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Kulturgeschichte seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen


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April 2005

Beschreibung

Beschreibung

Dies ist weltweit die erste chronologische Darstellung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen von der Antike bis in die Gegenwart. Zugleich ist es eine Kulturgeschichte, in der sich die Ängste und Hoffnungen der Gesellschaften in den verschiedenen Epochen widerspiegeln.
Die Erkenntnis, daß sich neben den körperlichen auch die seelischen Erkrankungen durch Heilkunst beeinflussen lassen, ist schon früh vorhanden. Erste Versuche einer Klassifikation psychischer Störungen stammen aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. Gerhardt Nissen untersucht, wie die Gesellschaften vom Altertum bis heute mit psychisch auffälligen Kindern und Jugendlichen umgegangen sind. Waren die Götter, Dämonen oder Hexen verantwortlich? Oder die Erbsünde? Oder spielten Degeneration oder Onanie eine entscheidende Rolle?
Wir erfahren von den Aussetzungen geistig behinderter Neugeborener im Altertum, von der Tötung mit geistlichem Beistand, von sogenannten Wechselbälgen, die aus der Vereinigung mit dem Teufel entstanden sein sollen, von der Einrichtung der ersten Findel-, Waisen- und Rettungshäuser, von den Anfängen einer eigentlichen Psychopathologie und Psychotherapie für Kinder und Jugendliche im 19. Jahrhundert, von der Euthanasie und den neuesten Entwicklungen der Nachkriegszeit. Es kommen frühe Berichterstatter, später Therapeuten, Ärzte und andere heilende Helfer wie Philosophen, Psychologen, Pädagogen zu Wort, und durch ihre Berichte erfahren wir von den betroffenen Kindern und Jugendlichen selbst.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Einleitung
1. Psyche, Ärzte und Medizin im Altertum
1.1 Einführung
1.2 Naturrecht und Kindesaussetzungen
1.3 Sitz der Seele
2. Dämonenglaube, Exorzismus, Kinderkreuzzüge
5.-15. Jahrhundert
2.1 Einführung
2.2 Dämonenglaube und Exorzismus
2.3 Kinder und Jugendliche als Hexen
2.4 Kinderkreuzzüge und Tanzwut
2.5 Ärzte als Aufklärer
3. Ärzte und Pädagogen als Helfer und Heiler
16.-18. Jahrhundert
3.1 Einführung
3.2 Ärzte als Diagnostiker und Systematiker
3.3 Pädagogen als Theoretiker und Praktiker
3.4 Reformpädagogik als Prävention und Therapie
3.5 Primär hochbegabte Wunderkinder und "Wunderkinder" durch Lerntorturen
4. Psychisch gestörte Kinder in Findel-, Waisen- und Rettungshäusern
16.-19. Jahrhundert
4.1 Einführung
4.2 Säuglinge und Kleinkinder in Findelhäusern
4.3 Kinder und Jugendliche in Waisenhäusern
4.4 Verwahrloste Kinder und Jugendliche in Heimen
4.5 Rettungshäuser für sozialisationsgestörte Kinder und Jugendliche
5. Geistig behinderte Kinder in besonderen Einrichtungen
16.-19. Jahrhundert
5.1 Einführung
5.2 Geistig behinderte Kinder in Asylen und Spitälern
5.3 Das geistig behinderte Wildkind "Victor von Aveyron"
5.4 Geistig behinderte Kinder in physiologisch-therapeutischen Anstalten
5.4.1 Das "Heim für minderbegabte Kinder" in Berlin von Carl Wilhelm Saegert
5.4.2 Der Abendberg,"Heilanstalt für Cretinen und blödsinnige Kinder" in Interlaken
5.4.3 Samuel Gridley Howe errichtete in den USA eine Versuchsschule für schwachbegabte
5.4.4 Die "Anstalt für Schwach- und Blödsinnige" in Leipzig von Karl Ferdinand Kern
5.5 Geistig behinderte Kinder in Erziehungs- und Pflegeanstalten in Deutschland
6. Asyle und Spitäler für seelisch gestörte Kinder und Jugendliche in Europa
Mittelalter - 19. Jahrhundert
6.1 Einführung
