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Zwölf Spaziergänge durch Venedig


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gebunden
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Oktober 2003

Beschreibung

Beschreibung

Der erste Spaziergang
Castello


¿San Marco¿ tönt es laut, einem Befehl gleich. Die Touristenmasse verlässt das Boot.
Rufen, Drängen, und mittendrin die junge Mutter mit dem Kinderwagen, die dunklen Haare hochgesteckt, im langen braunen Kleid, braunen Sanda-len. Lässig schiebt sie den Buggy über den Steg. Drei blonde Mädchen klap-pen ihren Reiseführer zu, kichern, drängeln.
Sonnenhüte, Fotoapparate, krumme Männerbeine in Shorts, darüber weit ausgeschnittene T-Shirts, Taschen, Körbe, Zeitungen.
Ich bleibe inmitten plötzlicher Leere. Es gibt nur noch wenige Kameras, Reiseführer und Schirmmützen.
Das motoscato zieht an der Touristen-parade vorbei, die sich die Ponte della Paqlia hinaufwälzt und nach kurzem Seufzer wieder hinab.
Die Straße wird breiter. Treppen um-spannen beschützend schmale Kanäle. Nur hin und wieder schwirren T-Shirts und Schirmmützen durch die Gassen. Das Boot zieht leise weiter, steuert die trutzigen Quadersteine an: Einer wehr-haften Schlossanlage gleich wacht hier das Arsenal, über das sich ein harter blauer Himmel dehnt.

Das motoscafo legt wieder ab. Zieht hinauf zu den Bäumen und Büschen. Ein breites Stück Grün wächst hier aus dem Wasser. Die Büsten Verdis, Ri-chard Wagners oder des Dichters Gio-sue Carducci blicken auf die Passanten, fragen in die Ferne. Das Boot legt nun eine lange Strecke zurück. Das Wasser glitzert und funkelt. Drüben blickt die Salute aus ihrem Silberschleier. Der dunkle Streifen der Friedhofsinsel nickt herüber.
¿Giardini Pubblici¿. Ich steige aus.
In der Bar ¿Paradiso¿ bestelle ich einen Espresso und ein Mineralwasser. Rote, gelbe und weiße Tupfer hüpfen durch das Grün der Giardinibaume: Die ers-ten Besucher der Bienale rücken an.
Boote ziehen weiterhin ruhig über den Canal Grande: das große Touristen-boot, Taxiboote, Privatboote.
Ich blicke zu San Giorgio, auf seinen blassen grünen Helm. Eingeschlossen auf einer kleinen Insel hält er streng und unnahbar Distanz zur Kirche San-ta Maria della Salute, die in ihren wei-ßen Bögen und Schnecken lächelt.
Ich bin an diesem Donnerstagmorgen der einzige Gast hier im Paradies der Kirchen, des Wassers und der Paläste. nur das Tuckern der Motorboote ist zu hören. Und die Stille der Bäume.
....

Portrait

Ulrike Rauh, geb. in Nürnberg, Schriftstellerin und Malerin studierte in Erlangen, Freiburg i.Br. und Hamburg Germanistik, Anglistik und Theaterwissenschaften. Sie schreibt Kurzerzählungen und Reiseliteratur. Die Eindrücke zahlreicher Reisen schlagen sich in ihren Büchern und in ihren Bildern nieder.


EAN: 9783932497964
ISBN: 3932497961
Untertitel: 'Reiseimpressionen'. 3. , Aufl.
Verlag: Wiesenburg Verlag
Erscheinungsdatum: Oktober 2003
Seitenanzahl: 115 Seiten
Format: gebunden

Durchschnittliche Kundenbewertung

Kundenbewertungen

http://lotharpawliczak.blog.de/ - 13.04.2010, 08:03
Das ist Poesie, Venedigs würdig
Hier erzählt eine Malerin über die geliebte Stadt, vor allem natürlich über Gemälde. Hier malt eine Dichterin Bilder in Worten. Dass sie das feinsinnig Beobachtete und Beschriebene wirklich auch malen kann, beweisen die Abbildungen von dreien ihrer Pastelle und einem Aquarell. Da wünscht man sich mehr davon! Nirgends bricht bei ihr der bei anderen Autoren, die einige Zeit in Venedig gelebt haben oder leben, verschiedentlich kaum unterdrückte Stolz (oft ist es nur Hybris) durch, zu den vermeintlichen Venedig-Insidern zu gehören. Die Autorin hat kein Problem damit, gelegentlich zuzugeben, dass sie etwas nicht weis, dass sie manchmal in einem Reiseführer nachgeschlagen hat, dass sie dies gelegentlich für überflüssig hält und ohne Interesse über das eine oder andere hinweggeht, dass ihr mitunter ein Gemälde einfach nicht gefällt. Man mag ihr da vielleicht bisweilen nicht zustimmen, aber gerade diese ehrliche, offene Subjektivität zeichnet das Buch gegenüber vielen anderen aus. Autoren, die sich allwissend geben und dem Leser zumuten, ihm einfach zu glauben, gibt es genug! Nur ein kleiner, kritischer Hinweis, zur Korrektur in der nächsten, 4. Auflage: Der 1. Textabschnitt im 12. Spaziergang (S. 95f) ist offensichtlich vertauscht worden und gehört zwischen den 3. und 4. Abschnitt in der 3. Auflage (also zwischen S. 97 und 98).