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Erinnerung des Herzens


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September 2004

Beschreibung

Beschreibung

Julie Summers ist begeistert, über das Leben der Filmgöttin Eve Benedict - zwei Oscars, vier Ehemänner und unzählige Geliebte - ein Buch schreiben zu können. Als jemand versucht, Eve zum Schweigen zu bringen, bekommt Julie Angst. Ist es der attraktive Stiefsohn des Stars, Paul Winthrop, der sich auch sehr für die junge Autorin interessiert?

Portrait

Durch einen Blizzard entdeckte Nora Roberts ihre Leidenschaft fürs Schreiben: Tagelang fesselte sie 1979 ein eisiger Schneesturm in ihrer Heimat Maryland ans Haus. Um sich zu beschäftigen, schrieb sie ihren ersten Roman. Zum Glück - denn inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland.

Unter dem Namen J.D. Robb veröffentlicht Nora Roberts seit Jahren ebenso erfolgreich Kriminalromane.

Leseprobe

Prolog
Irgendwie brachte sie es fertig, den Kopf oben zu behalten und die aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken. Es war kein Alptraum, der beim Erwachen verschwinden würde. Allerdings spielte sich alles im Zeitlupentempo ab, genau wie im Traum. Sie kämpfte sich ihren Weg frei, und es war, als ob sie durch einen dichten Vorhang aus Wasser sehen müßte, auf deren anderer Seite sie all die Gesichter der Leute um sich herum sah. Sie hatten hungrige Augen, sie schlossen und öffneten den Mund. Als wollten sie sie verschlingen. Ihre Stimmen schwollen an und verebbten wie Wellen, die gegen Felsen schlugen. Ihr Herz schlug hart und schien manchmal auszu setzen.
Vorwärts, vorwärts, befahl sie ihren zitternden Beinen, während eine feste Hand sie durch die Menge stieß, nach draußen, auf die Treppe des Gerichtsgebäudes. Das grelle Sonnenlicht trieb ihr Tränen in die Augen, und sie suchte nach ihrer Sonnenbrille. Man durfte nicht denken, daß sie weinte. Sie sollten keinerlei Schuldgefühle bei ihr feststellen. Das Schweigen war ihr einziger Schutz.
Sie stolperte und durchlebte einen Augenblick panischer Angst. Nur nicht hinfallen. Sollte sie hinfallen, würde die Meute neugieriger Reporter sich auf sie stürzen, wie wilde Hunde auf ein armes Kaninchen. Sie mußte aufrecht stehen, schweigen und überlegen. Das hatte Eve ihr beigebracht.
Zeig ihnen nie deine Gefühle, Mädchen.
Eve. Sie hätte schreien können; die Hände vors Gesichts schlagen und schreien. Schreien, all ihre Wut, ihre Angst und ihren Kummer einfach hinausschreien.
Fragen stürmten auf sie ein. Mikrophone wurden ihr vors Gesicht gestoßen wie tödliche kleine Pfeile. Begierig verfolgten die Reporter das Ende des Mordprozesses gegen Julia Summers.
Hexe!, rief einer. Seine Stimme klang schrill vor Haß. Kaltblütige Hexe!
Sie wäre gern stehengeblieben und hätte zurückgerufen: Woher wollen Sie wissen, wie ich bin? Woher wollen Sie wissen, was ich fühle oder nicht fühle?
Aber die Tür der L
imousine stand offen. Sie stieg in die Geborgenheit gekühlter Luft und dunkler Glasscheiben ein. Die Menge drängte dagegen. Zornige Gesichter blickten auf sie herab wie Geier auf einen noch blutenden Leichnam. Als der Wagen abfuhr, schaute sie starr nach vorn. Die Hände hatte sie im Schoß verschlungen, ihre Augen waren zum Glück trocken geblieben.
Sie sagte nichts, als ihr Begleiter ihr einen Drink reichte. Einen Brandy, zwei Finger hoch. Als sie den ersten Schluck genommen hatte, fragte er ruhig, fast beiläufig, mit der sanften, dunklen Stimme, die sie so geliebt hatte: Nun, Julia, hast du sie umgebracht?


