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Gute Tage


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September 2004

Beschreibung

Beschreibung

Roger Willemsen hatte das Glück, einigen großen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte an einem Wendepunkt ihres Lebens zu begegnen, und er hatte das Privileg, manchmal Tage, sogar Wochen mit ihnen zu verbringen, bisweilen an erstaunlichen Orten. Es sind der Mut und die Radikalität, die innere Freiheit und Unabhängigkeit dieser Menschen, die Willemsen in all ihren Formen faszinieren - auch im Leiden und Scheitern.
In den literarischen Porträts, die nach diesen Begegnungen entstanden, ist die Sicht auf jene "überlebensgroßen" Menschen immer persönlich, zuweilen intim, manchmal sogar innig, und schließlich schält sich aus der Summe der Beobachtungen, Gespräche und Gedanken ein fast ganzheitliches Bild vom Menschen.
Die hier beschriebenen Persönlichkeiten - Popstars und Politiker, Wissenschaftler, Schauspieler und andere - vereint, dass sie sich an Außenpositionen des Lebens und Gestaltens bewegen, dass sie das Menschenmögliche neu gefasst und ihre Rolle in der Öffentlichkeit einzigartig interpretiert haben. Willemsens Porträts wiederum verbindet die Gabe ihres Autors, tiefer zu sehen, das Banale im Großen, das Große im Banalen zu finden und Erkenntnisse zu fördern, die noch über seine Gesprächspartner hinausweisen.

Portrait

Roger Willemsen, geboren 1955 in Bonn, gestorben 2016 in Wentorf bei Hamburg, arbeitete zunächst als Dozent, Übersetzer und Korrespondent aus London, ab 1991 auch als Moderator, Regisseur und Produzent fürs Fernsehen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Preis in Gold, den Rinke- und den Julius-Campe-Preis, den Prix Pantheon-Sonderpreis, den Deutschen Hörbuchpreis und die Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft. Willemsen war Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin, Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins und stand mit zahlreichen Soloprogrammen auf der Bühne. Zuletzt erschienen im S. Fischer Verlag seine Bestseller >Der Knacks<, >Die Enden der Welt<, >Momentum< und >Das Hohe Haus<. Über sein umfangreiches Werk gibt Auskunft der Band >Der leidenschaftliche Zeitgenosse<, herausgegeben von Insa Wilke.

Leseprobe

Vorwort



Die Opernsängerin, die in der Limousine durch Europa fährt, ihre New Yorker Agentin anruft und bittet, sie möge den Fahrer anweisen, die Klimaanlage zu drosseln.

Die kleine Auktionsgehilfin, die an die Westküste Irlands fährt, ein Streichholz an ihre Kleider hält und sich aus Liebeskummer verbrennt.

Der Mann, der sich im Postamt die Benutzung eines Briefumschlags erklären lässt.

Der Business-Class-Reisende, der den Tod einer Passagierin in der Economy Class mit dem Satz kommentiert: "So brauchen wir wenigstens keine Warteschleife zu fliegen."

Der Folterer, der so lange foltert, bis die Schreie des Opfers den Hahn zum Krähen bringen.

Der Tuareg auf dem Weg zu seinen Frauen in der Oase, der auf die Frage: "Und womit beschäftigen Sie sich an den Abenden?", erwidert: "Wir erzählen uns Geschichten."

Sie alle sind am Rande der Geschichten aufgetaucht, die hier in diesem Buch erzählt werden. Aber ich habe verpasst, sie zu fragen, wer sie sind, wer sie waren, und wie sie den Punkt erreichten, an dem sie so handeln, reagieren, zurecht kommen konnten.

Aus manchen Menschen in verwandten Situationen werden berühmte, exemplarische Menschen, Richtbilder. Aus anderen werden Unbekannte, die nie das Licht der Öffentlichkeit streift. Wenn man wissen will, wie die Berühmten das wurden, was sie wurden, ist ihre öffentliche nicht unbedingt ihre interessantere Seite.

Fesselnder erschien mir also die Berufung oder Obsession, die die Menschen in diesem Buch verbindet, der persönliche Extremismus, der sie eint: die Zwangsvorstellung, etwas nicht für die Öffentlichkeit sein zu müssen, sondern für sich oder ihre Wirkung in der Welt. Auf der nicht öffentlichen Seite unterscheiden sie sich von Allen, denen ein bloßer Effekt flüchtige Aufmerksamkeit sichert. Das bedeutet auch: Die hier Porträtierten werden weniger um ihres Ranges willen, als um ihres Weges dorthin beobachtet.
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br/> Alle haben sich an extreme Punkte bewegt, haben in extremen Zuständen gelebt oder tun es noch. Sie alle sind auf ihrem Feld zu Repräsentanten extremer Entwicklungslinien geworden. Schauspieler, Musiker, Wirtschaftsführer, Kriminelle, Autoren, religiöse und politische Führer, Staatsfeinde, Entertainer, Modedesigner, Popstars, Kosmonauten, Mönche, Provokateure, Forscher eint hier ihr Ringen um das "Menschenmögliche", und die meisten von ihnen haben dabei eine Idee von Freiheit, von Unabhängigkeit und Radikalität vertreten, die sie eigentlich zu Außenseitern hätte machen sollen. Manchmal sind sie das sogar geblieben, trotz ihres Ruhms.

Jedenfalls wurden sie auf ihre Weise zu exemplarisch Lebenden, die es wert sind, dass man sie hört, auch wenn man sich nicht primär für ihr Werk interessiert. Denn sie teilen nicht sich allein mit. Und weil das Menschenmögliche hier manchmal von seinen Rändern aus gedacht wird, gibt es auch einen Text über den "monströsen" Fötus im Museum, einen über den japanischen "Kannibalen", einen über den Menschenaffen.

