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Familienfest


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August 2005

Beschreibung

Beschreibung

Eine kraftvolle Familiensaga über ein ganzes Jahrhundert.

Bei den Leondouris wird oft und ausgelassen gefeiert. Und immer, wenn alle Familienmitglieder um den reich gedeckten Tisch versammelt sind, erzählt die Hausherrin Edna mitreißende Episoden aus der wilden, ereignisreichen Familiengeschichte. Diese verweben sich mit den Biografien der um den Tisch versammelten zu einer kraftvollen Familiensaga, die vor dem Hintergrund der zur Metropole wachsenden Hafenstadt Boston spielt.

Portrait

Anna Mitgutsch, 1948 in Linz geboren, unterrichtete Germanistik und amerikanische Literatur an österreichischen und amerikanischen Universitäten. Für ihr literarisches Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Solothurner Literaturpreis, den Würdigungspreis (Staatspreis) für Literatur der Republik Österreich und das Ehrendoktorat der Universität Salzburg. Seit den siebziger Jahren übersetzt sie Lyrik und verfasste bisher zehn Romane, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Bei Luchterhand erschienen die Romane "Ausgrenzung" (1989), "In fremden Städten" (1992), "Haus der Kindheit" (2000), "Familienfest" (2003), "Zwei Leben und ein Tag" (2007) und "Wenn du wiederkommst" (2010) sowie zuletzt der Essayband "Die Welt, die Rätsel bleibt" (2014).