Sie war eine Legende. Ein Produkt ihrer Zeit, ihres Talentes und ihres gewaltigen Ehrgeizes. Eve Benedict. Männer, die dreißig Jahre jünger waren, bewunderten sie. Frauen beneideten sie. Regisseure umwarben sie, denn sie wußten nur zu gut, daß ihr Name Gold wert war in diesen Zeiten, wo Filme anscheinend von Buchhaltern gemacht wurden. In den fast fünfzig Jahren ihrer Karriere hatte sie Höhen und Tiefen erlebt. Beides war notwendig gewesen, damit sie zu dem werden konnte, was sie werden wollte.
Sie tat, was sie wollte, im Privatleben und im Beruf. Wenn eine Rolle sie interessierte, jagte sie ihr ebenso atemlos und wildentschlossen nach wie ihrer allerersten Rolle.
Wenn sie einen Mann begehrte, schnappte sie ihn sich und trennte sich wieder von ihm, wenn sie genug hatte - aber niemals im Bösen, womit sie gern prahlte. Alle ihre ehemaligen Liebhaber, und derer gab es viele, waren ihre Freunde geblieben. Oder sie besaßen doch wenigstens soviel Vernunft, den Anschein dessen zu wahren. Mit ihren 67 Jahren besaß Eve immer noch einen prachtvollen Körper. Ihre eiserne Energie und die chirurgische Kunst hatten ihr dabei geholfen. Über fünfzig Jahre lang hatte sie hart an sich gearbeitet, bis sie praktisch unangreifbar geworden war. Aus ihren Triumphen hatte sie ebenso gelernt wie aus ihren Enttäuschungen. Heute wurde sie im Königreich Hollywoo
d ebenso gefürchtet wie respektiert.
Sie war eine Göttin gewesen. Jetzt war sie eine Königin mit wachem Verstand und einer spitzen Zunge. Wenige nur kannten ihr Herz, niemand ihre Geheimnisse.
Bockmist ist das. Eve schleuderte das Drehbuch auf den Fliesenboden des Solariums und gab ihm einen Tritt. Sie ging würdevoll auf und ab, was ihre darunter pulsierende sinnliche Vitalität kaum kaschieren konnte. Alles, was ich in den letzten zwei Monaten gelesen habe, war Bockmist.
Ihre Agentin, eine rundliche, sanft wirkende Frau mit einem eisernen Willen, zuckte mit den Schultern und schlürfte ihren Nachmittagscocktail.
Ich hab' dir ja gleich gesagt, daß es Schund ist, Eve, aber du wolltest es trotzdem lesen.
Schund, sagst du. Sie nahm eine Zigarette aus der Lackdose und fahndete in den Taschen ihrer Slacks nach Streichhölzern. Warum nicht? Ich habe schon viel Schund gespielt und etwas daraus gemacht. Das hier, wieder versetzte sie dem Drehbuch einen Fußtritt, was ihr offensichtlich Spaß machte, ist Bockmist.
Margaret Castle nippte an ihrem Grapefruitsaft mit einem Spritzer Wodka. Richtig. Diese Miniserien -
Eve warf den Kopf zurück. Ihr Blick war scharf wie ein Skalpell. Du weißt, wie ich dieses Wort verabscheue.
Maggie griff nach einem Stück Marzipan und stopfte es sich in den Mund. Wie immer du sie nennen willst, die Rolle der Marilou ist dir auf den Leib geschrieben. Seit Scarlett hat es keine so lebendige, faszinierende Schönheit der Südstaaten mehr gegeben.
Eve wußte das und war bereits entschlossen, das Angebot anzunehmen. Aber sie wollte nicht zu rasch zustimmen. Es ging ihr dabei weniger um ihren Stolz, als vielmehr um ihr Image. Drei Wochen lang Aufnahmen in Georgia, maulte sie. Zusammen mit ständig bumsenden Alligatoren und Moskitos.
Liebling, mit wem du ins Bett gehst, das ist deine Angelegenheit.
Der Scherz wurde mit einem prustenden Gelächter beloht. Sie haben übrigens Peter Jackson als Robert angeheuert. <
br/>Eve kniff die schönen grünen Augen zusammen. Seit wann weißt du das?
Seit heute morgen. Maggie lächelte und rutschte ein wenig tiefer in die pastellfarbenen Kissen auf dem weißen Korbsofa. Ich dachte, es interessiert dich vielleicht.
Eve blieb nicht stehen. Sie blies den Rauch aus und überlegte. Er sieht wirklich sehr gut aus, und ist noch dazu ein ausgezeichneter Schauspieler. Da könnte sich das Herumstapfen im Sumpf fast lohnen.
Jetzt, wo sie einen Anhaltspunkt hatte, zog Maggie den Fisch an Land. Sie denken daran, Justine Hunter als Marilou zu engagieren.
