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Im Block


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März 2004

Beschreibung

Beschreibung

Wie kaum ein Schriftstellerleben ist die Biographie Walter Kempowskis von der Geschichte der beiden deutschen Staaten geprägt. Seine Erzählung »Im Block« ist die unbestechliche Momentaufnahme einer Zwangsgemeinschaft am Rande der Gesellschaft.

Im Jahr 1948 wird der 19jährige Walter Kempowski aus Rostock wegen angeblicher Spionage von einem sowjetischen Militärgericht zu 25 Jahren Haft verurteilt. Acht Jahre sitzt er im berüchtigten DDR-Zuchthaus Bautzen. Dann wird er begnadigt. 1969 erscheint sein beklemmender literarischer Bericht aus einer Welt außerhalb des bürgerlichen Alltags. »Im Block«, das ist ein Leben in drangvoller Enge, isoliert, passiv, inhaltsarm. Die Häftlinge bilden eine eigene Gesellschaft, die geprägt ist vom Eingeschlossensein, von qualvoll gedehnter Zeit und von seltenen Augenblicken, die nur entfernt an das Glück eines erfüllten Daseins erinnern. Entstanden sind eindringliche, scharf ausgeleuchtete Bilder einer Existenz, die den Betroffenen all das verweigert, was menschliche Selbstverwirklichung ausmacht: Arbeit, Liebe, Besitz. 1987 erschien dieser Bericht, der den Beginn der schriftstellerischen Existenz Walter Kempowskis markiert, erstmals im Knaus Verlag, ergänzt um während der Haft angefertigte Zeichnungen des Autors.

Portrait

Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 als Sohn eines Reeders in Rostock geboren. Er besuchte dort die Oberschule und wurde gegen Ende des Krieges noch eingezogen. 1948 wurde er aus politischen Gründen von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach acht Jahren im Zuchthaus Bautzen wurde Walter Kempowski entlassen. Er studierte in Göttingen Pädagogik und ging als Lehrer aufs Land. Seit Mitte der sechziger Jahre arbeitete Walter Kempowski planmäßig an der auf neun Bände angelegten "Deutschen Chronik", deren Erscheinen er 1971 mit dem Roman "Tadellöser & Wolff" eröffnete und 1984 mit "Herzlich Willkommen" beschloss. Kempowskis "Deutsche Chronik" ist ein in der deutschen Literatur beispielloses Unternehmen, dem der Autor das mit der "Chronik" korrespondierende zehnbändige "Echolot", für das er höchste internationale Anerkennung erntete, folgen ließ.

Walter Kempowski verstarb am 5. Oktober 2007 im Kreise seiner Familie. Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Seit 30 Jahren erscheint sein umfangreiches Werk im Knaus Verlag.

Leseprobe

Im Morgengrauen holten sie mich aus dem Bett. Zwei trugen Lederjacken. Da hast du was zu melden, wenn du wieder r'berkommst, dachte ich. Einer nahm aus dem W'heschrank Briefe und Tageb'cher. Ein anderer strich 'ber die Tapete.
Zwei Pullover zog ich mir 'ber, meinen Ring konnte ich unbemerkt in die Nachttischschublade abstreifen.


Sie legten mir keine Handschellen an. Beim Hinuntergehen fa'e einer mit zwei Fingern meinen Ellbogen.
Oben stand meine Mutter mit aufgel'stem Haar.
Auf der Stra' Doppelposten mit Gewehr.
Im Fenster des Hausmeisters bewegte sich die Gardine; im Schaufenster der Drogerie Fotos vom Strand.


Im Opel Olympia: Trug der Fahrer eine Pickelm'tze?
(In Riga erstach man die Stadtverordneten und warf sie in einen Brunnen.)
Ich hielt mich an der Troddel fest und suchte die Stra' nach Bekannten ab. Da dr'ben hatte immer der alte Weltzin in seinem Erker gesessen.


Ein Bretterzaun versperrte die verbotene Villenstra'. Glatzk'pfige Russenkinder davor. Rasch war der Schlagbaum aufgeseilt, ein Ausweis wurde nicht verlangt. Alle T'ren standen offen. Von Offizieren geleitet, schritt ich die Treppe hinauf.
Der Wachhabende sa'auf einem Gartenstuhl. Er hatte die 'mel hochgestreift.


