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Am Beispiel meines Bruders


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kartoniert
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April 2005

Beschreibung

Beschreibung

»Die Jungen sollten es lesen, um zu lernen, die Alten um sich zu erinnern, und alle, weil es gute Literatur ist.« Elke Heidenreich »Abwesend und doch anwesend hat er mich durch meine Kindheit begleitet, in der Trauer der Mutter, den Zweifeln des Vaters, den Andeutungen zwischen den Eltern. Von ihm wurde erzählt, das waren kleine, immer ähnliche Situationen, die ihn als mutig und anständig auswiesen. Auch wenn nicht von ihm die Rede war, war er doch gegenwärtig, gegenwärtiger als andere Tote, durch Erzählungen, Fotos und in den Vergleichen des Vaters, die mich, den Nachkömmling, einbezogen.« Wer war dieser Karl-Heinz Timm, geboren 1924 in Hamburg, gestorben 1943 in einem Lazarett in der Ukraine? Warum hat er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet? Wie ging er mit der Verpflichtung zum Töten um? Welche Optionen hatte er, welche Möglichkeiten blieben ihm verschlossen? Wo ist der Ort der Schuld, wo der des Gewissens bei den Eltern, die ihn überlebt haben?

Portrait

Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren. Er war der Nachzügler in der Familie und stand bei seinem autoritären Vater im Schatten des 16 Jahre älteren Bruders Karl-Heinz, der sich freiwillig zur SS-Totenkopfdivision meldete und 1943 in einem Lazarett in der Ukraine starb. Geschichten faszinierten Uwe Timm von klein auf. Nach dem Tod des Vaters leitete er 3 Jahre lang das Kürschnergeschäft, machte dann am Braunschweig-Kolleg sein Abitur und studierte in München und Paris Philosophie und Germanistik. Er promovierte mit einer Arbeit über Albert Camus. Anschließend studierte er Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Uwe Timm gehört zu den wichtigsten Vertretern der 68er-Generation, die Aufarbeitung dieser Zeit zieht sich durch sein gesamtes Werk. Neben der Auseinandersetzung mit der eigenen reizen den Autor auch fremde Kulturen: Seine Recherche- und Entdeckungsreisen führten ihn unter anderem bis nach Namibia, Peru und auf die Osterinseln. Heute lebt er in München und Berlin.§Der Vater von vier Kindern verfasste auch vier Kinder- und Jugendbücher und machte in den letzten Jahren als Drehbuchautor auf sich aufmerksam. Für seine zahlreichen Romane und Erzählungen erhielt Uwe Timm verschiedene Auszeichnungen und Preise, zuletzt den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (2001) und den Tukanpreis der Landeshauptstadt München, 2002 den Literaturpreis der Landeshauptstadt München sowie den Schubart-Literaturpreis (2003) und den Erik-Reger-Preis der Zukunftsinitiative des Landes Rheinland-Pfalz. Im Jahr 2012 wurde der Schriftsteller für seine Verdienste um die deutsche Sprache mit der Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz geehrt.

Pressestimmen

»Lesenswert - für alle, die wissen wollen, was ein Krieg mit Familien anstellen kann und wie lange er wirklich nachwirkt.«
Oldenburgische Volkszeitung 23.09.2011
EAN: 9783423133166
ISBN: 3423133163
Untertitel: 'dtv'.
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Erscheinungsdatum: April 2005
Seitenanzahl: 154 Seiten
Format: kartoniert

