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Der menschliche Faktor


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September 2003

Beschreibung

Beschreibung

Im Südafrika der Apartheid verliebt sich der Brite Maurice Castle in Sarah, eine schwarze Agentin. Obwohl sie von einem anderen Mann schwanger ist, heiratet er sie, nachdem ihr ein kommunistischer Freund zur Flucht nach England verholfen hat. Aus Dankbarkeit liefert Castle fortan Informationen an den sowjetischen Geheimdienst. Doch nun muss er damit rechnen, als undichte Stelle des MI6 enttarnt zu werden. Graham Greenes später Spionageroman wurde von Otto Preminger verfilmt.

Portrait

Graham Greene wurde 1904 in Berkhampstead, Hertfordshire, geboren. Nach seinem Studium der Geschichte in Oxford arbeitete er zunächst bei der "Times" in London, danach als Filmkritiker beim "Spectator". Die großen Reisen, die er unternahm - u. a. nach Westafrika und Asien - wurden auch zum Fundus für seine schriftstellerische Tätigkeit. Er wurde mehrmals als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt und zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Greene starb 1991 in Genf.

Leseprobe

Castle aß, seit er vor über dreißig Jahren als blutiger Anfänger in die »Firma« eingetreten war, immer in einem Pub hinter der St. James's Street, in der Nähe seines Büros, zu Mittag. Hätte man ihn gefragt, warum er dort aß, hätte er die hervorragenden Würstchen gelobt; vielleicht wäre ihm ein anderes Bier lieber gewesen als Watney's, doch die Qualität der Würstchen machte das wieder wett. Castle war immer bereit, seine Handlungen zu rechtfertigen, selbst die harmlosesten, und er war stets auf die Minute pünktlich.
Daher war er Schlag eins bereit zu gehen. Sein Assistent, Arthur Davis, mit dem er das Büro teilte, ging Punkt zwölf zum Lunch und kam, oft aber nur rein theoretisch, nach einer Stunde zurück. Es wurde allgemein vorausgesetzt, daß entweder Davis oder er anwesend sein mußten, für den Fall, daß ein dringendes Telegramm eintraf, damit sie den entschlüsselten Text entgegennehmen konnten; doch sie wußten beide sehr gut, daß in der Unterabteilung ihres Departments nie etwas wirklich dringend war. Der Zeitunterschied zwischen England und den verschiedenen Teilen Ost- und Südafrikas, mit denen sie befaßt waren, war gewöhnlich groß genug - selbst im Fall von Johannesburg betrug er etwas mehr als eine Stunde -, so daß sich außerhalb des Departments niemand wegen einer verspäteten Nachrichtenübermittlung den Kopf zu zerbrechen brauchte: Die Geschicke der Welt, erklärte Davis immer wieder, würden nie auf ihrem Kontinent entschieden, gleichgültig wie viele Botschaften China oder Rußland von Addis Abeba bis Conakry einrichten oder wie viele Kubaner landen mochten. Castle schrieb ein Memo für Davis: »Falls Zaire auf Nr. 172 antwortet, gehen Kopien ans Schatzamt und ans Außenministerium.« Er schaute auf seine Uhr. Davis hätte schon vor zeh
n Minuten zurück sein müssen.
Castle nahm seine Aktentasche und legte einen Zettel hinein, der ihn daran erinnern sollte, was er besorgen mußte: für seine Frau im Käseladen in der Jermyn Street, ein Geschenk für seinen Sohn (zwei Packungen Maltesers), weil er ihn am Morgen angefaucht hatte, und außerdem den Roman »Clarissa Harlowe«, in dem er bisher nie weitergekommen war als bis zu Kapitel LXXIX im ersten Band. Sofort, als er die Lifttür und Davis' Schritte im Flur hörte, verließ er das Zimmer. Seine Lunchzeit mit Würstchen war um elf Minuten verkürzt worden. Anders als Davis kam er immer pünktlich zurück. Das war eine der Tugenden des Alters.
Arthur Davis fiel in dem biederen Büro durch sein exzentrisches Aussehen auf. Als er sich jetzt vom anderen Ende des langen weißen Korridors her näherte, schien er direkt von einem mit Pferden verbrachten Wochenende auf dem Land oder von den Tribünen einer Pferderennbahn zu kommen. In seiner einfarbig grünlichen Tweedjacke mit scharlachrot gepunktetem Einstecktuch hätte er besser in ein Wettbüro gepaßt. Er glich einem Schauspieler, der falsch besetzt worden war: Wenn er versuchte, seinem Kostüm gerecht zu werden, schmiß er gewöhnlich die Rolle. Sah er in London aus, als komme er vom Land, wirkte er auf dem Land - etwa wenn er Castle besuchte - wie der typische Tourist aus der Stadt.
»Auf die Sekunde pünktlich wie immer«, sagte Davis mit dem üblichen schuldbewußten Grinsen.
»Meine Uhr geht ein bißchen vor«, sagte Castle und entschuldigte sich für die Kritik, die er nicht ausgesprochen hatte. »Eine Angstneurose vermutlich.«