6.2 Kinder und Jugendliche in Hôtels,Hospices und Kliniken in Frankreich
6.3 Kinder und Jugendliche in Asylums, Lunacies und Kliniken in Großbritannien
6.4 Kinder und Jugendliche in Heil- und Pflegeanstalten und Kliniken in deutschsprachigen Ländern
6.4.1 Irrenanstalten in Deutschland
6.4.2 Statistische Erhebungen in Heil- und Pflegeanstalten deutschsprachiger Länder
6.4.3 Kinder in Heil- und Pflegeanstalten für Erwachsene
6.4.4 Statistiken über die Belegung der Heil- und Pflegeanstalten mit Kindern
6.4.5 Psychisch kranke Kinder in der Familie
6.4.6 Mißstände in der psychiatrischen Krankenversorgung
7. Psychisch kranke Kinder und Jugendliche im 19. Jahrhundert in Deutschland
19. Jahrhundert
7.1 Einführung
7.2 Die besondere Situation in Deutschland
7.3 Entwicklungspsychiatrische Tendenzen
7.4 Ätiopathogenetische Paradigmenwechsel
8. Der Streit der romantischen und somatischen Psychiater
19. Jahrhundert
8.1 Einführung
8.2 Die romantischen Ärzte
8.3 Die Ärzte der somatischen Schule
9. Entwicklungspsychiatrische Kasuistiken
19. Jahrhundert
9.1 Vom Einzelfall zur Diagnose
9.2 Kasuistiken psychisch kranker Kinder und Jugendlicher
9.2.1 Pränatale Existenz, Neugeborene und Säuglinge
9.2.2 Kleinkind- und Vorschulalter
9.2.3 Schulalter
9.2.4 Pubertät
9.2.5 Jugendalter
10. Psychiater, Pädiater, Pädagogen und Psychologen als Wegbereiter
19. Jahrhundert
10.1 Einführung
10.2 Psychiater
10.2.1 Anfänge einer Psychopathologie
10.2.2 Ansätze zu einer einheitlicheren Nomenklatur
10.2.3 Beginn der ätiopathogenetischen Forschung
10.2.4 Psychosen im Kindes- und Jugendalter
10.3 Pädiater
10.3.1 Einführung
10.3.2 Pädiater als heilpädagogische und psychische Ärzte
10.3.3 Nervöse und hysterische Störungen im Kindesalter
10.3.4 Psychischer Hospitalismus als Ursache der Säuglingssterblichkeit und von Entwicklungsstörungen
10.3.5 Psychasthenische und neuropathische Kinder
10.4 Philosophen, Pädagogen und Psychologen
10.4.1 Pädagogen als Heilpädagogen
10.4.2 Sonder- und Heilerziehung behinderter oder gestörter Kinder
10.4.3 Psychologen als Diagnostiker und Therapeuten
11. Pioniere und Begründer der Entwicklungspsychiatrie
11.1 Einführung
11.2 Psychiater als Gründungsväter
12. Auf dem Weg zur Wissenschaft
12.1 Einleitung
12.2 Pioniere einer Psychopathologie des Kindes- und Jugendalters
13. Neue therapeutische Verfahren
19. und 20. Jahrhundert
13.1 Einleitung
13.2 Psychotherapie durch Hypnose
13.3 Psychoanalyse und Tiefenpsychologie
13.3.1 Psychodynamische Verfahren für Kinder und Jugendliche
13.4 Verhaltenstherapie
13.4.1 Kognitive Verhaltenstherapie
13.4.2 Verhaltenstherapeutische Verfahren für Kinder und Jugendliche
13.5 Andere psychotherapeutisch wirksame Verfahren
13.6 Psychopharmakotherapie
13.6.1 Zur Vorgeschichte psychotroper Substanzen
13.6.2 Psychotrope Arzneimittel für Kinder und Jugendliche
13.6.3 Das hyperkinetische Kind im 19. und 20. Jahrhundert
14. Kinder- und Jugendpsychiatrie im 20. Jahrhundert
20. Jahrhundert
14.1 Einleitung
14.2 Kinder- und Jugendpsychiatrie in Europa
14.3 Kinder- und Jugendpsychiatrie in den USA
14.4 Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus
14.4.1 Kinder und Jugendliche in der "Hitler-Jugend"
14.4.2 Die T-4 Aktion ("Kindereuthanasie")
14.5 Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg
14.5.1 Wegweisende Kinder- und Jugendpsychiater
14.5.2 Ambulanzen, Polikliniken, Erziehungsberatungsstellen
14.5.3 Stationen, Abteilungen, Kliniken
14.5.4 Das Fachgebiet Kinder- und Jugendpsychiatrie
14.5.5 Alte und neue Klassifikationen
15. Ausblick und Rückblick
Literaturverzeichnis
Personenregister
Sachregister
Abbildungsnachweis

