf-hinunter - B'n an den Rastpl'en -, auf staubender Piste Kaktusw'sten durchrasen und 'ber das breite, symphonische Geschl'el der Riesenfl'sse hinwegziehen.


Eine Tournee durch f'nfundzwanzig St'e: deutsche Kultur verbreiten, wo immer es gew'nscht wird: in Washington ein Stehempfang, Lesungen vor deutschen Vereinen. Und im Mittleren Westen im Kreise properer College-Studentinnen Vortr' halten: Auf dem Rasen sitzen sie, die Sportsgesch'pfe, um ihn herum gruppiert, gut gen't und sauber, den Rock weit um sich gebreitet, und er selbst lehnt an einer Zeder, in wei'm Anzug, mit wei'n Schuhen, 'ber seine B'cher hinwegsinnend, die es ihnen nahezubringen g'e. Ein B'chen Heine-Gedichte gut sichtbar in der Rocktasche stecken haben f'r alle F'e, ein Eckchen hervorzupfen das Dings, damit's jeder sieht.
Heine kann nie schaden.
Heine oder Tucholsky. Kleist!


Den Feuilletons war zu entnehmen, da'in Amerika vorzugsweise Dichter aus Sachsen und Th'ringen zu Worte kamen. Wie es schien, wurden in den von Kapitalisten ausgehaltenen Universit'n der Vereinigten Staaten die politisch Verblendeten der linken Szene besonders gesch't. Von denen ging f'r die freie Welt ein Faszinosum aus, das ein in die Jahre gekommener Schriftsteller aus dem Landkreis Kreuzthal nicht bieten konnte.
Neuerdings grasten die Leute mit dem blauen Pa'auch in Bayern und in Westfalen Universit'n und Buchhandlungen ab, und Preise kriegten sie die schwere Menge.


Eine Einladung nach Borneo oder Brasilien w'rde Alexander 'vorw'ig' abgelehnt haben. Das feuchthei' Klima war nicht sei
ne Sache. Auch Japan nicht: Stra'nschilder nicht lesen k'nnen und die E'ewohnheiten dieser Leute! Im Schneidersitz rohen Fisch zu sich nehmen, der wom'glich giftig ist?
Nein, da waren die freundlichen, gastfreien Amerikaner eine ganz andere Sache, verwandte Naturen, mit denen man doch so oder so in einem Boot sa'
Die Amerikaner hatten zwar Bombenteppiche 'ber Barockkirchen abgeladen, dann aber Carepakete geschickt. Sie hatten sich Jahr um Jahr mit der Umerziehung des schuldig gewordenen deutschen Volkes abgem'ht, um es in die V'lkerfamilie zur'ckzuf'hren - nun w'rde zu demonstrieren sein, was aus dem Kindlein geworden ist.


Als Alexander beim wiederholten Lesen des Briefes feststellte, da'auch ein Abstecher nach Kanada geplant war, gab es f'r ihn kein Halten mehr. Kanada! Mit h'fthohen Stiefeln im Wasser stehen und Lachse angeln.
Er w'te die Nummer des Instituts und sagte: 'Okay!' Aus vollem Herzen: 'Okay!' Und seine gute Laune verfinsterte sich keinesfalls, als die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung ihn barsch anbellte, sie habe damit nichts zu tun, er m'ge seine Zusage schriftlich abgeben. Im 'brigen k'nne er sich damit Zeit lassen, viel Zeit.