Im Keller nahm mich ein freundlicher Mongole entgegen. Krawatte abbinden ' ich trug eine rote ', Schn'rsenkel herausziehen, Brieftasche hingeben. Brille ab.
Mit Stacheldraht umwobene Gitterst': Kette und Schu' Vor der Nachbarzelle stand eine Beinprothese.


Erstes Verh'r in einem Wohnzimmer.
An der Wand ein Stalin Bild. Drei Offiziere mit h'enden Orden um mich herum. Ich antwortete nach allen Seiten.
Einer strich mir 'bers Haar: Guter Junge.
Er stellte ein Bein auf den Stuhl, fummelte an meinem Identification Pass und z'te es an den Fingern her: Aus dem Westen gekommen, Labor Company der U.S. Army, Ami Hose ' also Spion.
Im Stra'nlautsprecher Chopin.


Ich war dr
ei Schritte hinter mir. Gro' Entfernung trotz Naheinstellung. Zahlenziffern am Fadenkreuz. Kein H'e doch, kein Gedanke an Morgen, keinerlei Reim.
Reines Heute.


Im Keller schlossen sie mich in eine provisorische Zelle. War das ein Weinkeller gewesen? Ein Kanten Brot lag auf dem K'bel.
Ich legte mich auf die Pritsche und zitterte am ganzen Leib. Nach einer halben Stunde waren sechs Stunden vergangen. Sie schlossen mich wieder heraus.


Ich mu'e wieder in das Auto steigen. Rasche Fahrt durch Regen. Der Begleiter gab mir eine Zigarette nach der andern.
An einer Bahnschranke gab es Aufenthalt. Gute Fluchtgelegenheit: Sie lie'n mich aussteigen zum F'' vertreten. Keine Hunde, keine Fessel, Wald.
Der Zug fuhr langsam vor'ber.
Sp'bends waren wir in Schwerin.
Dunkle Toreinfahrt in wei'eworfener Wand. Auf der Zinne zerbrochenes Glas.
(Hier kriegst du Pr'gel.)
Der Begleiter bekam f'r mich eine Quittung und ging fort, ohne mich noch einmal anzusehen.


Weh mir, wenn es Winter wird!


Ein Mensch, vor dem ich sehr erschrak, 'ffnete mir Jacke und Hose.
Er suchte nach Waffen.
Dann trieb er mich durch G'e ' 'schn'll! schn'll!' ' und schob mich in eine Zelle. Es war die Nummer 54.
W'rde man hier sp'r einmal eine Bronzetafel zur Erinnerung an meine Leidenszeit anbringen?
'Nix sprechen, nix liegen, nix schlafen, nix singen, nix klopfen, nix Fenstergucken', sagte der Posten. Alle 'brigen Verbote hatte ich zu ahnen.
Ich h'te meinen Mantel an einen Haken in der T'r. Da klatschte es drau'n. Ich hatte eine Signalvorrichtung ausgel'st, durch die der Posten herbeigerufen wurde.
Er kam schimpfend angerannt und donnerte gegen die T'r.


Die Zelle war leer. Eine eingebaute Pritsche mit Strohsack als einziger Einrichtungsgegenstand.
Ich stellte mich an die Heizung und w'te mir die F''.
Irgendwo klopfte es. Im Terrazzofu'oden tausend Bilder: Hund, Fisch, Palme. Eine alte Fra
u mit Holz.
Jemand hatte ins Trinkwasser gerotzt.


Ich legte mich auf die Pritsche.
Kaum lag ich, kam der Posten. 'Nix liegen!' Erst wenn die Glocke klingelte, war das Schlafen erlaubt.
Also wieder hoch und warten. Bis gegen Mitternacht wanderte ich auf und ab, dann endlich klingelte es.


Am anderen Morgen studierte ich an den gekalkten W'en die Kritzeleien meiner Vorg'er:


Und wieder ging ein junges Leben
unaufgebl'ht ins Grab,
das allzu hast'ge Streben
ri'ihm den Faden ab.