Leseprobe

Edna
In den Schlafzimmern waren schon die Kisten für die Übersiedlung gepackt, und dazwischen türmten sich Kartons voller Dinge, die sich trotz Ednas Freude am Wegwerfen angesammelt hatten und die ihr nun am Ende auch überflüssig erschienen: Hadassa hatte sie mit ihren flüchtigen, schrägen Schriftzügen daraufgeschrieben, Heilsarmee, Caritas. Sie umstanden die Betten wie ungeduldige Gerichtsvollzieher, die zum Aufbruch drängten und die Zimmer noch vor dem Auszug unbewohnbar machten. Der Mangel an Licht hatte Edna schon immer gegen diese Räume aufgebracht. Vor allem das große Schlafzimmer mit dem begehbaren Kleiderschrank, in dem Morris' Anzüge seit fünf Jahren ungelüftet hingen, deprimierte sie. Die Glastüren mit den halbkreisförmigen Balkonen aus schwarzem Schmiedeeisen schienen der gegenüberliegenden Hausmauer so nah - kaum zu glauben, daß eine Straße dazwischen lag.
Am Ende ihres Lebens waren sie und Morris in diesem exklusiven Bezirk Bostons angekommen, hatten die Enklave alter protestantischer Mayflower-Familien infiltriert - in zwei Generationen von Ellis Island nach Beacon Hill, die Erfüllung kühnster Einwandererträume. Aber es hatte ihnen nicht den Triumph gebracht, den sie erwartet hatten. Edna war nie heimisch geworden in den Räumen des zweistöckigen viktorianischen Backsteinhauses in der abschüssigen Pinckney Street, das sich wie ein nicht ganz legitimer Eindringling mit zwei seiner drei Fenster auf die Schmalseite des Louisburg Square drängte. Zwanzig Jahre früher hätte es ihr Genugtuung verschafft, in der vornehmen Stille der Mount Vernon Street ihre Schritte auf dem Kopfsteinpflaster zu hören, als ginge sie durch die hallenden Flure eines alten Hauses. Jetzt im Alter sehnte sie sich nach freien Ausblicken und nach Menschen, die mit ihrem Alltag beschäftigt waren, wenn sie auf die Straße ging; die Stille unter den Ahornbäumen, selbst die Schönheit der in der Dämmerung leuchtenden Schlehdornbüsche, die dunkle Feuchtigkeit all der an den Hauswänden
wuchernden Ranken, die im Sommer die Räume vollends verdunkelten, bedrückten sie. Es würde ihr leichtfallen, dieses Haus zu verlassen, es hatte nicht ihnen gehört, ein Enkel ihres Onkels Paul hatte es an sie vermietet, und es hatte noch niemandem in der Familie Glück gebracht. Es war die Gegenleistung für sechs Jahre Gefängnis gewesen, die Paul für einen anderen abgesessen hatte, Teil des Schweigegeldes, mit dem ein Gouverneur von Massachusetts, dessen Vorfahren seit Generationen auf Beacon Hill residierten, sich die Schande, als Betrüger entlarvt zu werden, von Paul hatte abnehmen lassen. Wie einen Fluch hatte er das Haus für alle Zeiten der Familie vermacht, unverkäuflich, an niemanden zu vermieten als an die Mitglieder der Familien Lewis und Leondouri, zur unauslöschlichen Erinnerung an den Preis, den ein Einwanderer aus einem podolischen Stetl zu zahlen hatte, um unter Bostons Brahminen, selbst wenn sie Ganoven waren, leben zu dürfen.
Edna hatte ihren Onkel Paul kaum gekannt, niemand hatte ihn gekannt, er war die graue Eminenz, zu der man ging, wenn man aus eigener Kraft nicht mehr weiterwußte; wenn es galt, einen Sohn vor dem Vietnamkrieg zu bewahren, einen Spitalsplatz für eine Sterbende zu ergattern, dann ging man zu Paul, und man besuchte ihn nicht in seinem Haus auf Beacon Hill, sondern kam in sein Büro und trug über den großen Schreibtisch hinweg sein Anliegen vor. Bei Hochzeiten, Bar Mitzwahs und bei Begräbnissen stand er unter den Gästen, und in der Erinnerung kam es den Familienmitgliedern vor, als hätte ihn seine Unnahbarkeit wie ein Raum umgeben, in dem die Luft anders war, Gefängnisluft, vergiftet und schwer zu atmen - über diesen Abstand hinweg schien es nur möglich, ihm die Hand zu schütteln, nicht jedoch ihn zu umarmen. Die Jahre im Staatsgefängnis von Walpole hatten seine unnahbar aufrechte Gestalt gezeichnet und ihn der Vorstellungswelt selbst seiner Familie entrückt, ihn zu einem Fremden gemacht, dem man sich mit banger Achtung und mißtrau
ischer Furcht näherte. Nur Edna und ihre Geschwister kannten sein Geheimnis, die anderen Verwandten mußten annehmen, er sei zu Recht verurteilt worden, schämten sich seiner und schwiegen. Er war der häßliche Fleck auf der Ehre der Leondouris und der mit ihnen Verschwägerten, er verminderte die Respektabilität ihrer heiratsfähigen Töchter, aber er besaß Macht in den höchsten Kreisen, und seine Macht war zur Legende geworden. In Ednas Familie betete man erst dann zu Gott, wenn Onkel Paul nicht mehr helfen konnte. Wie die frommen Juden Zettel mit ihren Bitten in die Ritzen der Westmauer in Jerusalem steckten, wie die Italiener des Bostoner North End, wohin Paul vor dem erstickend vornehmen und schweigsamen Beacon Hill floh, Kerzen vor ihren Heiligenstatuen anzündeten, so kamen die Sorgenbeladenen seiner über die Generationen zu einem Clan angewachsenen Familie zu Paul.


