EBOOK

Wie wir werden, die wir sind


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kartoniert
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Juni 2010

Beschreibung

Beschreibung

"Weshalb können wir uns nicht daran erinnern, was wir im Alter von drei Jahren getan haben? Welche biochemischen Auswirkungen haben Demütigungen, und inwiefern können sie sich auf das Gehirn von Kindern schädigend auswirken? Neue und einleuchtende Antworten auf diese Fragen ergeben sich aus Siegels Synthese neurobiologischer, psychologischer und kognitionswissenschaftlicher Erkenntnisse." - Publishers Weekly Dieses Buch überwindet die Nature-Nurture-Dichotomie, durch die unser Denken über die menschliche Entwicklung bisher eingeengt wurde und erforscht den Einfluss zwischenmenschlicher Beziehungen auf den Entstehungsprozess wichtiger Verbindungen im Gehirn. Daniel J. Siegel präsentiert eine bahnbrechende neuartige Sicht auf die Entstehung des menschlichen Geistes - auf den Prozeß, durch den wir alle zu fühlenden, denkenden und erinnernden Individuen werden. "Dieses großartige Buch verknüpft die Erkenntnisse der Bindungsforschung mit fundiertem biologischen Wissen und erklärt somit die lebenslange Wirkung früher Erlebnisse." - Alicia F. Lieberman

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Geist, Gehirn und Erleben Gedächtnis und Erinnern Bindung Emotionen Repräsentationen: Verarbeitungsmodi und die Konstruktion der Realität Mentale Zustände: Kohäsion, subjektives Erleben und komplexe Systeme Selbstregulierung Interpersonale Verbundenheit Integration

Portrait

Daniel J. Siegel ist Professor für Psychiatrie an der School of Medicine der Universität von Kalifornien in Los Angeles und Direktor des Mindsight Institute. Seit einem Vierteljahrhundert erforscht der Harvard-Absolvent Wege, Erkenntnisse der Hirnforschung therapeutisch nutzbar zu machen. Nach einer Reihe vielbeachteter Veröffentlichungen legt er mit Die Alchemie der Gefühle die eindrucksvolle Quintessenz seiner Arbeit vor. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Los Angeles.