»Schmuggeln wir wieder mal Top-Secret-Dokumente hinaus, wie gewöhnlich?« fragte Davis scherzhaft und tat, als wolle er sich Castles Aktentasche bemächtigen. Sein Atem r
och süßlich; er liebte den Portwein.
»Oh, die habe ich alle liegenlassen, damit Sie sie verscherbeln können. Ihre zwielichtigen Kontakte zahlen besser.«
»Wie nett von Ihnen, da bin ich mir sicher.«
»Na ja, Sie sind Single und brauchen mehr Geld als ein verheirateter Mann. Ich halbiere die Lebenshaltungskosten...«
»Ah, aber diese schrecklichen Überbleibsel«, sagte Davis. »Das zu Hackfleischauflauf mit Kartoffeln verarbeitete Bratenstück, die fragwürdigen Fleischklößchen. Ist es das wert? Ein verheirateter Mann kann sich nicht einmal einen anständigen Port leisten.« Er ging in ihr gemeinsames Büro und rief Cynthia an. Davis war seit zwei Jahren hinter Cynthia her, doch die Tochter eines Generalmajors war auf edleres Wild aus. Trotzdem verlor Davis die Hoffnung nicht;
es sei immer sicherer, erklärte er, eine Affäre innerhalb der Abteilung zu haben - man könne sie nicht als Sicherheitsrisiko betrachten, doch Castle wußte, wie aufrichtig Davis Cynthia liebte. Er hatte den leidenschaftlichen Wunsch, monogam zu leben und den Galgenhumor eines einsamen Mannes. Castle hatte ihn einmal in der Wohnung besucht, die er mit zwei Männern aus dem Umweltministerium teilte; sie lag über einem Antiquitätengeschäft in der Nähe des Claridge Hotels - sehr zentral und elegant.
»Kommen Sie doch rein«, hatte Davis ihn aus dem mit Möbeln vollgestopften Wohnzimmer heraus aufgefordert, in dem sich auf dem Sofa Zeitschriften für jeden Geschmack stapelten - der New Statesman, Penthouse und Nature - und die benutzten Gläser einer Party im letzten Winkel auf die Putzfrau warteten.
»Sie wissen sehr gut, was man uns bezahlt«, sagte Castle, »und ich bin verheiratet.«
»Ein schwerer Fehler.«
»Finde ich nicht«, sagte Castle. »Ich mag meine F
rau.«
»Und dann gibt's ja auch noch den kleinen Bastard«, fuhr Davis fort. »Ich könnte mir Kinder und Portwein nicht leisten.«
»Zufällig mag ich den kleinen Bastard auch.«
Castle wollte eben die vier Steinstufen hinuntergehen, die zum Picadilly führten, als der Pförtner ihm nachrief: »Brigadier Tomlison möchte Sie sprechen, Sir.«
»Brigadier Tomlinson?«
»Ja. In Zimmer A3.«
Castle war Brigadier Tomlinson nur einmal begegnet, und das war viele Jahre her, mehr als er zählen mochte - am Tag seiner Ernennung, dem Tag, an dem er seinen Namen im Official Secrets Act verewigte; damals war der Brigadier noch ein sehr junger Offizier - falls er überhaupt jemals Offizier gewesen war. Alles, woran Castle sich erinnern konnte, war ein kleines schwarzes Bärtchen, das wie ein unbekanntes Flugobjekt über einer möglicherweise aus Sicherheitsgründen makellos weißen und leeren Unterlage aus Löschpapier schwebte. Nachdem er unterschrieben hatte, war der Abdruck seines Namenszugs der einzige Fleck auf dem Weiß, und sicherlich wurde dieses Blatt sofort zerrissen und in die Verbrennungsanlage befördert. Die Dreyfus-Affäre hatte schon vor fast einem Jahrhundert die Gefahren des Papierkorbs veranschaulicht.
»Den Gang entlang, auf der linken Seite«, erinnerte ihn der Pförtner, als er in die falsche Richtung wollte.
»Nur herein mit Ihnen, Castle!« rief Brigadier Tomlinson. Sein Schnurrbart war jetzt so weiß wie das Löschpapier, und er hatte sich im Lauf der Jahre unter der zweireihigen Weste einen kleinen Spitzbauch zugelegt - nur sein dubioser Rang war unverändert geblieben. Niemand wußte, welchem Regiment er früher angehört hatte, falls es ein solches Regiment &u

Pressestimmen

"Desolat wie kaum je eine Greene-Figur geht der gute Verräter Castle seinen Weg in Schuld und Verdammnis, bevor er erkennt, wie sinnlos sein Privatkrieg und wie lachhaft seine Rolle als Doppelagent war." Der Spiegel "Ich kenne nach Thomas Mann keinen Schriftsteller, der sein Handwerk so souverän beherrschte wie Graham Greene." Rudolf Walter Leonhardt, Die Zeit ""Der menschliche Faktor" fängt den Leser sofort und führt eine fesselnde Kurve der Personenentfaltung vor." Joachim Kaiser, Süddeutsche Zeitung
EAN: 9783552052765
ISBN: 3552052763
Untertitel: Roman. Originaltitel: The Human Factor.
Verlag: Zsolnay-Verlag
Erscheinungsdatum: September 2003
Seitenanzahl: 376 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Edith Walter
Format: gebunden
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