An der Stelle, an der jetzt ihr Bett stand, mußte Paul an einem Apriltag in den sechziger Jahren gestorben sein, so einsam, wie er jahrzehntelang gelebt hatte, und die jungen Blätter der schmiedeeisenumfriedeten Platane mochten in der lastenden Stille so wie jetzt gegen das Fenster gewischt haben. Hier hatte Morris zwei Jahre lang mit dem Tod gekämpft. Edna empfand kein Bedauern angesichts der gepackten Kisten, auch das Geschirr, das für Pessach nicht koscher war, hatte sie schon in Seiden- und Kreppapier gewickelt und die Kartons mit großen Aufklebern als zerbrechlich gekennzeichnet.
In den unteren Räumen war an dem ersten Abend des Pessachfestes von Aufbruchsstimmung noch nichts zu spüren. Der große Kristalluster warf einen matten Glanz aufs Parkett des Eßzimmers, und der Tisch war zu seiner vollen Länge ausgezogen und verstellte den Zugang zum Glasschrank, und Edna stand an der Breitseite der mit weißem Damast gedeckten Tafel und zählte zum zweiten Mal in der letzten halben Stunde die Gedecke, sagte halblaut, mehr zu sich als zu Carol, die in der Türöffnung zur Küche lehnte, die Kind
er glänzen wieder durch Abwesenheit, Lea kommt sicher nicht, und Jerome sowieso nicht, mein einziger Enkel Joshua ist in Israel und seine Mutter Estelle auch, womit die Abwesenheitsliste der Familie Schatz vollständig wäre. Irving ist noch in Europa oder sonstwo, nur ihr seid vollzählig. Jonathan setze ich neben dich, und Marvin leitet den Seder, ob er will oder nicht. Da drüben soll Daniel sitzen, neben ihm Adina, auf deiner linken Seite sitzt ihre Mutter, damit du ihnen erklären kannst, was vorgeht. Warum habe ich neun Gedecke? Dann fielen ihr die beiden alleinstehenden Witwen aus dem Altersheim in Revere wieder ein, in das sie selber in zwei Wochen ziehen würde: Sie hatten wegen des schlechten Wetters vor zwei Stunden abgesagt.


Zusammen trugen sie den großen Sederteller aus der Küche herein. Seit Jahren bekam sie von ihren Kindern modernes, praktisches Pessachgeschirr geschenkt, mit hübschen Schalen zum Herumreichen, teures Kunstgewerbe aus den besten Kunstläden zwischen Jerusalem und Brookline, und sie bedankte sich jedesmal dafür, rief, wie schön, wie edel und stellte es zu den Chanukka-Leuchtern in die Vitrine. Aber zu Pessach brachte sie wieder den mit blauen Ornamenten verzierten und viel zu seicht unterteilten Steingutteller, auf dem die strenge Anordnung der Speisen schon beim ersten Anstoß durcheinandergeriet, auf den Tisch.
Eigentlich sind wir fertig, sagte sie mit einem kurzen prüfenden Blick auf die Schwiegertochter ihrer verstorbenen Nichte Mimi. Sie müßte mehr auf ihr Äußeres achten, dachte sie, jetzt wo sie älter wird. Aber Carol trug noch immer ihr längst von grauen Strähnen durchzogenes Haar schulterlang, und ihre weiten Röcke und losen Kleider erinnerten an das Hippiemädchen, das sie in ihrer Jugend gewesen war. Ihre frühere, für Ednas Geschmack ein wenig zu rebellische Unbekümmertheit war in den letzten Jahren einer schweigsamen Entschlossenheit gewichen, und manchmal, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, lag ein Anflug enttäusc
hter Bitterkeit auf ihren Zügen. Das Leben ist nicht gut zu ihr gewesen, dachte Edna und sagte mit nachsichtiger Mißbilligung: Geh ins Bad und richte dich ein wenig her, bevor die Gäste kommen. Es war ein milder Tadel verglichen mit der Ablehnung, die sie lange Zeit für Carol empfunden hatte. Vor fast dreißig Jahren hatte die Verlobung von Mimis Sohn Marvin mit Carol, der Tochter eines Geistlichen der Episkopalkirche, die Familie entzweit. Inzwischen war Carols und Marvins Sohn Jonathan bereits zweiundzwanzig, und seine Mutter war nicht das einzige nichtjüdische Mädchen geblieben, das in die Familie eingeheiratet hatte, aber später hatte es niemanden mehr aufgeregt.