Diese Gans? Eve fing an, schneller an der Zigarette zu ziehen, schneller hin und her zu laufen. Sie hat weder genug Talent noch genug Verstand für die Marilou. Hast du sie in Midnight gesehen? Außer ihrem Busen hatte sie nichts zu bieten, gar nichts. Du lieber Himmel!
Auf diese Reaktion hatte Maggie nur gewartet. In Right of Way war sie sehr gut.
Aber nur, weil sie sich selber spielen konnte, eine dumme Schlampe. Mein Gott, Maggie, sie ist eine Katastrophe.
Die Fernsehzuschauer kennen ihren Namen und -, Maggie wählte ein neues Stückchen Marzipan aus, betrachtete es aufmerksam und lächelte. Weißt du, sie hat das richtige Alter für die Rolle. Marilou soll Mitte Vierzig sein.
Eve wirbelte herum. Hochaufgerichtet stand sie im hellen Sonnenlicht und hielt die Zigarette wie eine Waffe in ihren Fingern. Großartig, dachte Maggie, während sie auf die Explosion wartete.
Eve Benedikt war wirklich großartig mit ihrem feingeschnittenen, unvergeßlichen Gesicht, den vollen roten Lippen, dem seidigen, kurzgeschnittenen, ebenholzschwarzen Haar. Ihr Körper war der Traum eines jeden Mannes - schlank und fest, mit vollen Brüsten. Wie immer trug sie Seide in leuchtenden Farben - ihr Markenzeichen.
Dann lächelte sie, ihr berühmtes, schnell aufblitzendes Lächeln, das jedem den Atem verschlug. Sie warf den Kopf zurück und lachte herzlich. Sinnlos, Maggie. Verdammt noch mal, du kenns
t mich zu gut.
Maggie schlug ihre dicken Beine übereinander. Kein Wunder, nach fünfundzwanzig Jahren.
Eve ging zur Bar, um sich ein Glas Saft aus frischgepreßten Orangen einzugießen, die aus eigener Ernte stammten. Sie fügte einen großzügig bemessenen Schuß Champagner hinzu.
Kommen wir zur geschäftlichen Seite.
Ich hab' mich schon damit befaßt. Du wirst eine reiche Frau werden.
Ich bin eine reiche Frau. Eve zuckte mit den Schultern und drückte ihre Zigarette aus. Wir beide sind reiche Frauen.
Nun, dann werden wir eben noch reicher. Sie hob ihr Glas und prostete Eve zu. Dann klapperte sie mit den Eiswürfeln. Warum erzählst du mir nicht, weshalb du mich heute hergebeten hast?
Eve lehnte sich an die Bar und nippte an ihrem Drink. An ihren Ohren funkelten Diamanten, sie trug keine Schuhe. Du kennst mich wirklich zu gut. Ich trage mich in Gedanken mit einem ganz anderen Projekt. Schon seit langem denke ich darüber nach. Ich brauche deine Hilfe.
Maggie blickte erstaunt. Meine Meinung dazu interessiert dich nicht?
Deine Meinung gehört zu den wenigen, die mir stets willkommen sind, Maggie.
Eve setzte sich in einen scharlachrot gepolsterten Sessel mit hoher Rückenlehne. Von hier aus konnte sie in den Garten auf die sorgfältig gepflegten Blumen und die korrekt beschnittenen Hecken schauen. Von einem Springbrunnen sprudelte schäumendes Wasser in ein Marmorbassin. Dahinter befanden sich der Swimmingpool und das Gästehaus im Tudor-Stil, das einem Haus in einem ihrer erfolgreichsten Filme nachgebaut worden war. Hinter einer Reihe von Palmen lag der Tennisplatz, den sie mindestens zweimal in der Woche benutzte, ferner ein kleiner Golfplatz, an dem sie inzwischen das Interesse verloren hatte, und ein Schießstand, den sie vor zwanzig Jahren nach dem Manson-Mordfall hatte errichten lassen. Dann gab es noch ein Orangenwäldchen, eine Garage für zehn Wagen und eine künstliche Lagune. Alles wurde von einer zwanzig Fuß hohen Steinmauer ums
chlossen.
Für jeden Fußbreit Boden ihres Besitzes in Beverly Hills hatte sie gearbeitet. Ebenso wie sie - einstiges Sexsymbol mit rauchiger Stimme - darum gekämpft hatte, als ernstzunehmende Schauspielerin anerkannt zu werden. Es hatte sie Opfer gekostet, aber daran dachte sie nur selten. Es hatte sie auch Schmerzen gekostet. Das vergaß sie nie. Sie hatte eine hohe Leiter erklommen, die glitschig war von Schweiß und Blut, und sie war lange Zeit an der Spitze geblieben. Aber dort war sie sehr allein gewesen.
Erzähl mir von diesem Projekt, sagte Maggie. Ich werde dir sagen, was ich davon halte, und ich werde dir helfen.
Was für ein Projekt?
Beide Frauen blickten zur Tür, als sie die Stimme des Mannes hörten. Sein leichter britischer Akzent war unverkennbar, obwohl er im Laufe seiner fünfunddreißig Jahre nicht mehr als ein Jahrzehnt in England verbracht hatte. Paul Winthrops Heimat war Kalifornien.