Als er noch im Iro-Weltatlas bl'erte, kam ihm eine Erinnerung an die erste Reise nach Amerika. Er stieg nach oben in sein Kabinett, in die 'Fluchtburg', wie er das Zimmerchen nannte, und kramte ein Foto hervor. Eine Friedhofsmauer mit einem M'hen darauf. Das war 'Freddy'. Sie war zwar nur undeutlich zu erkennen, rief aber doch eine wehe Erinnerung in ihm hervor. In Santa Barbara war er ihr begegnet, vor vielen Jahren.
Um ein verschossenes Farbfoto handelte es sich, mit umgebogenen Ecken. Er klappte seine Brieftasche auf und schob es hinein in die unterste Abteilung: Direkt 'ber seinem Herzen w'rde es liegen, ein Herzschrittmacher der besonderen Art. Damals hatte er sich noch an keine Wand lehnen m'ssen, und es hatten ihn keine grauen T'cher angeweht.
Damals hatte er so
gar noch einen 'K'pper' gewagt! Beim Arbeitsdienst gelernt und danach nie wieder praktiziert, von einem Felsen aus, ins klare Wasser, und Freddy hatte ihn gelobt daf'r.


Eben zog er noch Schubladen auf, um zu sehen, was vielleicht noch an Anregendem zur Verf'gung stand, da h'rte er Marianne vorfahren in ihrem flotten Cabrio. Sie war in Bremen gewesen und hatte wieder einmal einen kleinen Belutsch g'nstig erwerben k'nnen, obwohl wiederholt gesagt worden war: Nun ist es aber genug mit dem Teppichkaufen, nun wollen wir mal abstoppen die Sache, das sieht hier ja schon aus wie in einer Jurte!
Alexander steckte die Brieftasche ein und ging seiner Frau, mit der er nun schon 'ber vierzig Jahre verheiratet war - von den Hunden jubelnd begleitet -, mit Brief und Weltatlas unter dem Arm entgegen, was ihr gar nicht recht war, denn eigentlich hatte sie sich 'ber den Hof ins Haus schleichen wollen und erst mal verstauen die Neuerwerbung und den Gatten vorbereiten auf den doch wohl voreiligen Kauf. Erst verstecken und dann einfach hinlegen das Dings und sehen, ob er es 'berhaupt merkt. Und wenn er es bemerkt, in die H'e klatschen und lachen und sagen: 'Aber der liegt hier doch schon seit anderthalb Jahren!'
Sie warf den kleinen braunen Teppich auf den Fu'oden und stellte sich zu Alexander, wie er ihr den Atlas 'ffnete und in freudigem Durcheinander die Route seiner Reise erkl'e, von der sie ja noch gar nichts wu'e, einer Reise, die er allein w'rde unternehmen m'ssen, weil nur er eingeladen war.


So beugte sie sich denn 'ber die Ausklappkarte, auf der die USA gr'n und Kanada gelb abgebildet waren, und sagte: 'Sch'n! Herrlich! Das hast du dir verdient, mein Lieber - wo du immer so flei'g bist.'
Sie h'e nichts dagegen gehabt, ihn nach New York und San Francisco zu begleiten. Aber die Tiere! Wer sollte f'r die Hunde sorgen, die H'hner und die Schafe?
'Frauchen l' euch nicht im Stich', sagte sie und entrollte den kleinen Belutsch, den sie durc
haus noch wieder zur'ckgeben k'nnte - 'Was glaubst du, wie billig der war!' -, und kniete sich hin und erkl'e ihrem Mann, der sich f'r Teppiche nicht interessierte, die Webmuster und deren kunstvolle Kombinationen, das gepunktete Zickzack und die Zitterlinien, die einen Weiher darstellen mochten, in dem sich Schilfhalme spiegelten, und Alexander sagte, das sei richtig, da'sie sich den genehmigt h'e, er stehe voll dahinter, sonst hat man ja bald gar nichts mehr vom Leben. Insgeheim hoffte er, da'die Teppichleidenschaft sich nicht ausdehnte auf beduinischen Silberschmuck, der bei demselben H'ler im Fenster lag, eine Sache, die leicht ins Ekstatische ausuferte und dann um sich griffe. Auch die Erwerbung verschiedener Samoware lag auf dieser Linie, die dann eben doch nicht funktionierten, geputzt werden mu'en und dauernd umkippten.
W'end sie leckere kleine Kuchen verzehrten, die Marianne aus Bremen mitgebracht und aus der fettigen T'te in die Mei'er Schale gesch'ttet hatte, dachte Alexander an das M'hen Freddy im fernen Santa Barbara: Auf einer Mauer hatte sie gesessen und Eis gegessen, und nun ruhte es an seiner Brust, vom gleichm'gen Pochen seines Herzens belebt. Sie hatte ihm zugelacht damals, als er den K'pper ins klare Wasser wagte, den letzten K'pper seines Lebens, und er hatte dieses Lachen nicht eingel'st, was noch immer an ihm nagte.