Edna riß sich aus ihren Gedanken. So lagen die Dinge nun einmal, Fremde waren anhänglich geworden wie Töchter, und ihre eigenen Kinder blieben fern. Trotzdem sollte noch einmal Pessach gefeiert werden wie früher, und niemand außer Carol und Marvin sollte wissen, daß oben die gepackten Kisten und Koffer standen. Kurz vor sechs würden draußen die Autotüren schlagen, und die Glocke würde alle paar Minuten klingeln, und Edna würde über zellophanbedeckte Schüsseln hinweg die Wangen ihrer Gäste küssen, sie würde die Schüsseln und Weinflaschen aus ihren Händen entgegennehmen und in anerkennende Bewunderungsrufe ausbrechen, das sonst so stille Haus würde sich ein letztes Mal mit Lärm und Leben füllen, und sie würde für Augenblicke sogar das Fehlen ihrer Kinder vergessen und glücklich sein. Solange sie im Kreis ihrer Gäste saß und ihre Geschichten von früher erzählte, würde es ihr gelingen, nicht daran zu denken, zumindest nicht an diesem Abend, daß die Familie vor ihren Augen unablässig zerfiel und daß die Jüngeren aufgehört hatten, sich als verwandt und über alle Differenzen hinweg einander zugehörig zu betrachten.
Es sollte alles ein letztes Mal so sein wie früher in Dorchester, als sie und ihre drei Geschwister um den Tisch in der Küche mit den beschlagenen Fenstern saßen und Onkel Paul, noc
h jung und gesellig, der einzige Gast war, weil ihre Eltern und Paul die ersten Einwanderer einer Familie waren, die später diese Stadt und diesen Landstrich bevölkern sollten. Edna hatte außer dem Vater ihrer Mutter Bessie keine anderen Großeltern gekannt, und es war von ihnen auch nur selten die Rede gewesen. Mit ihrer Überfahrt aus Osteuropa hatten Paul und Bessie ihren sturen Willen zu überleben und einen pragmatischen Optimismus bewiesen, der sich ausschließlich auf die Zukunft richtete.


Sie überblickte die Anrichte mit der großen Schüssel Charosset, mach viel davon, hatte sie zu Carol gesagt, davon können die Kinder nie genug bekommen, und Carol hatte sie fragend angesehen: Welche Kinder? Die Hühnersuppe köchelte auf dem Herd, die Mazzaknödel lagen zu einer Pyramide aufgeschichtet auf dem vorgewärmten Teller, und sie stand eingehüllt in die vertrauten Gerüche karamelisierter Karotten und Zwiebeln und weichgekochten Geflügels. Es brauchte nicht viel, um Edna das Gefühl tiefer Zufriedenheit zu geben, solange vertraute Menschen um sie waren. Sie legte die Schürze ab, die eine ihrer Töchter in der Küche zurückgelassen hatte, was hat ein kluges Mädchen wie ich in der Küche zu suchen, stand darauf, und Edna trug sie gern, weil die Heiterkeit, die diese Schürze jedesmal auslöste, sie amüsierte. Seit zwanzig Jahren erstaunte ihre Jugendlichkeit jeden, der sie kannte, als besäße der natürliche Verfall des Alterns keine Macht über sie. Natürlich wußte sie, daß man hinter ihrem Rücken ihre geistige Frische und ihren guten Geschmack lobte, als erwarte man, daß sie endlich vergeßlich werde, senil, und sich gehenließe, aber jedes Jahr saß sie am Tischende, als sei kein weiteres Jahr vergangen, mit ihrem Schmuck und ihrer erlesenen Garderobe und erzählte Familiengeschichten, und niemand wäre auf die Idee gekommen, daß auch ihr zwanghaftes Erzählen einer Verzweiflung entspringen könnte, mit der sie gegen die Auslöschung durch den Tod und das Vergessen anredete,
weil sie spürte, wie das Ende sich unaufhaltsam näherte. Bei ihrem Begräbnis, prophezeite sie, würde ihren Nachkommen nichts Besseres einfallen, als ihre Jugendlichkeit zu rühmen. Über ihr tatsächliches Alter hatte sie einen verwirrenden Schleier einander widersprechender Geburtsdaten gebreitet, niemand wußte, wie alt sie wirklich war, man konnte es nur mit Hilfe anderer Familienereignisse berechnen: Wenn sie das zweite Kind von Joseph und Bessie war, mutmaßten Kenner der Familiengenealogie, dann mußte sie zwischen 1906 und 1910, zwischen ihrem älteren Bruder Elja und ihrer jüngeren Schwester Dora geboren sein. Bei der Geburt ihrer jüngsten Tochter Estelle in den späten vierziger Jahren konnte sie jedoch nicht älter als um die vierzig gewesen sein - so ließ sich ihr Alter aus Fakten annähernd ableiten.