Du hast dich verspätet. Aber Eve lächelte nachsichtig und streckte ihm beide Hände entgegen.
Tatsächlich? Er küßte erst ihre Hände, dann ihre Wangen. Hallo, Schönheit. Er nahm ihr Glas, nippte daran und grinste. Immer noch die verdammt besten Orangen im ganzen Land. He, Maggie.
Paul. Himmel, du siehst deinem Vater von Tag zu Tag ähnlicher. Ich könnte dir im Handumdrehen einen Filmvertrag verschaffen.
Er nippte noch einmal an Eves Glas und gab es ihr dann zurück. Ich werde dich eines Tages daran erinnern, wenn alle Stricke reißen.
Er hatte mahagonifarbenes Haar, das vom Wind zerzaust war. Sein Gesicht war für einen Mann immer etwas zu hübsch gewesen, jetzt war es zu seiner großen Erleichterung vom Wetter gegerbt. Eve studierte es eingehend, die lange gerade Nase, die hohlen Wangen, die tiefblauen Augen, die umgeben waren von einem feinen Liniennetz, das eine Frau zur Verzweiflung gebracht hätte, bei einem Mann aber interessant und charaktervoll wirkte. Er lächelte mit seinem schöngeschnittenen Mund, einem Mund, in den sie sich vor
fünfundzwanzig Jahren verliebt hatte - dem Mund seines Vaters.
Wie geht es dem alten Bastard? fragte sie.
Er macht sich ein schönes Leben mit seiner fünften Frau an den Spieltischen von Monte Carlo.
Er hat nichts dazugelernt. Frauen und Spiel, das waren schon immer Rorys Schwächen.
Da er vorhatte, am Abend noch zu arbeiten, goß Paul sich nur Saft ein. Eve zuliebe hatte er seine Arbeiten heute unterbrochen. Das hätte er für niemanden sonst getan. Erstaunlicherweise hat er mit beiden immer unheimliches Glück gehabt.
Eve trommelte mit den Fingern auf die Sessellehnen. Vor einem Vierteljahrhundert war sie zwei kurze, wilde Jahre lang mit Rory verheiratet gewesen. Wie alt ist denn die Neue? Dreißig?
Wenn man den Presseerklärungen glauben darf, ja. Amüsiert schaute Paul zu, wie Eve sich eine neue Zigarette angelte. Komm, Schönheit, du wirst doch nicht etwa eifersüchtig sein? Hätte irgend jemand anderes ihr diese Frage gestellt, wäre Eve hochgegangen wie eine Rakete. Jetzt zuckte sie nur mit den Schultern.
Ich hasse es, zusehen zu müssen, wie er einen Narren aus sich macht. Außerdem wird jedes Mal, wenn er sich in eine neue Ehe stürzt, eine Liste seiner Verflossenen veröffentlicht. Einen Augenblick lang wurde ihr Gesicht von einer Rauchwolke verdeckt. Ich verabscheue es, meinen Namen in einer Reihe mit den anderen zu sehen. Über Geschmack läßt sich nicht streiten, aber ich finde, keine von denen hat zu ihm gepaßt.
Oh, dein Name hebt sich um so leuchtender von ihnen ab, wie es sich gehört. Paul hob sein Glas und nickte ihr zu.
Du findest immer das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt. Zufrieden lehnte Eve sich zurück. Aber ihre Finger trommelten weiter auf die Sessellehnen. Ganz der erfolgreiche Autor. Das ist einer der Gründe, weshalb ich dich heute zu mir gebeten habe.
Einer der Gründe?
Der andere ist, daß ich dich einfach zu selten zu Gesicht bekomme, Paul, wenn du mitten in der Arbeit an einem Buch steckst. Wieder
streckte sie ihm die Hände entgegen. Ich war zwar nur kurze Zeit deine Stiefmutter, aber du bist immer noch mein einziger Sohn.
Gerührt zog er ihre Hand an seine Lippen. Und du bist immer noch die einzige Frau, die ich liebe.
Weil du zu wählerisch bist. Eve drückte seine Hand, bevor sie sie losließ. Ich habe euch beide aber nicht aus reiner Gefühlsduselei hergebeten. Ich brauche euren Rat. Sie sog langsam an ihrer Zigarette, um die Spannung zu erhöhen. Ich habe mich entschlossen, meine Memoiren zu schreiben.
Oh Gott! Das war Maggie. Paul hob lediglich eine Braue.
Warum?
Nur sehr wenige hätten das leichte Zögern in seiner Stimme bemerkt. Eve achtete nicht darauf. Ich habe ein Leben lang um alles kämpfen müssen, das hat mich nachdenklich gemacht.
Das ist eine Ehre, Eve, erklärte Maggie. Kein Nachteil.