Portrait

Gerhardt Nissen, Dr. med., Professor und emeritierter Direktor der ersten bayerischen Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Würzburg. Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, für Psychiatrie und Neurologie, für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalyse. Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde und Gründer des Psychotherapeutischen Kollegs in Würzburg.

Leseprobe

3. Ärzte und Pädagogen als Helfer und Heiler
16.-18. Jahrhundert

3.1 Einführung

Im Spätmittelalter und in der beginnenden Neuzeit wurde das weithin brachliegende Feld der Versorgung und Behandlung psychisch gestörter Kinder gleichzeitig weiterhin von Ärzten, mit zunehmender Häufigkeit aber auch von Nichtärzten bestellt. Es handelte sich dabei einerseits um Philosophen und Pädagogen, die durch praktische Erfahrungen theoretische Erkenntnisse für eine "heilende Erziehung" gewonnen hatten, und andererseits um Heilpädagogen, die Internate für gesunde und gestörte Kinder gründeten und mit theoretischen Schriften an die Öffentlichkeit traten. Zu den pädagogischen Autodidakten und Philosophen gehörten Montaigne, Comenius, Rousseau, Kant, Pestalozzi, Fröbel. Dabei ist es aus entwicklungs- wie aus tiefenpsychologischer Sicht sicher nicht ohne Bedeutung, daß das persönliche Schicksal von Comenius, Rousseau, Pestalozzi und Fröbel durch frühe Verluste ihrer Mütter oder Väter geprägt war: Comenius verlor als Kind beide Eltern, Rousseau und Fröbel als Kinder ihre Mütter und Pestalozzi seinen Vater bald nach seiner Geburt. Bemerkenswert erscheint auch, daß entwicklungspsychologisch orientierte Ärzte vorher oder nachher häufig eine zusätzliche philosophische Ausbildung absolviert hatten, während viele heilpädagogische Nichtärzte sich während ihrer beruflichen Tätigkeit ein ergänzendes medizinisches Wissen erwarben. Beide Berufsgruppen sind aus heutiger Sicht sowohl Pioniere einer sich danach allmählich etablierenden Kinder- und Jugendlichenpsychologie als auch der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Der französische Arzt Nicholas Andry (1658-1742), Begründer der "Orthopädie", forderte Korrekturen nicht nur für körperliche, sondern auch für seelische Haltungsschäden.

Im wesentlichen sind für diese Zeit drei Schwerpunkte zu erörtern, die für die psychisch gestörten Kinder und Jugendlichen von Bedeutung sind: 1. d
as Fortbestehen des Hexenund Dämonenglaubens mit einem Höhepunkt der Hinrichtungen im 17. Jahrhundert und die gleichzeitig zunehmenden Zweifel an der Existenz böser Geister, 2. frühe entwicklungspsychologische Konzepte, pragmatisch entwickelt von pädagogisch arbeitenden Ärzten, Erziehern und Therapeuten, die sich teilweise auf antike Texte stützten, und 3. die Einrichtung von heilpädagogischen Heimen und philanthropischen Internaten.

