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An den inneren Ufern Indiens


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August 2003

Beschreibung

Beschreibung

Der Ganges ist die Lebensader Indiens. Ilija Trojanow hat den großen Fluss von der Mündung, wo er aus dem ewigen Eis bricht, bis in die großen Städte bereist, mit dem Boot, dem Bus, in überfüllten Bahnen. Eine farbige Reportage und Erzählung über ein Land zwischen einer uralten Tradition und einer höchst ungewissen Moderne und über den heiligen Fluss, der es über Hunderte von Kilometern durchzieht.

Portrait

Ilija Trojanow, geb. 1965 in Bulgarien, aufgewachsen in Kenia, studierte und arbeitete viele Jahre in Deutschland. Seit 1998 lebt er in Bombay. Trojanow ist Autor, Herausgeber und Verleger. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit afrikanischer Geschichte, Kultur und Literatur. Der Autor erhielt zahlreiche Preise: 1995 den Bertelsmann-Literaturpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, ein Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf sowie ein Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds e.V., 1996 den Marburger Literaturpreis, 1997 den Viktor-von-Scheffel-Preis und Thomas-Valentin-Preis der Stadt Lippstadt und 2000 den Adelbert-von-Chamisso-Preis. 2009 wurde ihm der Preis der Literaturhäuser verliehen und 2010 wurde er als 'poetischer Chronist der großen Exil- und Migrationsphänomene der Moderne' mit dem Würth-Preis geehrt.

Leseprobe

Der Ganges wird in Indien Ganga genannt, in respektvoller Anrede Gangaji, in liebevoller Hinwendung Ganga Mataji (Mutter Ganges). Sadhus (Eremiten) und Pujaris (Priester) kennen weitere 108 oder gar 1000 Namen des Ganges. Es gilt ihnen alsSünde, Ganga »Fluß« oder »Wasser« zu nennen.
I.
Tropfen von der Locke Gottes
Der Mann zieht die Ziege in den Ganges hinein, bis ihr das Wasser gegen den Mutterleib schwappt. Mit nassen Händen streicht er ihr über den prallen Bauch. Er bespritzt sie, er flüstert ihr ins Ohr. Dann führt er sie aus dem Wasser, und die Ziege wirft - kaum spürt sie Ufer unter den Hufen - zwei Zicklein. Der Hirte schneidet die Nabelschnur ab, nimmt die Neugeborenen auf seinen Arm und macht sich auf den Weg ins nahe gelegene Dorf. Der Fluß strömt bedächtig weiter, Fährmänner decken mit ruhigen Pinselstrichen die Kiele der umgedrehten Boote mit Teer ab. Zwei Sadhus füllen ihre Gefäße und grüßen in Gottes Namen. Einige Kühe schlappen lustvoll Wasser. Die Geburt erscheint so selbstverständlich wie das Brummen einer Fliege, wie die Hornhaut auf der Ferse des Fischers. Sie hinterläßt nur ein Stück Nabelschnur auf dem hellbraunen Sand und die Erinnerung an die Entnabelung.
Nicht alles kommt so leise zur Welt. Ganga bricht mit einem anhaltenden Schrei aus dem Gletscher, fällt zur Erde und läuft los, ungestüm, halsüberkopf, um sich schlagend. Shiva hat seinen Kopf hingehalten, Ganga hat sich seines Hauptes bemächtigt; hart beim Aufprall, sanft beim Abfließen stürzt sie von seiner Stirn hinunter, perlt von seinen Locken herab. Ihr stürmisches Rauschen, sein starres Schweigen, unbeweglich bis in die letzte Furche seines Antlitzes. Die Kaskaden schütteln sein Haupt, rütteln ihn aus seiner Versenkung.Shiva kann nicht mehr an sich halten, richtet sich auf und sc
hwingt seine Damru-Trommel. Es klingt wie Eis, das splittert, sich unentwegt spaltet, bis es nur noch aus Tropfen besteht, die von seinen Lippen fallen. Ganga ergreift Shivas Hände, die beiden wirbeln um den Augenblick der Schmelze herum. Der Takt vieler Tropfen wird zu einem Sturzbach.Der Sog schluckt alles, das Echo der Selbstvergessenheit, die eingeschlafenen Felsen, die zwei Hörner, die über demGletscher ragen, als sei dieser die faltige Stirn einer altehrwürdigen Kuh.
Nicht so schnell, haucht die atemlose Ganga.
Schneller, ruft der erregteShiva.
Sie wirbeln weiter.
Ich lag schon Stunden wach, mit Kopfschmerzen, von der Ekstase der Geburt um den Schlaf gebracht. Früh am Morgen waren wir in Gangotri aufgebrochen zu einem langwierigen Aufstieg von zwanzig Kilometern und tausend Höhenmetern. Den Gletscher hatten wir kurz vorSonnenuntergang erreicht und sogleich unser Zelt aufgeschlagen - zu nahe am Wasser, wie sich herausstellte. Meine Begleiterin Pac, eine Fotografin, deren Augen im Laufe der Reise alle Schattierungen zwischen Grün und Braun durchwanderten, schlief, ungestört von dem unablässigen Rauschen. Der Mund des Gletschers war nur einige hundert Meter entfernt. Von der dünnen Luft an der Nase herumgeführt, bildete ich mir ein, den Gletscher stöhnen zu hören. Ich trat aus dem Zelt, in die Kälte von viertausend Metern Höhe.
LeuchtendeEisstücke trieben vorbei, Sturzbäche trommelten gegen Felsbrocken, mitten imStrudel tanzte Shiva - wie ein Schamane in Trance, ein Medizinmann bei der Beschwörung der Fruchtbarkeit - den Tanz von Entstehen und Vergehen. Seiner Trommel entsprangen tausende Töne: die schmatzenden Lippen des Pujaris, dasGlockenspiel des Ganga-Tempels in Gangotri, das Flattern orangener Wimpel, die hupenden Busse bei Uttarkashi, das Rattern der Bagger
in Tehri, die schrillen Lautsprecher amTriveni Ghat, die Schläge des Me
isters auf der Tabla. Da Da Da. Shivas Herz pochte. In jedem Strudel krönte er sich mit Schaum und warf der Welt einen weiteren Klang zu, bis das monotone Rauschen in unzählige Töne und Geräusche zerfallen war.
Rampratap war amVorabend aufgetaucht, noch bevor wir unser Zelt aufgeschlagen hatten. Er offerierte ein breitgefächertes Angebot. Während derRegenzeit litten selbst Pujaris, die alltäglichen Dienstleister unter den Priestern Indiens, unter Absatzschwierigkeiten.Aus der grauen Decke, in die er sich vermummt hatte, lugte ein aufdringlich abwartendes Gesicht hervor, das älter schien als dreiunddreißig Jahre. Die Hälfte seines Lebens hatte er amGletscher verbracht, hatte die komplexen Rituale ausgeführt, die langwierigen Gebete gesprochen, die die Pilger in Ermangelung von Zeit und Sanskritkenntnissen nicht selbst absolvieren können. Den Winter verbrachte Rampratap bei seiner Frau und seinen drei Kindern in Uttarkashi. Allerdings verschwieg er uns - wie wir am nächsten Morgen von dem Teestubenbetreiber Rahul erfuhren -, daß er nur der Assistent eines Eremiten war, eines »well-connected Baba«, der vor einiger Zeit dem Ruf einer Anhängerin nach Paris gefolgt und nicht zurückgekehrt war. Er hatte einen Garten aus bemalten Steinen und Dreizacken hinterlassen, in dem es für Rampratap kaum etwas zu hegen gab.
Wir waren an diesem Abend die einzigen Pilger in Gaumukh. Rampratap ließ es sich nicht nehmen, Pac zum Gletscher zu begleiten. Er fragte sie aus, bis er erfuhr, daß wir keine Kinder hatten. Entsetzt wußte er gleich mit einer rettenden Lösung aufzuwarten: In Gaumukh gezeugte Kinder würden heilige Kinder werden. Er bot ihr an, wir könnten in seiner Hütte übernachten. Er berührte sie am Arm, an der Schulter. Nach dem Spaziergang lud er sie zu einer Tasse Tee ein und redete ihr ins mütterliche Gewissen.

