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Vermessen - gezeichnet - verlacht


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Mai 2005

Beschreibung

Beschreibung

Die Annahme, dass es ein typisch jüdisches Gesicht, einen jüdischen Körper oder eine jüdische Gestik gebe, ist bis heute verbreitet. Sie geht auf medizinische, rassenhygienische und physiognomische Diskurse des 19. und 20. Jahrhunderts zurück. Julia Schäfer zeigt in ihrer Geschichte des visuellen Antisemitismus am Beispiel von Karikaturen in populären Zeitschriften sowohl die Entstehung antijüdischer Bilder als auch ihre parteipolitische Instrumentalisierung.


Inhaltsverzeichnis

Einleitung
1 Zur Historizität und Medialität antijüdischer Bilder
1.1 Historische Bildwissenschaften -
BildGeschichte(n) und Geschichtsbilder
1.1.1 Vorbilder - ein antijüdischer Bilderfundus
1.1.2 Karikatur als historische Quelle
1.1.3 Das Bild als Geschichtsbild
1.2 Antijüdisches oder Juden im Bild
2 Der Wahre Jacob und Kikeriki - zur Quellenlage
2.1 Feindbilder und Stereotype -
strukturelle Überlegungen zum Wahren Jacob und Kikeriki
3 Kultur als Deutungsrahmen -
zu einer Semiotik des antijüdischen Bildes
3.1 Die symbolische Qualität der antijüdischen Karikatur
3.2 Über die Grenzen des Humors
3.3 Rezeptionsästhetik - Kognition, Wahrnehmung und
Sinnkonstruktion
3.3.1 Zum Verhältnis von Text und Bild
3.3.2 Religiös-kulturelle Dichotomien im politischen
Meinungskampf
3.4 Der Jude als Kollektivsymbol
4 Visueller Antisemitismus als Körpergeschichte
4.1 Das Judenbild zwischen Schönheitsnorm und
Pathognomik
4.1.1 Degeneration - der relative Wert der Rasse
4.2 Rassenhygiene zwischen Popularisierung und
Körperpolitik
4.3 Die Pathologisierung der jüdischen Rasse
4.4 Michel versus Jude - die schizophrene Identität
4.5 Massenkultur und anthropologische Deutungsmuster
5 Medizinisch-biologische Kategorien
und Diskriminierungstechniken im Bild
5.1 Die antinazistische Karikatur im Wahren Jacob
5.2 Die Karikatur als Inszenierungsmedium von Devianz
5.2.1 Kommunikation unter Juden
5.2.2 Physiognomie zwischen Eindruck und Ausdruck
5.3 Die Konstruktion des jüdischen Körpers
5.3.1 Die jüdische Nase als Identitätszeichen
5.3.2 Degenerations- und Deszendenzzeichen
5.3.3 Neger und Jude in der politischen Propaganda
5.3.4 Engbrüstigkeit, Plattfüße und O-Beine in Bezug auf die
Wehrtauglichkeit
5.3.5 Der jüdische Phallus - Sexualität
6 Sozialistische Bildsprache - Kunst und Proletariat
6.1 Polarisierung nach innen und kultivierte Feindbilder
nach außen
6.2. Sozialistische Karikaturen zwischen Moral und Klischee
6.2.1 Arbeiterbildung und Kunst -
Der Zentrale Bildungsausschuss der SPD
6.2.2 Bilder der Macht - Macht der Bilder
6.2.3 Die Tendenzkunstdebatte (1910-1912)
6.2.4 Die Idealisierung des Arbeiters
6.2.5 Bolschewistische Monster
6.3. Proletariat und Judentum -
zwischen Pathologie und Normierung
6.3.1 Staatsbürgerrecht versus "Rassenzugehörigkeit"
6.4 Über die Mentalität des Kapitalismus
6.4.1 Mammon - Geld - Börse
6.4.2 Politik über den Bauch -
von Kriegsgewinnlern und Kapitaliste
Schlussbemerkung
Danksagung
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Bildanhang

Portrait

Julia Schäfer, Dr. phil., promovierte am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.