Durchschnittliche Kundenbewertung

Kundenbewertungen

Winfried Stanzick - 24.09.2011, 11:50
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Karl Heinz Timm, geboren 1924 in Hamburg, gestorben 1943 in einem Lazarett in der Ukraine. Der Neunzehnjährige lebt weiter in der Trauer der Eltern, ihren Erzählungen, den sprachlichen Wendungen, die für sein Schicksal bemüht wurden, aber auch in den Träumen des jüngeren Bruders, der kaum eigene Erinnerungen an ihn hat. Warum wurden die Träume nach einem halben Jahrhundert immer drängender ? Der Impuls , über den Bruder zu schreiben, sich ein Bild von ihm zu machen, von seiner Generation im Nazikrieg, erwächst bei Uwe Timm auch aus der Notwendigkeit, über die Voraussetzungen der eigenen Biographie Klarheit zu gewinnen. Es ist die Frage nach familiären Prägungen, nach Werten und Erziehungszielen, nach Liebe, Nähe und Respekt unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs. Warum hat sich der Bruder freiwillig zur SS gemeldet ? Wie ging er mit der Verpflichtung zum Töten um ? Welche Optionen hatte er, welche Möglichkeiten blieben ihm verschlossen ? Wo ist der Ort der Schuld, wo der des Gewissens bei den Eltern, die ihn überlebt haben? Uwe Timms neues Buch ist ein bewegender und nachdenklicher Versuch über den Bruder, über Schuld und Erinnerung, es ist auch ein Portrait der eigenen Familie und eine Studie darüber, welche Haltungen den Nationalsozialismus und den Krieg möglich machten, was das mit uns zu tun hat und wie man darüber sprechen kann. Ein schönes, kluges und trauriges Buch, das einen nicht loslässt.
AMS - 26.08.2011, 13:45
Der Versuch einer Aufarbeitung
75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG , an diesen Satz denkt Uwe Timm öfter, während er versucht, dem 16 Jahre älteren Bruder, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist, durch sein Tagebuch und seine Frontbriefe näherzukommen. Meine Großtante ist Jahrgang 1911, hat zwei Weltkriege überlebt. Von meinem Onkel habe ich mal erfahren, dass sie während des Zweiten Weltkrieges Leute bei sich versteckt hatte. Ob es Juden waren oder Kommunisten, ich weiß es nicht. Ich habe mal leise versucht anzufragen, weil ich natürlich neugierig war. Aber sie hat nie etwas über diese Zeit erzählt. Und sie brauchte nicht mal ein schlechtes Gewissen zu haben. Sie hat etwas getan. Wie schwer mag es da wohl gewesen sein, von jemandem, der aktiv mitgemacht hat oder der weggeschaut hat, etwas zu erfahren? Hatten sie ein schlechtes Gewissen? Oder haben sie sich gerechtfertigt? Wir haben doch nichts gewusst , hieß es doch immer. Uwe Timm hat an diesem Buch erst gearbeitet, als seine Eltern nicht mehr lebten. Hatte er Angst vor den Antworten? 75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG. Jedesmal wenn ich diesen Satz las, bekam ich eine Gänsehaut. Wie oft mag sich Uwe Timm die Frage gestellt haben: Hat mein Bruder geschossen? Uwe Timm ist es wunderbar gelungen, an das Thema Schuld, Verdrängung, Verantwortung heranzugehen. Elke Heidenreich meint zu diesem Buch: Die Jungen sollten es lesen, um zu lernen, die Alten, um sich zu erinnern, und alle, weil es gute Literatur ist. Ich kann mich ihren Worten aus tiefstem Herzen anschließen.
Elvira Hanemann - 30.11.2006, 23:10
Wer war er, mein Bruder in der Waffen- SS?
Uwe Timms Roman ist der literarische Versuch einer Annäherung an den eigenen im Alter von 19 Jahren verstorbenen Bruder. Dieser, Karl ¿ Heinz geboren 1924, hatte sich freiwillig 1942 zur SS ¿ Totenkopfdivision gemeldet. Ein Jahr später starb er in einem Lazarett an seinen im Kampf erlittenen Verwundungen. Uwe Timm selbst war damals noch ein sehr kleines Kind, seine eigenen Erinnerungen an den um vieles älteren Bruder sind naturgemäß vage, dass der tote Bruder aber quasi mit lebte in der Familie, dass er das Leben der Eltern, Uwes und seiner Schwester auch ¿ oder gerade ¿ nach seinem Tod entscheidend mitprägte ist verständlich. Die Trauer der Eltern über den Verlust des Sohnes, das Sprechen über ihn und noch mehr das Schweigen über ihn