Am Morgen nach der durchwachten Nacht fühlte sich meinKopf an wie ein Flugdrachen, den keine Schnur mehr hielt. Die Fassade des Gletschers glänzte türkis, ein verblaßter Amethyst. Der Pfad führte an Ramprataps Hütte vorbei. Er trat heraus, als wir vorbeischlichen, und wünschte uns einen guten Morgen. Seine Hütte, so deutete seine Armbewegung an, sei zwar verraucht, aber geräumig. Warum mußtet ihr so unbequem im Zelt übernachten?
Wir hatten zu sehen gehofft, wie Ganga aus dem Eis bricht. Doch der untere Teil der abblätternden Gletscherfront war hinter einer Biegung versteckt, je näher wir kamen, desto weniger konnten wir erkennen. Beim Versuch, auf eine der steilen Anhöhen zu steigen, rutschten wir im Schotter ab. Als es uns gelang, eine Erhebung zu erklimmen, baute sich eine weitere vor uns auf. Wir stiegen, von dem ohrenbetäubenden Krachen und Ächzen verunsichert, auf den Gletscher. Manu, unser junger Führer, der die Nacht in Rahuls Hütte verbracht hatte, wurde zunehmend nervöser, als erinnere er sich an die Warnungen seiner Mutter. Das Eis war bedeckt von Geröll und buckelte unter der Last der ständigen Veränderung. In den letzten zwanzig Jahren hat es sich um einen ganzen Kilometer zurückgezogen. Kein anderer Gletscher auf der Welt schrumpft so schnell; die 15000 Gletscher im Himalaja tauen auf, als habe der Mensch das Tiefkühlfach offengelassen. Wissenschaftler von der Jawaharlal-Nehru-Universität in Delhi warnen, daß die meisten bis zum Jahre 2035 verschwinden könnten, ihr Untergang begleitet von Überflutung und Dürre. Rampratap hätte diese Erkenntnis wohl wenig erstaunt - in

EAN: 9783446202290
ISBN: 3446202293
Untertitel: Eine Reise entlang des Ganges.
Verlag: Hanser, Carl GmbH + Co.
Erscheinungsdatum: August 2003
Seitenanzahl: 200 Seiten
Format: gebunden
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