3.2 Ärzte als Diagnostiker und Systematiker

John Locke forderte als Entwicklungspsychologe kindgerechte Erziehungsmethoden
Ein neuer Abschnitt nicht nur für die Medizin, sondern speziell für die Psychologie und Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters begann mit John Locke (1632-1704), auf den sich später immer wieder führende Pädagogen und Heilpädagogen beriefen. Locke hatte Medizin und Chemie studiert, bevor er sich der Philosophie zuwandte. Zwischen 1667 und 1675 lebte er als Arzt und Erzieher in der Familie seines Freundes, dem einflußreichen Lord Shaftesbury. Vorübergehend war er als Diplomat in Brandenburg tätig, später hielt er sich längere Zeit in Frankreich und in Holland auf.

Locke war Begründer des philosophischen Empirismus ("Nicht ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war"). Er kann mit seinen Büchern "An essay concerning human understanding" (1690) und "Some thoughts concerning education" (1683) auch als Begründer der modernen Entwicklungspsychologie, die wiederum für die Entwicklungspsychopathologie von großer Bedeutung war, angesehen werden. Er forderte eine "kindgerechte Erziehung" und Förderung bestehender erblicher Anlagen. Die moralische Erziehung solle sich nicht nach Regeln und Strafen, sondern nach dem Beispiel der Eltern richten. Die Grundlage der seelischen Entwicklung sah er (er greift damit einen Gedanken Platons auf) in einer tabula rasa, einer fiktiven Wachstafel, auf die sich frühe Erfahrungen einprägen. Diese seien zwar nicht allein für die Entwicklung eines Kind
es entscheidend, würden jedoch das spätere Leben wesentlich mitbestimmen. Nach seinem heuristischen Konzept, das große Übereinstimmungen mit modernen Erkenntnissen aufweist, muß man sich die Wachsschicht jedoch nicht als homogen, sondern in einer darunterliegenden Schicht vorstrukturiert vorstellen. Es gibt sowohl relativ oberflächliche Strukturierungen, die sich leicht verändern lassen, als auch andere, die sich allen Korrekturversuchen widersetzen. Wenn Wünsche und Forderungen der Eltern mit den vorgegebenen Strukturmerkmalen übereinstimmen, ist ein hoher Fixierungsgrad vorgegeben.Handelt es sich dagegen um nicht strukturell vorgegebene Prägungsversuche, bleiben pädagogische Intentionen wirkungslos, weil sie nicht "erkannt" werden.

Lockes philosophische Grundsätze beein- flußten nicht nur maßgeblich die Pädagogik, die Pychologie und die Heilpädagogik, sondern in- direkt auch die spätere Psychiatrie des Kindesund Jugendalters und alle maßgeblichen Schulen der Psychotherapie.

In der Seele sah Georg Ernst Stahl das dominierende Entwicklungsprinzip
Der deutsche Arzt und Chemiker Georg Ernst Stahl (1659-1734) hinterließ ein fast unüberschaubares Werk. Er studierte zunächst Philosophie, dann Medizin in Jena, wo er auch promoviert wurde und sich habilitierte. Er ist der Begründer der Phlogistontheorie. 1694 erhielt er in Halle eine Professur für Theoretische Medizin. 1715 wurde er zum Leibarzt des preußischen Königs berufen und war gleichzeitig für das preußische Medizinalwesen zuständig.

Stahl war der führende Vertreter des Animismus. Er sah in der Seele das dominierende Prinzip des Lebens und behauptete, daß "alle Wirkungen des Körpers von der Herrschaft und Wirksamkeit der Seele abhängen". Er räumte den Gemütsbewegungen und Affekten (Zorn, Ekel, Schreck u.a.) große Bedeutung für Gesundheit und Krankheit ein und sah in den Leidenschaften die entscheidenden krankheitsverursachenden Wirkungen. Die seelische Entwicklung stehe in engem Zus
ammenhang mit den Temperamenten und mit der Erziehung. Schon zur Erhaltung des Normalzustandes des Organismus sei eine "perpetua therapia interna" erforderlich. Stahl war vier Jahre in den Franckeschen Anstalten in Halle tätig und betreute (Huppmann 2000) die Kinder des Franckeschen Waisenhauses. In der Nachfolge von Stahl wurden noch Ende des 18. Jahrhunderts Todesfälle bei Kindern darauf zurückgeführt, daß die Mutter oder die Amme das Kind im Zorn gestillt habe.Auch Hirnstörungen wurden so erklärt. Niels Rosén von Rosenstein (1706-1773) erwähnte eine früh erlebte Furcht als Ursache des Erbrechens (Oehme 1988).