Seit dem Tod ihres Vaters, der weiter zurücklag, als sich die jüngeren Familienmitglieder erinnern konnten, hatten die meisten Familienfeste in Ednas Haus stattgefunden. Damals waren sie und Morris aus Montana zurückgekehrt, wohlhabender, als die beiden Einwandererfamilien es sich für ihre Kinder jemals erträumt hatten. Morris' Vater war mit Eiern hausieren gegangen, und Ednas Vater Joseph hatte viele Berufe, aber keinen einträglichen, ausgeübt. Morris hatte den Wollhandel an der Quelle studiert, hatte die Qualität des Rohmaterials in den Schafherden von Montana geprüft und war in fünf Jahren zu einem der einflußreichsten Textilgroßhändler der Ostküste aufgestiegen. Aber in Montana hatte es keine jüdischen Gemeinden gegeben, und so waren sie zurückgekommen. Beim langen, traurigen Exodus aus dem jüdischen Dorchester, diesem von ganz Boston am dichtesten besiedelten Stadtteil, waren sie die ersten gewesen, die weggingen, noch lange bevor die Zwangsverkäufe und der Terror der aus der City delogierten Schwarzen begannen. Als sie das Haus in Bradford Terrace kauften, war Brookline noch eine Adresse, die protestantische Exklusivität bedeutete in dieser Stadt,
die an eifersüchtiger Abgrenzung gegen Fremde keinem Dorf in Europa nachstand.
Fast fünfzig Jahre lang stand Josephs grüner samtbezogener Lehnstuhl schon an der Schmalseite von Ednas damastgedecktem Tisch, zunächst in dem weißen Haus mit dem klassizistischen Portal in Brookline und später in dem ebenerdigen Erkerzimmer in Beacon Hill, und die Mitglieder der verwandten und verschwägerten Familien saßen dicht gedrängt vor den vielen kleinen Schalen voll Speisen, die für den Seder vorgeschrieben waren, tauchten die Petersilie in Salzwasser, häuften Charosset und Meerrettich zwischen Mazzastückchen, und der jeweils Jüngste stellte die vier Fragen - so auch Ednas Kinder, eines nach dem anderen, und in den Jahren dazwischen die Kinder ihrer Geschwister, dann deren Kinder. Es fehlte nicht an Kleinen bis in die sechziger Jahre, bis die Jugendlichen, die in Ermanglung Jüngerer sich genierten, mit ihren in den Stimmbruch kippenden Stimmen schon wieder oder noch immer dieselben Fragen zu singen, Ausreden erfanden und fernblieben.