beeinflussten Timms Kindheit und Jugend. Erst nach dem Tod der Eltern und der Schwester gestatte der Autor sich, seine lebenslange Spurensuche öffentlich zu machen. Aus Briefen, die Karl ¿ Heinz vom Kriegseinsatz nach Hause schrieb, aus seinem Tagebuch, aus Gesprächen mit Zeitzeugen und aus seiner Erinnerung an die Gespräche im Hause versucht Timm den Menschen, der sein Bruder gewesen war, zu rekonstruieren. Er möchte gerne wissen, was ihn dazu getrieben hat, zur SS zu gehen, wie er seinen Einsatz dort erlebt hat und ob er sein Tun reflektierte. Wenn ich mich frage, ob diese Annäherung denn gelingt, dann muss ich verneinen. Viel zu wenig hatte Karl ¿ Heinz von sich und seinem Inneren preisgegeben: die Briefe sind zum größten Teil banal, die Tagebucheinträge seltsam distanziert und sachlich. Auf die Fragen, die sich nicht nur Uwe Timm, sondern auch der Leser stellt, ging Karl ¿ Heinz nahezu nie ein: ob er wusste von dem Massenmord an Juden, von den Gräueltaten, die besonders seine Division verübt hatte, ob er selbst aktiv beteiligt war daran, ob er bereute oder sich zumindest teilweise innerlich davon distanzierte. All das wird übergangen, die einzige Stelle, die in dieser Hinsicht ¿etwas hergibt¿ ist ein Satz, in dem er ¿den Feind¿ als ¿gutes Fressen für sein Gewehr¿ bezeichnet. Diesen Satz zitiert Uwe Timm oft, er tut ihm weh, er lässt ihn nicht los. Er ist ihm Indiz dafür, dass sein großer Bruder wohl doch ein Unmensch war. Wie nebenbei gelingt Timm auch noch eine sehr einfühlsame Geschichte von seinem Aufwachsen als Jugendlicher in der Nachkriegszeit. Ein wichtiges, ehrliches und mutiges Buch!
Wilfried Kemper - 25.11.2006, 20:16
Am Beispiel meines Bruders
Mehr als 50 Jahre brauchte Uwe Timm um dieses Buch über seinen Bruder zu schreiben. Als sein großer Bruder nach einer schweren Verwundung starb, war Uwe Timm drei Jahre alt. ¿Am Beispiel meines Bruders¿ versucht Timm ein Portrait der Kriegsgeneration und der Familie zu zeigen. Anhand der eigenen Erinnerungen, der Familiengespräche und der Kriegstagebücher des Bruders erhalten wir das Bild einer deutschen Familie. Karl-Heinz, der große Bruder, ein stiller, eher schwächlicher Mensch meldet sich freiwillig zur Totenkopf-SS, einer berüchtigten Kampftruppe. Er gerade 18 Jahre, als er schwer verwundet stirbt und diese persönlichen Aufzeichnungen hinterlässt. Immer wieder nahm Uwe Timm diese Tagebücher zur Hand und musste sie nach wenigen gelesenen Sätzen bei Seite legen. Zu grausam sind die Schilderungen des Bruders, die nun gar nicht mit dem zusammen passen, was Mutter und Schwester über den großen Bruder erzählen. Was war der Bruder für ein Mensch, der an einer Stelle in sein Tagebuch schreibt: ¿75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG¿ ¿ ¿Viel Beute¿., und lange vor der Verwundung mit abschließenden Worten das Tagebuch beendet: ¿Hiermit schließe ich mein Tagebuch, da ich es für unsinnig halte, über so grausame Dinge wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen.¿ Uwe Timm hat ein sehr persönliches Buch geschrieben. Das Buch ist ein Versuch die Geschichte zu verstehen. Wir erleben wie ein junger Mann wie so viele seine Generation zum Täter wurde aber zugleich auch Opfer war.
Elisabeth Stein-Salomon - 17.11.2006, 23:20
Ein kleines, aber sehr wichtiges Buch
In der dafür gewählten Form einer assoziativen Collage aus Erinnerungssplittern, Kindheitsanekdoten, Reflexionen des schreibenden, mit dem Stoff kämpfenden Autors, aus Feldpostbriefen und nicht zuletzt aus dem geheimen Kriegstage-buch nähert sich Uwe Timm der Figur des 1943 gefallenen Bruders, aber parallel entsteht auch ein differenziertes Bild seiner gesamten Familie. Mit "Am Beispiel seines Bruders" will er aber auch einem Phänomen näher kommen: dem unkritischen Umgang mit der Nazizeit nach 1945 in Westdeutschland. Uwe Timm hat in eindringlichen, sehr persönlichen Prosa-Exerzitien die Auseinandersetzung mit unsrer historischen Schuld fortgesetzt und verwickelt den Leser in diese Auseinandersetzung. Ein kleines, aber sehr wichtiges Buch.