Mag sein, erwiderte Eve. Es ist immer so gewesen, daß mein Können und mein Körper bewundert wurden. Aber mein Leben - und meine Arbeit - sind noch lange nicht beendet. Ich habe darüber nachgedacht, daß diese fünfzig Jahre im Geschäft alles andere als langweilig gewesen sind. Ich glaube, selbst jemand mit Pauls Phantasie könnte sich keine noch interessantere Story ausdenken, eine mit so verschiedenartigen Charakteren. Sie lächelte leise, ein wenig böse, ein wenig belustigt. Es gibt ein paar Leute, die nicht sehr begeistert davon sein werden, ihre Namen und ihre kleinen Geheimnisse gedruckt zu sehen.
Und es gibt nichts auf der Welt, was du lieber tun würdest, als alles wieder aufzurühren, murmelte Paul.
Nichts, gab Eve zu. Warum auch nicht? Jede Soße brennt an, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit aufgerührt wird. Ich werde alles frei und offen aussprechen. Es soll keine langweilige Biographie einer berühmten Persönlichkeit werden, einschläfernd wie eine Presseerklärung oder der Brief eines Fanclubs. Ich brauche einen Autor, der meine Worte weder abmildert noch verdreht. Jemanden, der meine Story so aufzieht, wie sie ist, nicht so, w
ie einige sie gern hätten. Sie warf einen Blick auf Pauls Gesicht und lachte. Keine Angst, Darling. Ich habe nicht die Absicht, dir diesen Job vorzuschlagen.
Ich nehme an, du denkst schon an jemand Bestimmten. Er nahm ihr Glas und goß ihr neuen Saft ein. Hast du mir deshalb letzte Woche die Biographie über Robert Chamber zugeschickt?
Eve nahm das Glas und lächelte. Was hältst du davon?
Er zuckte mit den Schultern. Gut gemacht, durchaus.
Sei kein Snob, Darling. Ich bin sicher, du weißt, daß das Buch ausgezeichnete Kritiken bekam und zwanzig Wochen lang auf der Bestsellerliste der New York Times stand.
Er korrigierte sie. Zweiundzwanzig Wochen.
Eve mußte grinsen. Es ist ein interessantes Buch, wenn man imstande ist, Roberts Männlichkeitswahn zu verkraften. Aber am meisten hat mich fasziniert, daß der Autor es fertiggebracht hat, eine Anzahl von Wahrheiten zwischen all die sorgfältig plazierten Lügen zu schmuggeln.
Julia Summers hat das Buch geschrieben, warf Maggie ein. Ich habe sie in Today gesehen, als sie im Frühling die Werbekampagne geleitet hat. Sehr kühl, sehr attraktiv. Sie und Robert sollen ein Verhältnis gehabt haben, sagt man.
Wenn das stimmt, hat sie jedenfalls ihre Objektivität dabei nicht eingebüßt. Eve beschrieb mit ihrer Zigarette einen Kreis in der Luft, bevor sie sie ausdrückte. Außerdem spielt ihr Privatleben keine Rolle.
Aber deins, sagte Paul. Er setzte sein Glas ab und rückte näher an sie heran. Eve, mir gefällt der Gedanke nicht, daß du dein Innerstes preisgeben willst. Worte hinterlassen Narben, besonders wenn sie von einem cleveren Autor gezielt eingesetzt werden.
Du hast vollkommen recht, deshalb sollen es ja unbedingt meine eigenen Worte sein. Ungeduldig wehrte sie mit der Hand seinen Protestversuch ab. Er merkte, daß ihr Entschluß bereits feststand. Paul, ganz objektiv, was hältst du von Julia Summers beruflichen Fähigkeiten?
Was sie anpackt, macht sie gut. Vielleicht zu gut. Der Gedank
e war ihm unbehaglich. Du hast es doch nicht nötig, Eve, dich auf diese Weise der öffentlichen Neugier auszusetzen. Du brauchst weder das Geld noch die Publicity.
Mein lieber Junge, deswegen will ich es ja auch nicht machen. Es geht mir dabei, wie bei fast allem in meinem Leben, um meine eigene Befriedigung, meine Selbstverwirklichung. Sie blickte zu ihrer Agentin hinüber. Sie kannte Maggie gut genug, um sofort zu merken, daß sie bereits angebissen hatte. Ruf ihre Agentur an, sagte Eve. Mach die Sache klar. Ich gebe dir eine Liste mit den Bedingungen, die ich stelle. Sie stand auf und küßte Paul auf die Wange. Mach kein so mürrisches Gesicht. Du kannst dich darauf verlassen, daß ich genau weiß, was ich tue.
Selbstbewußt, mit hocherhobenem Kopf, ging sie zur Bar, um sich ein wenig Champagner nachzuschenken. Aber im stillen hoffte sie, daß sie nicht einen Ball geschossen hatte, der ihr ein Eigentor einbringen würde.