In "System einer vollständigen medizinischen Polizey" forderte Johann Peter Frank grundlegende Reformen
In seinem Werk "System einer vollständigen medizinischen Polizey" (1779-1821) erhob der aus der Pfalz stammende Johann Peter Frank (1745-1821), Professor in Wien und Begründer der Sozialhygiene als Wissenschaft, die strenge Forderung nach Erziehung und Bildung schwachsinniger Kinder. Frank studierte, wie zahlreiche Ärzte dieser Zeit auch, zunächst Philosophie und erst danach Medizin. Schon in seiner Promotionsarbeit "De cunis infantum" beschäftigte er sich mit kranken Kindern. Als Stadtphysikus in Bruchsal richtete er eine Hebammenlehranstalt ein. 1784 erhielt er einen Lehrstuhl in Göttingen. 1787 in Pavia zum Generaldirektor des Medizinalwesens in der Lombardei ernannt, erregte er mit einer Rede über "Das Elend als Mutter der Krankheiten" großes Aufsehen. 1795 sprach er sich als Leiter des Allgemeinen Krankenhauses in Wien gegen den Zölibat der Priester und für die Taufe unehelicher Kinder aus, was zu anhaltenden Auseinandersetzungen führte.Nach einem längeren Aufenthalt in Rußland kehrte er 1808 nach Wien zurück und reorganisierte ab 1809 das Wiener Allgemeine Krankenhaus.

Johann Peter Frank, der Begründer der Sozialhygiene als Wissenschaft.

In seinem sechsbändigen Werk "System einer vollständigen medicinischen Polizey" f
orderte er umfassenden Schutz für Schwangere und Kinder, propagierte das Selbststillen der Mütter, sprach sich für die Beseitigung von Mißständen in Waisenhäusern, Findelanstalten und Heimen aus und wies auf die Folgen der schweren Kinderarbeit auf dem Lande hin. Er warnte vor schulischer Überforderung und setzte sich für eine Förderung schwachsinniger Kinder ein. Er behandelte psychisch gestörte Menschen als Kranke und konnte durch seine in Wien veranlaßten hygienischen Reformen viele Erleichterungen für die inhuman behandelten Patienten erzielen.

Franz Anton Mesmer erkannte milieureaktive Störungen als Ursachen psychischer Erkrankungen
Auch Franz Anton Mesmer (1734-1815) studierte zunächst Theologie und Philosophie, bevor er 1760 mit dem Medizinstudium begann. Sein Interesse war, wie seine ,,Dissertatio physico- medica de planetarum influxu" zeigte, von Anfang an auf psychogene Störungen und ihre Behandlung gerichtet. Als in Wien niedergelassener Arzt behandelte er 1774 eine junge Patientin erfolgreich mit einem Magneten. Er schrieb die Heilung einem von ihm entdeckten "thierischen Magnetismus" zu. Er glaubte schließlich, daß er allein durch seine Anwesenheit Symptome bessern könne. Trotz weiterer günstiger Behandlungsergebnisse in Ungarn konnte er sich mit seiner "Fluidum- Therapie" unter seinen medizinischen Kollegen in Wien nicht durchsetzen. Er ging für einige Zeit nach Deutschland, kehrte jedoch, durch seine Berufung an die "Bayerische Akademie der Wissenschaften" gestärkt, wieder nach Wien zurück.

Franz Anton Mesmer geriet mit seiner Behandlungsmethode, der "Fluidum-Therapie" mit einem Magneten, ins Zwielicht.