Jahrzehntelang war Morris in Josephs Lehnstuhl gesessen, zurückgelehnt wie ein zum erstenmal seit der Knechtschaft freier Mann, und später, als Morris, von der Krankheit geschwächt, schweigsam und mürrisch wurde, ihr Sohn Jerome oder ihr Neffe Irving, der jüngere Sohn ihrer Schwester Dora. Irving besaß als einziger der jüngeren Generation genügend Hebräischkenntnisse und einen wachen, widerspenstigen Verstand, der auch die weniger Gebildeten zur Diskussion anregte, stets stachelte sein Widerspruch und seine Ironie die Altersgenossen zu Wortgefechten an, denen die Älteren mit Genugtuung und Stolz auf ihre Kinder lauschten.
Wer wird diesmal den Seder leiten, wenn Jerome nicht kommt? fragte Carol.
Marvin natürlich, entgegnete Edna, und aus dem leicht herausfordernden und kaum merklich verächtlichen Tonfall waren noch viele andere Sätze herauszuhören, die alle unausgesprochen blieben, wie etwa, warum sollte er nicht, es ist schli
eßlich auch seine Religion und, ich weiß schon, er hat für Traditionen nichts übrig, und seine Eltern haben es versäumt, ihm eine ordentliche religiöse Erziehung angedeihen zu lassen, er wird sich eben bemühen müssen. Mit Rücksicht auf Carol behielt sie diese Sätze für sich, die auch den Tadel mit eingeschlossen hätten, daß Marvin, wenn er auf Tradition etwas gäbe, sie, Carol, nie geheiratet hätte.
Und wer wird heute die vier Fragen stellen? fragte Carol. Und als Edna schwieg, wußten sie, daß sie beide dasselbe dachten und im gleichen Augenblick eine ähnliche bittere Trauer um ihre Kinder empfanden. Der Seder war ein Drama, ein Schauspiel, in dem die symbolischen Speisen und Handlungen die Requisiten darstellten, die Hagada das Skript und die Familienmitglieder die Schauspieler. Doch wie konnte man sich an einem Schauspiel erfreuen, bei dem die Hauptrollen unbesetzt blieben und das Publikum fehlte?


Edna würde einen Anlaß finden, ihre Geschichten zu erzählen, und wenn sie selber die vier Fragen stellen mußte: Ma nishtana halaila haze mikol haleilot? Warum ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte? Und anstatt sich an den Text der Hagada zu halten, würde sie, als hätte sie ein ganzes Jahr nur darauf gewartet, in dem belehrenden Erzählton fortfahren, den alle, denen sie je Gute-Nacht-Geschichten erzählt hatte, von ihr kannten und von dem sie wußten, daß man sie jetzt nicht unterbrechen durfte: So begännen alle Geschichten, alles, was je erzählt worden sei, nehme mit dieser Frage seinen Anfang, mit dieser Frage seien die alten Rabbiner in ihrer Weisheit dem Geschichtenerzählen auf den Grund gegangen. Mit den Jahren teilten sich die Zuhörer von Ednas eigenmächtiger Auslegung der Pessach-Erzählung in zwei Fraktionen, die darum stritten, ob man ihr das Wort verbieten solle, damit der Fortgang des Seder-Rituals nicht unterbrochen und die Mahlzeit nicht noch mehr hinausgezögert würde, und den anderen, die fanden, das Lesen der Hagada dauere ohnehin sch
on viel zu lang und man solle sie ruhig gewähren lassen, schließlich seien auch Familiengeschichten eine Art Hagada, und die Emigration nach Amerika ein Auszug aus der Alten Welt der Knechtschaft.


Pressestimmen

"Dieses Buch ist ein Juwel!"
EAN: 9783442733491
ISBN: 3442733499
Untertitel: Roman. 'btb'.
Verlag: btb Taschenbuch
Erscheinungsdatum: August 2005
Seitenanzahl: 416 Seiten
Format: kartoniert

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Kundenbewertungen

Walburga Schwanzer - 15.11.2006, 19:33
ein Buch voller faszinierender Gestalten und Schicksale
Anna Mitgutsch porträtiert in diesem farbenfrohen Roman die weitverzweigte jüdische Familie Leandouris, die seit mehreren Generationen in Boston lebt. Den Rahmen des Buches bilden drei Familienfeste. Sie geben den Hauptfiguren Edna, Marvin und Adina Gelegenheit, über ihr Leben nachzudenken. Mitgutsch erzählt fesselnd von Glück und Unglück Einzelner und umreißt gleichzeitig 100 Jahre Geschichte der amerikanischen Juden. Ein bewegendes Epos von der Sehnsucht nach Glück, ein Buch voller faszinierender Gestalten und Schicksale, das den Leser unwiderstehlich in seinen Bann zieht.