Ein Mensch namens Lunow hatte sich wohl zwanzigmal verewigt. Ich schrieb meinen Namen 'berall dahinter.


An allen W'en Kalender. Einer mit siebzig Strichen.
Ich legte mir gleich drei an. 8. M' 1948. 'erm Bett einen, wenn ich aufwachte, an der T'r und unter dem Fenster. Die Striche machte ich f'r eine Woche im voraus. So lange w'rde ich ja doch noch sitzen.
Mit dem Austreten war's schwierig; als K'bel diente eine Vase mit engem Hals.


Ob sie uns lieben oder hassen '
einmal m'ssen sie uns doch entlassen.


Gegen neun Uhr reichte mir der Posten einen Kanten Brot. Dazu ges''en Gerstenkaffee und eine Vitamintablette.
Endlich konnte ich auch das Trinkwasser wechseln. Die Aule schwamm davon.


Zu Mittag bekam ich R'benwasser mit drei angebratenen Speckw'rfelchen. Und wieder gab mir der Koch eine Vitamintablette.
Ein Zellennachbar morste: 'D'nn wie Pisse!'


Das Brot teilte ich mit dem L'ffelstiel in drei'g fingerlange St'cke. Die Krusten legte ich extra, desgleichen das 'Marzipan': die millimeterstarke Schliffschicht.
Vielleicht sollte man hier beten? Ich tat' s, dann wandte ich mich vom Spion ab und lutschte St'ck f'r St'ck.
Hin und wieder durchfuhr es mich: Hast du auch bestimmt gebetet? Vielleicht sollte ich es sicherheitshalber noch einmal tun?


In der Nacht, kurz vor dem Klingeln, holten sie mich zur Vernehmung. Durch K
'gventile und Gitterschleusen trottete ich hinter dem Posten her. Auf jeder Treppe Schl'sselsignale am Gel'er: Hier durften Gefangene sich nicht begegnen.
'er eine Seufzerbr'cke ging es ins Justizgeb'e. Unter dem Fenster ein Kokshaufen, der w'rde mich abfangen, wenn ich aus dem Fenster spr'e. Oder die Treppe hinunterrasen ' am Posten vorbei.
Halb zw'lf, Uhrzeit merken.




Der Untersuchungsrichter, ein Major, schritt 'ber die Ankerteppiche, H'e auf dem R'cken. Wie sollte er es anfangen?
Vera, die h'bsche Dolmetscherin, kaute N'l.
Gardinen und 'ergardinen, Deckenlampen wie Puddingsch'sseln: Mein Stuhl stand, wie kein Stuhl in der Welt, am 'ersten Rand des Zimmers.


Der Untersuchungsrichter sah mir ins Auge. Gleich mu'e er sich entscheiden, ob er mich schlagen w'rde. Ein paar Sekunden starrten wir uns an. Dann l'elte er und gab mir eine Zigarette. Die glorreiche Rote Armee vergreift sich an keinem deutschen J'ngling, einem jungen Menschen, der vermutlich nur in die Irre gegangen ist.
In der Ferne tutete ein Zug.
Drei Stunden sp'r waren wir im reinen. Indizien erleichterten die Verst'igung. Zwei Stunden Schlaf blieben mir.


Dann 'bernahm Kapit'Scherkow die Ausschm'ckung meines Falls. Nacht f'r Nacht wurde ich geholt.
Hunderte von Seiten schrieb er voll mit violetter Tinte, zwischendurch Fingermassage und hin und wieder eine Frage.
Unvermittelt sagte er auch so etwas: 'Apfelblumen alle kapuht!' (In der Nacht hatte es gefroren.)
Weil ich die Sowjetunion Ru'and nannte, mu'e ich in der Ecke stehen.


Scherkow hatte drei Orden. Er spuckte in die Schublade seines Tisches.
Ob ich Gummerstock kennte?
Er ri'einen Gummikn'ppel aus dem Schreibtisch und rief, mit dem w'rde ich es zu tun bekommen, wenn ich nicht die Wahrheit sagte!