Einige der Personen in diesem Band waren schon im Gefängnis, andere haben Gewalt ausgeübt oder erlitten. Einige haben Macht genossen, andere Macht nur ertragen. Manche von ihnen glauben, andere lästern, dritte glauben lästernd. Einige waren gezeichnet von der Liebe, andere vom Rausch, wieder andere vom Verlust oder vom Sterben. Triumphe, Siege in jeder Größenordnung zogen vorbei und Niederlagen nicht minder. Wem es nicht reicht, ein Werk zu hinterlassen, wer zwischen Geburts- und Sterbedatum auch ein Eigenleben hinkriegen will, vollendet sich im Scheitern.

Etwas Ansteckendes geht von solchen Individuen aus, von ihrem Arbeiten, ihrem Wahrnehmen und Ausdrücken, ihren abweichenden Standpunkten und Anstrengungen, sich in der Gegenwart zu behaupten und eine Wirkung zu hinterlassen, statt bloß einen Effekt.

In der Begegnung mit solchen "Menschenmöglichen" (oder solchen, die zumindest mir so erschei
nen) habe ich erlebt, was "Gute Tage" sind, auch wenn es sich manchmal um Menschen handelte, die um ihre "Guten Tage" rangen oder sie vermeintlich hinter sich hatten. Immer befanden wir uns dabei auf Reisen, und oft haben Städte und Landschaften mitgesprochen.

Es gibt Orte, die Erinnerung herstellen, und es gibt Nicht-Orte, die nichts als Vergessen produzieren. Wir sehen der Wucherung solcher Nicht-Orte zu, die wenig mehr sind als Aufbewahrungsorte für Menschen, Zwischenlager, Transithallen. Zum Reisenden gehört, dass er immer auf dem Weg ist, dass er alles in Bewegung und schließlich in Erfahrung verwandelt.

Entsprechend haben sich die hier Porträtierten erfahrbar gemacht auch in der Wechselwirkung mit ihren Räumen, in Melbourne und Kyoto, auf den Straßen von Paris und Los Angeles, an den Küsten von Cornwall und Ikaria, in den Häusern von Kinshasa und Tunis, dem Dschungel Borneos, dem indischen Hochland, einem Kastell in Südfrankreich, einer Bar in Tokio und sogar dem All.

Stanley Kubricks Epos "2001. Odyssee im Weltraum" beginnt mit dem Menschenaffen und seinem Knochenwerkzeug, das, in den Himmel geworfen, als Raumschiff weiterfliegt. Dies hier ist eine andere Reise, aber wenigstens beginnt auch sie mit einem Orang-Utan und endet mit zwei Kosmonauten.

Pressestimmen

Es sind Menschen, die außergewöhnliche Lebenswege beschreiten, das Extreme lieben oder auf der Suche nach dem eigenen Limit sind und dabei gesellschaftliche Schranken für sich selbst nicht mehr akzeptieren. Eine ganze Anzahl jener stellt Roger Willemsen in seinem Buch "Gute Tage" vor.

Er besucht fern jeder Zivilisation im indonesischen Dschungel die Orang-Utan Forscherin Biruté Galdikas auf ihrer einsamen Forschungsstation und lernt in kürzester Zeit mehr über Menschenaffen, als ihm lieb ist. Sehr überraschend ist, wie schnell sich das Verhalten der Tiere und das ihrer wortkargen, eigenwilligen Forscherin angeglichen hat. Wer färbt hier auf wen ab?

Auch Yassir Arafat wird während seines Exils in Tunis von Willemsen interviewt und durch pure Neugierde und einen glücklichen Zufall landet er in dessen Badezimmer und findet "das trostloseste Sanitär-Ensemble, das man außerhalb einer Jugendherberge sehen kann." Schöner und snobistischer kann man einen abgerissenen Schlauch in einer kleinen Sitzbadewanne, eine Toilette ohne Klobrille und eine offene Tube Colgate, die langsam neben einem orangenen Einweg-Rasierer vor sich hintrocknet, kaum formulieren.

Mit Harald Schmidt kann Roger Willemsen nicht allzu viel anfangen, und sein Fernsehauftritt in dessen Show endet in Peinlichkeit. Während er der "eisernen Lady" Margaret Thatcher ihre eigene Version über den Hintergrund der deutschen Wiedervereinigung entlockt: "Gorbatschow hatte ursprünglich ein Problem im Wohnungsbau, das die Armee betraf. In der Wiedervereinigung erkannt er eine enorme Einnahmequelle und damit die Möglichkeit, dieses Problem zu lösen." So einfach war das.

Leider fehlen bei vielen Porträts die genauen zeitlichen Angaben, wann Willemsen seine Interviews führte. Der Zeitrahmen von 1990 bis 2004, der in den editorischen Notizen erwähnt wird, ist etwas weit gefasst.

Das Schönste bei Roger Willemsens Begegnungen ist die persönliche Atmosphäre, die er für den Leser einfängt, wenn er beispielsweise beschreibt, dass John le Carré den "Guardian" prinzipiell gefaltet und nicht gerollt unter dem Arm trägt und wie er dem englischen Gentleman unversehens seinen eigenen Liebeskummer offenbart.

Roger Willemsens Begegnungen sind eine gelungene Mischung zwischen provokanten Fragen und kühler Distanz.

© Manuela Haselberger

EAN: 9783100921000
ISBN: 3100921003
Untertitel: Begegnungen mit Menschen und Orten. Zahlreiche Abbildungen.
Verlag: FISCHER, S.
Erscheinungsdatum: September 2004
Seitenanzahl: 415 Seiten
Format: gebunden
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