EBOOK

Der Dichter und die Meerschweinchen


€ 19,90
 
gebunden
Sofort lieferbar
Februar 2004

Beschreibung

Beschreibung

Geflüchtet vor den Nazis, lebt der Dichter Clemens Teck während des Zweiten Weltkriegs mit seiner Familie in einem Boarding House in London und trifft dort auf Flüchtlinge aus Europa, »ein menschliches Wachsfigurenkabinett«. Um der »Stauung«, dem »schmerzhaften Leersein« zu entgehen, plant er eine »vivisektorische Novelle«, die nicht Abgelebtes erzählt, sondern in das Leben gleichgültiger Personen provozierend eingreift und sie aus ihrer Bedeutungslosigkeit aufscheucht: Der Schriftsteller als Experimentator, die Menschen als Objekte seiner handelnden Neugier.
Diese Geschichte, in deren Form sich die Vorliebe für die deutsche Romantik äußert: episodenhaft, vielfach gebrochen, Prosa und Lyrik munter mischend, ist auch ein Spiegelbild von Kerrs Leben im »Dauernd-Vorläufigen« des Exils. Sie zeigt den seiner Sprache, seiner Heiterkeit, seiner Erinnerungen noch immer mächtigen Kerr im Kampf gegen das Verstummen, seine Sehnsucht nach dem vormals unberechnet quellenden Leben und die »Abscheu vor dem einzig noch zu Erwartenden«.

Portrait

Alfred Kerr (ursprünglich Kempner), Deutschlands meistbewunderter und meistgehaßter Theaterkritiker seiner Zeit, wurde 1867 in Breslau geboren und studierte Literaturwissenschaft in Berlin.
Er war Mitarbeiter zahlreicher Zeitungen und Zeitschriften, unter anderen an der Breslauer Zeitung, am Tag, dem von ihm geleiteten zweiten Pan und am Berliner Tageblatt.
In Buchform veröffentlichte er, neben einer fünfbändigen Sammlung seiner kritischen Arbeiten, vor allem Reiseprosa und Gedichte. 1933 Flucht aus Deutschland. Mühselige Existenz, erst in Paris, später in London.
1948 erlitt er, als Besucher in Hamburg, einen Schlaganfall und nahm sich das Leben.

Leseprobe

Bitte des Verfassers



Dieses Buch enthält nicht meine Geschichte. Sondern die Geschichte des Dichters Clemens Teck. Der Unterschied ist wesentlich.

Manche meiner eignen Erlebnisse sind allerdings hineinverwebt. Die Erlebnisse des Schriftstellers Clemens Teck und meine greifen also manchmal ineinander. Doch, wirklich, das Erleben dieses Clemens Teck ist nicht meins - und meins war durchaus nicht das dieses Clemens Teck.

Zwei Schicksale verhalten sich hier wie zwei wandernde Flächen. Sie berühren einander manchmal ... doch sie entfernen sich stets wieder.

Ich warne darum den gütigen Leser, mir nicht etwas auf die Rechnung zu bürden, das den Dichter Clemens Teck angeht.

(So gewiß es wahrheitswidrig wäre, nicht Einiges von seinen Taten pflichtgemäß auf mich zu nehmen. Oder: nicht etwas von meinem Erlebten ihm zu lassen.)

Es war halt Krieg - und die Beschaffenheit der Seelen sonderbar.

Solche Fälle sind mit den Fingerspitzen anzufassen. - Umso weniger Grund, sie durcheinanderzubringen.

Leser, Sie finden schon, ich weiß es, den rechten Weg.

Haben Sie herzlichen Dank.



-- -- --



Bitte des Dichters Clemens Teck



Bin ich krank? Ich glaube nicht. Höchstens bin ich vom Krieg etwas zermürbt.

Zermürbt ...

Nicht, daß ich ihn mitgemacht hätte - sondern eben weil ich ihn nicht mitgemacht habe.

Wahrscheinlich ist es das.

Mein Zustand ist nicht der eines Kranken; er ist nur unregelmäßig.

Ich komme gegen meinen Willen dazu, mich zu beobachten ... und merke dann Einiges, das ich früher nicht gemerkt habe. (Vielleicht, weil ich früher keinen Grund fühlte, mich zu beobachten.)

Unregelmäßig ...

Doch bei alledem bin ich in einer entschiedenen Tätigkeitsstimmung ... die mich fast überstark erfüllt. Etwas treibt mich zu seltsam kühnen, neuartigen Unternehmungen. Es rattert in mir. Ich bin
zum Platzen voll von diesem Unbestimmten.