Sein Dolmetscher hie'Nikolai, ein Arbeiterjunge mit gewelltem Haar. Er ordnete Lineal und Bleistifte und wischte Tabakkr'mel mit
gekr'mmter Hand vom Tisch. Ab und zu unterhielt er sich mit mir.
Warum ich Spionage gemacht h'e, wollte er wissen. Die Sowjetunion verf'ge 'ber 200 Millionen Menschen, demn'st w'rden es sogar 220 Millionen sein, und gegen die h'e ich mich aufgelehnt!
Wer zwischen die M'hlsteine gerate, werde zerquetscht.


Er hatte Angst vor irgendeiner Pr'fung. Ich half ihm bei den Schularbeiten. Was ein 'Landser' sei und 'Kimme und Korn'.
Er behauptete, es hei' 'trotz alles'. 'Trotz' regiere den zweiten Fall.
Ich konnte ihn nicht davon abbringen.


Es t' mir leid, sagte ich, da'ich gegen die Sowjetunion gearbeitet h'e. Ich w'rde den Schaden gern wiedergutmachen '
'Dazu sind Sie zu dumm', antwortete Nikolai.
'K'nnte ich einen Pfarrer sprechen?' fragte ich ein andermal. Da antwortete er: 'Wenn Sie beichten wollen, dann tun Sie das hier.'
Dem Pfarrer h'e ich Gr'' an meine Mutter zugeraunt: Hau ab nach Berlin!


Einmal versuchte ich, Scherkow zu einer Tatortbesichtigung zu verleiten, wegen meines Grenz'bertritts nach Westdeutschland im vorigen Jahr. Da lachte er sehr.


Hin und wieder gab mir Scherkow was zu Rauchen. Einmal bedankte ich mich zweisprachig: 'Spassibo, danke sch'n.' Das fand er witzig. Ob ich das auch auf englisch sagen k'nnte?


Ich tat es.
Da freute er sich: Was f'r einen Gefangenen haben wir! Er erkl'e es sogar dem Posten, der nicht wu'e, ob er dar'ber lachen durfte.
Ich wollte es noch besser machen und f'gte 'Merci, Monsieur' hinzu.
Da winkte er ab. Nun sei es genug.


Nach zehn Tagen machte ich ihn darauf aufmerksam, da'mein Interzonenpa'bald ablaufe.
Auch das erregte Heiterkeit. Dar'ber sollte ich mir man keine Sorgen machen.


Meistens lie'Scherkow erst gegen Morgen von mir ab. Auch er mu'e sein Soll erf'llen. Die Fragen verfolgten mich bis in die Tr'e.
'Nennen Sie spionische Agenten '' Das war die unangenehmste.
Einmal schrie ic
h im Schlaf und schreckte auf. Der Posten kam, deckte mich zu und sagte: 'Ruhig, Waltera ''
'Nennen Sie spionische Agenten ''
Um endlich Ruhe zu haben, dachte ich mir Agenten aus. Die Namen entlehnte ich aus Shakespeares Dramen.
Auf meiner Arbeitsstelle in Wiesbaden sei so eine merkw'rdige Type gewesen, sagte ich, sicher ein Spion. Ein gewisser Rosenkranz.
Und in Hamburg, in der Adolfstra' wohne ein Mensch namens G'ldenstern, der habe mich mal um Informationen gebeten.
Sofort kriegte ich Zigaretten. 'Karascho!' Alles wurde notiert.
Die Liste der Agenten erweiterte sich. Ich mu'e sie t'ich repetieren: Paul Jago, G'ldenstern und Richard Gloster.


Sa'ich tags'ber beim Verh'r, dann wurde mir das Essen auf die Heizung gestellt. Die Vitamintablette lag im L'ffel.


Nach einem Monat hatten sie alles beisammen, ich wurde nicht mehr geholt. Stunde um Stunde marschierte ich auf und ab, siebzehn Stunden lang f'nfzehn Kilometer pro Tag, z'te B'chertitel auf oder definierte den Unterschied zwischen Mut und Tollk'hnheit.


Was war mit Erasmus von Rotterdam? Was mit Hieronymus im Geh'?
Wo lag Antofagasta? Oder hie'es Autofagasta?
Dreimal siebenundf'nfzig plus einhundertundsechsundachtzig.
Meine sehr verehrten Damen und Herren!