Leseprobe

4 Visueller Antisemitismus als Körpergeschichte (S. 113-114)

In der Diskussion ist die Materialität des Körpers, insbesondere wenn man den jüdischen Körper, wie er in den Bildern begegnet, nicht als Vorhandenes, sondern als Inszeniertes und seinen historischen Ort als variabel begreift.1 Jakob Tanner stellt, die Dichotomie von Körper haben und Körper sein reflektierend, die Historizität des Körpers der körperlichen Erfahrung als kulturelles Konstrukt gegenüber, um daran folgende Fragen anzuschließen:

Ist der Körper ein Produkt historischer Umstände? Ist es nicht viel sinnvoller, von einem biologischen Körper auszugehen, dessen vielgestaltige kulturelle Formung dann in einem zweiten Schritt zu untersuchen wäre? Oder gelangen wir auf diese Weise wieder zu einem Begriff authentischer, genuiner (weil im Körper lokalisierter) Erfahrung, die dann als eine Art objektives Substrat für die Geschichtsschreibung dienen könnte.

Ohne eine radikalkonstruktivistische Position zu vertreten, meine ich, dass der karikierte ver- und gezeichnete Körper des Juden nur existiert, weil er als natürlicher wahrgenommen wird: Diese künstlichen Körper beanspruchen ihre eigene Realität, ja vielmehr stellen sie diese in der Lebenswelt her. Der subjektive Blick auf eine Karikatur ist als eine reelle Erfahrung des Abgleichens, Wiedererkennens und Verstehens zu bezeichnen. Die synästhetische Erfahrung, das heißt die Rezeption auf sinnlicher Ebene, stellt eine nicht zu unterschätzende Funktion der Bilder dar. Dennoch ist einzuräumen, dass die Bilder stets eine Mischung aus empirischen Befunden und ideologischen Mythen sind; diese Verquickung in der Analyse rückgängig zu machen, ist die eigentliche Herausforderung, denn in rassistischen Diskursen fungieren körperliche Merkmale als Bedeutungsträger, als Zeichen innerhalb eines Diskurses der Differenz

In einem wiederholt abgedruckten Bild des Kikeriki, das e
inen lächelnden stereotypisierten Ostjuden zeigt, ist diese Verschmelzung von antijüdischen Körperattributen wie der übergroßen fleischig-gebogenen Nase, den Lidern, die die Augen halb verdecken, den abgespreizten, rachitischen Hände, dem langen lockigen Vollbart sowie Peyes und den Sekundärattributen der Kippa und des Kaftans als religiöse Zugehörigkeitszeichen und schließlich eines pflanzlichen Attributs, der Knoblauchknolle, visualisiert. Auf der ikonografischen Ebene ist so der Grundstein gelegt für eine Zusammenschau des traditionellen Juden und dem Geruch des Knoblauchs, der oft auch durch die Zwiebel ausgetauscht wird.

Die damit verbundene Anspielung beinhaltet die üblen Gerüche, die vom Ostjuden ausgingen und ihn in einen Kontext eines Armutsphänomens, der krankmachenden Miasmen, giftiger, aus dem Boden entweichender Dämpfe, stellen. Da dieses Bild über den gesamten Untersuchungszeitraum abgedruckt wurde, wechseln die textlichen Zuschreibungen, die noch mehr Deutungsoptionen eröffnen: Unter dem Titel Die polnische Frage und das galizische Knofel- Orakel (1919) wird die Optionsfrage im Jargon des Pseudo-Jiddisch thematisiert: Gebt ma miach dem polischen Kenigraich? Von Herzen? Mit Schmerzen? Blaib iach/ bai Esterreich? Ä wenig? Gar nicht? Maseltoff, iach blaib bei Esterreich!

Pressestimmen

10.03.2006, Süddeutsche Zeitung
Humor als Waffe
"Im Medium der Karikatur spiegelt sich, weit über die Sphäre der politischen Propaganda hinaus, der antisemitische Zeitgeist der Epoche. Der vorliegende Band demonstriert das in beklemmender Eindringlichkeit."
EAN: 9783593377452
ISBN: 3593377454
Untertitel: Judenbilder in populären Zeitschriften 1918-1933. 40 Abbildungen.
Verlag: Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum: Mai 2005
Seitenanzahl: 436 Seiten
Format: kartoniert
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