Leseprobe

Der Entwicklung des Geistes werden rekursive Eigenschaften zugeschrieben. Dies bedeutet, daß das, was der Geist eines Menschen der Welt präsentiert, das Präsentierte verstärken kann. Eine typische Reaktion der Umwelt bzw. der Eltern auf den Verhaltens-Output eines Kindes kann folglich das betreffende Verhalten verstärken. Deshalb spielt das Kind bei der Gestaltung der Erlebnisse, an die sein Geist sich anpassen muß, eine wichtige Rolle. Somit verändert das Verhalten selbst den genetischen Ausdruck, der daraufhin neues Verhalten erzeugt. Letztendlich basieren also Veränderungen in der Organisation der Gehirnfunktion, der Regulierung der Emotionen und des Langzeitgedächtnisses auf Veränderungen der neuronalen Struktur. Diese strukturellen Veränderungen sind der Aktivierung oder Deaktivierung von Genen zuzuschreiben, die Informationen für die Proteinsynthese enkodieren. Erlebnisse, genetischer Ausdruck, mentale Aktivität, Verhalten und die permanenten Interaktionen mit der Umgebung (das Erleben) sind in einem Geflecht von Transaktionsprozessen eng miteinander verbunden. Insofern sind der rekursive Charakter der Entwicklung und die Art, auf die Natur und Kultur, Gene und Erleben zusammenwirken, eng verknüpfte Bestandteile ein und desselben Prozesses. Genetische Untersuchungen des Verhaltens gelangen häufig zu dem Resultat, daß fünfzig Prozent der gemessenen Persönlichkeitsmerkmale sich auf Vererbung zurückführen lassen; vom größten Teil der übrigen fünfzig Prozent der Variabilität wird angenommen, daß sie auf "nicht-gemeinsamen" ("nonshared") Aspekten der Umgebung basieren, beispielsweise auf Erlebnissen in der Schule und auf Peer-Beziehungen. Doch auch Geschwister - und sogar eineiige Zwillinge -, die gleichzeitig von den gleichen Eltern aufgezogen werden, haben eine "nicht-gemeinsame" Umgebung, insofern das elterliche Verhalten nicht bei jedem Kind identisch ist. Die Rekursivität der geistigen Entwicklung verstärkt die anfänglichen individuellen Unterschiede und stell
t die manchmal bestehende Auffassung, in ein und derselben Familie aufzuwachsen sei eine gemeinsame (statistisch identische) Erfahrung, in Frage. Dies erinnert uns daran, daß die Entwicklungsgeschichte jedes einzelnen Menschen ein unauflösbares Konglomerat dessen ist, wie die Umgebung, zufällige Ereignisse und das Temperament des betreffenden Menschen zur Entstehung von Erlebnissen beitragen, bei denen Anpassung und Lernen rekursiv die Entwicklung des Geistes formen. Die Bedeutung epigenetischer Faktoren - die Art, wie Erleben unmittelbar den Ausdruck der Gene beeinflußt - gelangt auch in Untersuchungen über den erblichen Aspekt bestimmter psychiatrischer Störungen, beispielsweise Schizophrenie, zum Ausdruck. Bei eineiigen Zwillingen, deren gesamte genetische Information identisch ist, besteht eine Übereinstimmung von unter fünfzig Prozent im Verhaltensausdruck der Krankheit. Dies bedeutet, daß viele Faktoren Einfluß darauf haben, wie ein Genotyp (ein genetisches Muster oder genetische Information) als Phänotyp (als genetische Transkriptionsfunktion, die zur Proteinsynthese und zur äußeren Manifestation in Form von körperlichen Eigenschaften oder Verhaltensmerkmalen führt) zum Ausdruck gelangt. Dem Gehirn eines kleinen Kindes liefert die soziale Welt die wichtigsten Erlebnisse, die den Ausdruck der Gene beeinflussen, wodurch determiniert wird, wie sich die Neuronen miteinander verbinden, um jene neuronalen Pfade zu schaffen, die geistige Aktivität ermöglichen. Da die Funktion der Pfade durch ihre Struktur bestimmt wird, verändern Abwandlungen im genetischen Ausdruck die Gehirnstruktur und formen den sich entwickelnden Geist. Und die Funktionsweise des Geistes - die auf neuronaler Aktivität basiert - verändert ihrerseits die physiologische Umgebung des Gehirns, was beinhaltet, daß auch sie den genetischen Ausdruck verändern kann. Dies ist deutlich an der Produktion der Kortikosteroide in Reaktion auf Stress zu erkennen, die sich unmittelbar auf die Funktion der Gene
auswirkt. So wurde bei Kindern, die von ihrem Temperament her zur Schüchternheit neigen, eine starke physiologische Reaktion sogar auf relativ geringfügige Veränderungen der Umgebung festgestellt. Solche Menschen schaffen sich ihre eigene innere Welt von Reaktionen auf Streß, die die Reaktionen des Gehirns auf neue Reize verstärken. Ebenso kommt es bei einem Kind, das schon früh in seinem Leben traumatisiert wurde, zu einer Veränderung der physiologischen Reaktionsweise, mit der Folge, daß bei ihm schon geringfügige Stressoren starke hormonelle Reaktionen auslösen. Somit kann sowohl konstitutionelle als auch durch Erlebnisse erworbene Reaktivität zur Entstehung neuer physiologischer Eigenarten führen, die die hypervigilante Reaktion langfristig aufrechterhalten. Jerome Kagan und seine Kollegen haben nachgewiesen, daß elterliches Verhalten auf den Verlauf der Entwicklung eines Kindes eine starke Wirkung hat. Aus ihrer Untersuchung geht hervor, daß Eltern, die ihre schüchternen Kinder unterstützten und dazu ermutigten, neue Situationen zu erforschen, es den Kindern in stärkerem Maße ermöglichten, extravertierte Verhaltensweisen zu entwickeln, als Eltern, die ihren Kindern nicht halfen, ihre Ängste zu überwinden. Diese und andere Interventionsstudien haben deutlich gezeigt, daß das elterliche Verhalten sich direkt auf die kindliche Entwicklung auswirkt, selbst wenn man die Bedeutung von signifikanten erblichen Faktoren der physiologischen Reaktivität berücksichtigt. Wir werden im gesamten weiteren Verlauf dieses Buches immer wieder auf die schüchternen und traumatisierten Kinder zurückkommen, um zu veranschaulichen, wie konstitutionelle und erlebensbasierte Variablen bei der menschlichen Entwicklung zusammenwirken.

EAN: 9783873875814
ISBN: 3873875810
Untertitel: Neurobiologische Grundlagen subjektiven Erlebens und die Entwicklung des Menschen in Beziehung. Originaltitel: The developing mind. Neuauflage.
Verlag: Junfermann Verlag
Erscheinungsdatum: Juni 2010
Seitenanzahl: 416 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Theo Kierdorf, Hildegard Höhr
Format: kartoniert
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