Alles in allem: ich werde meinen Zustand mir selber darlegen. (Wozu ist man Schriftsteller?)

Darlegen ist vielleicht: erkennen ... Doch ist Erkenntnis denn auch Heilung?

Aber tut mir Heilung not? Wovon sprech' ich denn?

Wovon?



-- -- --



Ich, der Schriftsteller Clemens Teck, suche mir in diesen Blättern klar zu werden über Einiges, das ich tat - oder tun wollte.

Ich müßte lieber sagen: über Einiges, das mit mir geschah.

Jedenfalls über etwas, das rätselhaft geblieben ist.

Ich suche mich nicht zu entschuldigen. Ich will vielmehr aufdecken, was vorliegt. Auch was gegen mich vorliegt.

Falls ein merkwürdiger Seelenzustand (im Krieg) nicht jene Vergebung in sich schließt, wofür der Priester das Wort absolvo te mit drolliger Sicherheit zu äußern pflegt.

Krieg hin, Krieg her. Ich beging Entweihungen gegen eine Tote; vielleicht Rohheiten gegen Lebende.

Sonst nichts.

Alles war schrecklich zugleich und spannend. Oft sogar ganz lustig.

Und es stand im Dienst einer mir immerhin teuren Sache: der dichterischen.

Ich kann trotzdem zu mir nicht sagen: Absolvo te.



-- -- --



Die Erzählung beginnt endlich



Ich bin der deutsche Schriftsteller Clemens Teck.

Lelia, meine Frau (eigentlich heißt sie Gertrud) trat ins Zimmer; sie sah strahlend-frisch und jung aus, - obschon wir bald große Kinder haben.

Ja, sie war jung geblieben, fast selber ein Kind; stupsnasig, von zierlicher Gestalt, handlich.

Doch der Glanz ihrer wachen Augen war nicht das Ergebnis einer freudigen Stimmung. Sie schien eher besorgt.

Wertvolle Frauen nehmen die Dinge wohl schwerer als wir.

Es ist nur ein halbes Leben in diesem Krieg, sprach sie, - dazu in einem Land, in dem man nicht geboren ist. Und wenn ich auch Englisch wie eine
Engländerin spreche, dazu so Vieles an dem Land liebe: es bleibt ein Maß von Stumpfheit - wenn man doch gewissermaßen am Rande lebt ...

Und in einem Boarding House, sprach ich, - in einem Gästehaus; wir sind eben deutsche Flüchtlinge.

Man möchte nur wieder, sprach sie (und sah sehnsüchtig in die Luft), - man möchte nur wieder sich lange vorher auf etwas freuen ... Ich verzichte schon auf die Erfüllung - bloß nicht auf die Vorfreude ... Was arbeitest du da?

Verschiedenes.

Du kannst mir sagen, was.

Verschiednes.

Immer diese Antwort - solang wir verheiratet sind. Immer dies Fernhalten. Jetzt werden die Kinder bald groß - und die Antwort heißt immer noch: `Verschiednes'. Ich darf ein Ding kaum sehn, wenn es längst fertig ist.

Du weißt, Lelia: Männer, die mit `Frauchen' beraten, was einer arbeitet, sind mir verhaßt ... In praktischen Dingen - gern. Doch arbeiten muß ein schreibender Mensch wirklich schon allein ...

Sie sprach:

Es wird dir keine Perle aus der Krone fallen, wenn du mitteilsamer wärst ... Im verflossenen Berlin sagte man: `Stoß' dir nuur keine Verzierungen ab.'

Sie lachte; dabei sprach sie den berliner Dialekt wie eine Fremde, denn sie war vom Rhein.

Ich, Clemens Teck, lachte gleichfalls. -

Warum? Um eine winzige Gekränktheit zu verhehlen ... darüber daß mir keine Perle aus der Krone fallen soll ... Zugleich, weil sie, Lelia, vielleicht nicht Unrecht hatte ... Es gibt Viele, die besprechen wirklich alles mit `Frauchen'.

Wenn auch nur, um sich klarer zu werden über schon Geplantes ... Ich schlug mich mit so einem Plan herum und war damit noch nicht fertig geworden ... Eine Aussprache mit ihr, das Erörtern dieses Plans, könnte vielleicht ... meinethalben...

Jawohl.

Man lebte sowieso jetzt unter Ausnahmeverhältnissen. Ich hatte hier in England kein Echo.

Ich sprach kaum mit irgend einem Deutschen. Und seit wir aus Fra
nkreich weg sind, nach zwei zauberhaften Jahren, bei oft unwahrscheinlichem Glücksgefühl - seitdem war ein luftleerer Raum in einer etwas befremdeten Seele ...