Julia wußte nicht, ob sie soeben das tollste Weihnachtsgeschenk in ihrem Leben bekommen hatte oder eine Menge Schrott. Sie stand an dem großen Erkerfenster in ihrem Haus in Connecticut und schaute den tanzenden Schneeflocken zu. In dem gegenüberliegenden offenen Kamin zischten und knisterten die brennenden Holzscheite. An jeder Seite des Kamins hing ein roter Strumpf.
Der Baum stand genau in der Mitte vor dem Fenster, wie Brandon es gewollt hatte. Sie hatten die sechs Fuß hohe Fichte gemeinsam ausgesucht und ins Wohnzimmer geschleppt. Dann hatten sie den ganzen Abend damit verbracht, sie zu schmücken. Brandon hatte genau gewußt, wo jeder Stern, jede Kugel hängen sollte. Als sie das Lametta in kleinen Büscheln auf den Zweigen verteilen wollte, hatte er darauf bestanden, jeden Faden einzeln aufzuhängen.
Er hatte auch schon den Platz ausgesucht, wo der Baum am Neujahrstag eingepflanzt werden sollte, womit eine neue Tradition in ihrem neuen Heim beginnen sollte.
Brandon war zehn Jahre alt, und Traditionen gingen ihm über
alles. Vielleicht deshalb, weil er nie ein richtiges Zuhause gehabt hatte. Julia schaute auf die Geschenkpäckchen unter dem Baum. In ein paar Stunden würde er seine Mutter bitten, eins, nur ein einziges, schon heute am heiligen Abend öffnen zu dürfen.


Pressestimmen

"Wunderbar, wie Nora Roberts über die Liebe erzählt." USA TODAY
EAN: 9783453878181
ISBN: 3453878183
Untertitel: Roman. Originaltitel: Genuine Lies. 'Heyne-Bücher Allgemeine Reihe'.
Verlag: Heyne Taschenbuch
Erscheinungsdatum: September 2004
Seitenanzahl: 592 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Katharina Jonas
Format: kartoniert
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