Wei' Blasen seh ich springen;
Wohl! Die Massen sind im Flu'
La''s mit Aschensalz durchdringen,
Das bef'rdert schnell den Gu'


Durch eine T'rritze konnte ich einen Blick auf den Korridor werfen:
Huschende Schatten; ein alter Mann, den sie stie'n.
'er die T'rritze hatte einer geschrieben: Nicht hinauslehnen!


Wenn der Posten auf der gegen'berliegenden Gangseite die Spione hochschob, gab es ein feines, quietschendes Ger'ch. Kam es in meine N', dann ging ich sinnend auf und ab. Oder ich br'tete vor mich hin: Ein einsamer Mensch.
'An Mutter denken?' fragte der Posten durch die T'r.
Ich dachte meistens ans Essen: Mal ein
e Kartoffelsuppe kriegen oder Erbsensuppe. Wei' Bohnen.
Milchreis mit Zimt und Zucker?
Lange w'rde man das hier nicht aushalten. Wie gut, da'ich mich in Wiesbaden so ausgefuttert hatte.


Zeitweilig stellte ich mir die Zelle als Schiffskaj'te vor. Ringring! Beide Maschinen volle Kraft voraus!
Unterm Bett w'rde ich ein Schapp anbringen f'r Schiffszwieback und Dauerwurst. Und unters Fenster k' ein bequemer Sessel.
Alles mit Mahagoni t'ln und Pfeife rauchen.


Sonntags spielten die Posten in der Zellenhalle Fu'all. Sie bolzten gegen die T'ren; man fuhr zusammen, wenn es einen traf.
Manchmal begossen sie sich mit Wasser.
Einer stellte in der Nacht seinen Stuhl vor meine Zelle und kippelte gegen die T'r.
Auf dem Weg zum K'beln begegnete mir eine gefangene Frau. Schwarzer Rock, roter Pullover. In den H'en hielt sie eine Kaffeekanne.


Sag beim Abschied leise 'Servus' '


Ich tat, als s' ich sie nicht.
Ein Gutes hatte der Hunger, man wu'e immer, woran man denken mu'e.
Der K'bel mu'e in der K'belzelle in einen gro'n Trichter entleert werden. Einmal war er verstopft. Der Posten zeigte aufs Knie, ich sollte es 'ffnen.
Ich nahm die Platte ab und fuhr mit der Hand hinein. Glasscherben und Monatsbinden hatten sich vor den Abflu'gesetzt.
Pl'tzlich gab's Luft. Ein dicker Kotstrahl scho'aus der 'fnung hervor. Ich sprang zur Seite. Der Posten schimpfte. Ich h'e die Platte wieder vor die 'fnung schieben sollen.
Er lie'mich eine halbe Stunde im Dreck stehen, dann holte er mich heraus und schlug mich mit dem Schl'ssel.


Der Koch war zu kleinen Hilfsdiensten bereit. Er gab mir einen Handfeger und eine Waschsch'ssel.
Drei Wochen dauerte es, bis er begriff, da'er mein Fenster 'ffnen sollte. Dann kriegte ich es nicht wieder zu, tagelang sa'ich im Kalten.
Jede Woche schor er mir mit einer Haarschneidemaschine den Bart.
Im April endlich auch das verfilzte Haar.
(Letzt
er Haarschnitt noch in Wiesbaden, halb liegend, mit elektrischer Kopfmassage und Dampfkompressen.)
Im Kaffee betrachtete ich meine Glatze. Ein ungewohnter Anblick.


Hin und wieder benutzte ich zum Waschen und Essen nur die linke Hand. Die rechte hielt ich in der Tasche. Fit halten; was mitbringen, wenn's nach Hause geht.
Oder ich jonglierte mit dem Handfeger: 'Das hab ich im Knast gelernt.'


Die Pritsche war zu hoch, man konnte die Beine nicht richtig auf den Boden setzen.
W'rden sie die Uhr vom Uhrmacher holen? Der Schein lag auf dem Tisch.
Was w'rden sie sagen, wenn ich pl'tzlich vor der T'r st'nde?
Ich h'e auf den Balkon rennen sollen, auf den Blumenabsatz klettern, 'bers Teerdach laufen, in eine Bodenluke steigen, durch das Treppenhaus hinunter in den Keller. Hinter einer Kartoffelkiste warten, bis sie gegangen sind.