Pressestimmen

Alfred Kerr lebte von 1863 bis 1948 und war der größte und am meisten gefürchtete Kritiker seiner Zeit. Seine präzisen, stellenweise sarkastischen Besprechungen waren oft genug Hinrichtungen erster Klasse, und wen er lobte, fand sich schnell im siebten Theaterhimmel wieder.

Gezwungen, wegen seiner jüdischen Herkunft nach 1933 ins Exil nach England zu gehen, war er seines dankbaren Lese-Publikums (und seiner Einnahmen) beraubt und - litt extrem darunter. Seine deutsche Sprache hatten ihm die Nazi-Barbaren zwar nicht nehmen können. Aber wohin damit - im feindlichen Ausland? Also versuchte er sich während seines Aufenthaltes in einer trüben Londoner Emigranten-Unterkunft mit einem Medium, das er nicht beherrschte: der Novelle.
Sie ist jetzt aus dem Nachlass erschienen, heißt "Der Dichter und die Meerschweinchen" und berichtet von einem bizarren Experiment, dass der Schriftsteller Clemens Teck mit durchschnittlichen Zeitgenossen vorhat: Er will sie provozieren und die daraus resultierenden Persönlichkeitsveränderungen dichterisch gestalten. Obwohl glücklich verheiratet, macht er zunächst einer hübschen Hamburgerin den Hof, kann aber nicht bei ihr landen. Der nächste ist ein erfolgloser, aber ambitionierter, dabei jedoch völlig talentfreier Autor. Den will Teck absichtlich und bar jeder Begründung in den Himmel loben mit seiner Kritik, doch bevor er richtig zum Zuge kommt, ist der Dramatiker wegen seiner Schulden längst untergetaucht. Schließlich erinnert ihn eine andere Dame im Hause an seine frühere Geliebte, und er schwelgt verloren und schmerzhaft in dichterischen Erinnerungen. Endlich gibt er sein Projekt auf und gesteht seiner Frau, was er vorgehabt hat und warum er gescheitert ist damit.

Der Text ist eher eine literaturphilosophische Abhandlung denn eine Novelle herkömmlicher Bauart. Es kann ja nicht aufgehen: das Erzählen davon, wie Teck die Novelle schreiben möchte und doch nicht schreibt, ergibt keine eigene. Auch der naheliegende Umkehrschluss, nämlich dass der Dichter selber in die Grube tappt, die er anderen ausgehoben hat, verfängt nicht: Teck selber wird von seinem eigenen Experiment nicht verändert.

Es ist also eine mittelmäßige Geschichte, die Kerr da erzählt, und zurecht ist er nicht für diese Kunstform - und auch nicht für seine Gedichte - bekannt geworden. Dennoch handelt es sich um ein gelungenes Buch. Voller Trauer und Sehnsucht nach dem Verlorenen fasern die Seiten in lauter nur noch dem Autor restlos verständlichen Fetzensätzen aus, und nicht vergessen darf man, dass Kerr zu den wenigen gehört hat, die wirklich begriffen hatten, wie Schreiben funktioniert. Ich kenne kein Beispiel aus jüngerer Zeit, in dem jemand näher dran ist am eigentlichen Schreibprozess mit all seinen Irrungen und Wirrungen wie dieser Alfred Kerr, der hier "noch einmal" intim und verletzbar, total offen und voller Lebensvertrauen, aber auch nicht frei von Eitelkeit in den "Meerschweinchen" weiß, wovon er spricht. Sein Zynismus ist Verzweiflung und damit tragisch: 1948 wurde Alfred Kerr im Auftrag der Briten nach Hamburg geschickt, um sich einen Überblick über das deutsche Theatertreiben nach dem Krieg zu verschaffen. Er erlitt kurz nach seiner Ankunft einen Schlaganfall und starb wenig später. Begraben liegt er auf dem Ohlsdorfer Friedhof, und meistens ziert das Grabmal ein kleiner Stein, den kundige Passanten dort hingelegt haben.

© Andreas Reikowski

EAN: 9783100495143
ISBN: 3100495144
Untertitel: Clemens Tecks letztes Experiment. Eine Erzählung von Lebenssehnsucht und Lebensniederlagen im Elend des Exils.
Verlag: FISCHER, S.
Erscheinungsdatum: Februar 2004
Seitenanzahl: 284 Seiten
Format: gebunden
Es gibt zu diesem Artikel noch keine Bewertungen.Kundenbewertung schreiben