Marianne erz'te von dem orientalischen Teppichh'ler, da'der mit einer Deutschen verheiratet sei und da'dessen Schwiegervater alle B'cher Sowtschicks gelesen habe und ganz wild darauf sei, ihn kennenzulernen. Sie dachte bereits an eine andere Br'cke, ein zauberhaftes St'ck, die sie sich hatte zur'cklegen lassen, da'sie die vielleicht w'end seiner Abwesenheit auch noch kaufen w'rde und ihn, wenn er dann zur'ckkehrt, damit 'berraschen.


Sie dachte auch daran, da'sich die Schw'rin in Peine furchtbar 'erte 'ber die Teppiche, die an sich, das war klar, allesamt nicht viel wert waren, wie viel sie auch ge
kostet haben mochten, auf denen man sich jedoch h'e kuscheln k'nnen, wenn man sich h'e kuscheln wollen.
Einziges Haar in der Suppe, das sah Marianne 'ber die Kaffeetasse hinweg, war der Farbwechsel am unteren Ende des Teppichs, da war der Kn'pferin wohl die Wolle ausgegangen. Sie hatte mit was anderem weitergemacht, und das haute irgendwie nicht hin. Vielleicht hatte es sich um eine ausgebeutete Kn'pferin gehandelt, aus dem feuchten Inneren des Landes herbeigelockt, in eine Arbeitskaserne gepfercht zusammen mit vielen anderen Frauen und auch Kindern, dicht an dicht, Stunde um Stunde. Vielleicht war sie ja an Entkr'ung zugrunde gegangen, als sie an diese Stelle kam. War vor dem Ger'zusammengesunken, vor Hunger und Ersch'pfung 'ber dem halbfertigen Gewirk zusammengesackt, mit wunden Fingern und entz'ndeten Augen, und dort verr'chelt. Die gelben Hunde der Stra' kommen herbei und nagen an ihren d'rren Armen. - Man k'nnte die griechische Bodenvase darauf plazieren, das bot sich an, dann fiele das nicht so auf. Eine interessante Wechselwirkung: Kultur auf Kultur?


Auch Alexander, der seiner Frau den Brief des Instituts vorgelesen hatte, fand ein Haar in der Suppe: ein Vortrag, den er in Los Angeles w'rde halten m'ssen anl'ich eines 'ersetzerkongresses! Da'der extra honoriert werden sollte, half ihm ja auch nicht weiter. Vortr' zu halten, das war nicht seine Sache. Er war zum Geschichtenerz'en geboren, nicht zum Zerpfl'cken theoretischer Sachverhalte. Einen Vortrag auszuarbeiten, bedeutete harte Arbeit, das Schreiben von Geschichten hingegen war in der Regel heiterer Zeitvertreib, mit dem sich au'rdem sehr viel mehr Geld verdienen lie'als mit Analysen oder 'lichem, von denen kein Mensch was wissen will. Geld, das sehr n'tig war f'r die diversen Hobbys der Eheleute.




Pressestimmen

"Wohl kaum ein Buch verrät mehr über die seelische Landschaft des Walter Kempowski als dieser Roman, der ein Zeichen seiner Altersmelancholie ist."
EAN: 9783813501957
ISBN: 3813501957
Untertitel: Roman.
Verlag: Knaus Albrecht
Erscheinungsdatum: September 2003
Seitenanzahl: 432 Seiten
Format: gebunden
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