Das Fenster war mit einer Blende aus Brettern vernagelt. Ein schmaler Streifen Himmel war sichtbar und das gegen'berliegende Dach. (Ostern schneite es.) Den wandernden Schatten der Sonne auf den Ziegelreihen. Wenn er an die Luke reichte, gab's Abendsuppe.


(Die Fingern'l wachsen lassen wie ein Chinese. Auch die Haare. Die Zelle bis zum Bersten mit K'rper ausf'llen. Samson zwischen den S'en.)


Fl'stern, bis der Hals dick ist. Kein lautes Wort. Angst vor der eigenen Stimme.
Wachtr'e: Eine ungenannte, hochgestellte Pers'nlichkeit setzt Hafterleichterungen f'r mich durch. Paketempfang jeden Monat. Begnadigung zu zehn Jahren Freiheitsentzug, abzumachen in einem B'chermagazin.
Oder versto'n und verraten ' von Krankheit verzehrt auf einem Lumpenhaufen liegen, wimmernd um Wasser flehen '


(In Peru zog man den Gefangenen die Gesichtshaut ab und fesselte sie nackt an ein h'lzernes Gestell. Damit waren sie den Raubv'geln preisgegeben.)


Zahnschmerzen. Der Posten steckte mir eine Papirossa in den Mund und rief die 'ztin.
Die 'ztin zog mich
am Ohr, weil sie Staub auf dem Fu'oden bemerkte. Sie griff in die Tasche und holte eine Handvoll schmuddeliger Pillen raus.
Ich durfte mir eine aussuchen.


Im zweiten Stock zerschlug einer die Scheiben und schrie: 'Meine Frau! Meine Kinder!' Er wuchtete die Eisenpritsche in die H'he und lie'sie krachend fallen.
Ich k'rzte mir die Fingern'l mit einer Glasscherbe. Bei dem Durcheinander brauchte ich nicht zu bef'rchten, da'sie mich dabei 'berraschten.


Einmal versuchte ich, mich mit L'ffel und Taschentuch zu erdrosseln. Zuckend lag ich am Boden.
Ich h'e mir auch einen Finger abbinden k'nnen: Tod durch Leichengift.
Wenn man hier krank werden w'rde, k' man dann in ein Lazarett?


Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft!
Der Bauer stund auf im Lande,
Und tausendj'ige Bauernkraft
Macht Schild und Sch'e zuschande!


Am 10. April erster Spaziergang auf dem Hof. Kosmos!
In der sauberen Gash'lle gediehen M'becher und Narzissen.
Auf der Mauer eine Schu'anzel. Der Posten fragte: 'Du Nmetzky?'
'Njet, Amerikanski!' antwortete ich.


Kurz darauf bekam ich ein B'ndel von zu Hause, das hatte meine Mutter gepackt, ein richtiges Kopfkissen, W'he, Schuhe und sogar eine Zahnb'rste.
Im Pullover lag ein St'ck 'Ivory' Seife.
Die Sachen waren in das dicke italienische Plaid meines Gro'aters gewickelt. Wunderbare Wolle. (1936: Ferien an der See; Jesse Owens l't zehn zwo.)


Ich wusch mich mit der parf'mierten Seife, putzte mir zum erstenmal wieder die Z'e, zog frische W'he an und machte mein Bett. (Ob man die Uhr geholt hatte?)


Pressestimmen

"Das Ungewöhnliche dieses Buches liegt in seinem stilistischen wie moralischen Gestus. Ohne Sentimentalität oder Pathos wird hier eher kühl, in jedem Fall leidenschaftslos und daher umso eindringlicher registriert." Fritz J. Raddatz anlässlich der Verleihung des Lessing-Preises
EAN: 9783813502367
ISBN: 3813502368
Untertitel: Ein Haftbericht. Mit 32 Bildnotizen des Verfassers. 30 Abbildungen.
Verlag: Knaus Albrecht
Erscheinungsdatum: März 2004
Seitenanzahl: 320 Seiten
Format: gebunden
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