Während der Behandlung einer seit dem dritten Lebensjahr blinden 18jährigen Musikerin kam es zu einem Eklat. Die stadtbekannte, am Kaiserhofmusizierende junge Frau behauptete nach einigen magnetischen Sitzungen,wieder sehen zu können. Mesmer geriet dadurch ins Zwielicht, daß sich der von ihm selbst verkündete dramatisch
e Behandlungserfolg als unzutreffend erwies, und verließ Wien. In Paris (1778) kam es bald zu erneuten und schweren Konflikten. Er verkehrte in höchsten Gesellschaftskreisen, forderte hohe Honorare und suchte nachdrücklich nach wissenschaftlicher Anerkennung. Eine vom französischen König eingesetzte Untersuchungskommission kam jedoch zu dem Ergebnis, daß es keinen Beweis für einen "fluidalen Magnetismus" gebe und daß Mesmers Heilungserfolge auf "Einbildung" zurückzuführen seien.

Mit dem Marquis de Puységur begann die Geschichte der Hypnose
Aber erst mit einem Schüler Mesmers, mit dem Marquis de Puységur (1751-1825), begann die eigentliche Geschichte der Hypnose, den er als "künstlichen Somnambulismus" bezeichnete. Weitere wichtige Promotoren der Hypnose waren Johann Joseph Gassner (1727-1779) und Maximilian Hell (1720-1792). James Braid (1795-1860) gelangte zu der heute noch gültigen Einsicht, daß neben den Fähigkeiten des Hypnotiseurs die Begabung des Patienten zu einer "Konzentration der Aufmerksamkeit und Erhöhung der Einbildungskraft" für eine gelungene Hypnose ausschlaggebend sei. Während Jean Martin Charcot glaubte, daß nur hysterische Patienten hypnotisiert werden könnten, vertraten und belegten Ambroise A. Liébeault (1823-1904) und Hippolyte-Marie Bernheim (1837-1919), die Begründer der Schule von Nancy, die noch heute gültige Ansicht, daß im Prinzip jeder Mensch, der damit einverstanden ist, hypnotisiert werden kann.

Thomas Sydenham beschrieb die Chorea minor
Thomas Sydenham (1624-1663) erkannte 1686 die Chorea minor als eine Krankheitseinheit. Die Chorea St.Viti sei ein Krampfzustand, der besonders bei Kindern auftrete. Häufig beginne die Chorea mit einer motorischen Unruhe, die von der Umgebung nicht als Krankheit, sondern als Unart aufgefaßt werde. Erst mit dem Voranschreiten der Störung werde die unbeeinflußbare Schwere der Erkrankung erkannt. "Bevor der Kranke eine Tasse zu den Lippen zu erheben vermag, führt er viele Gestik
ulationen aus und dreht die Tasse hin und her, bis sie schließlich, sich den Lippen zufällig nähernd, die Flüssigkeit plötzlich in den Mund gießt.Nun trinkt der Kranke gierig, gleich als ob er durch seine Mühe den Zuschauer belustigen wollte." (zit. nach Peiper 1971)

Bossier de Sauvages entwarf eine neue Systematik der psychischen Krankheiten
Der Arzt und Botaniker François Bossier de Lacroix, bekannt unter dem Namen Sauvages (1706-1767), publizierte 1731 eine neue Nosologie "Traité des classes des maladies" (2. Aufl. 1763), in der er in der Nachfolge des früh verstorbenen Sydenham eine systematische Ordnung der Krankheiten in zehn Klassen herzustellen versuchte, die über längere Zeit gültig blieb.

Kapitel 8 dieses Werks umfaßte
psychische Störungen wie: Vertigo (Schwindel), Berlue (Augenflimmern), Diplopie (Doppeltsehen), Tintouin (Ohrensausen), Hypochondriasis,Somnambulismus;Störungen des Trieb- und Gefühlslebens: Pica (abnorme Gelüste), Gefräßigkeit, Polydipsie (Trunksucht), Antipathie (heute: "Phobien"), Nostalgie (Heimweh), Panphobia (generalisierte Angst), Satyriasis (krankhaft übersteigerter männlicher Geschlechtstrieb), Nymphomanie (übersteigerter weiblicher Geschlechtstrieb), Tarantismus (Tanzwut), Hydrophobie (Tollwut);Störungen der Intelligenz: Paraphrosyne (toxisches oder symptomatisches Delirium), Dementia oder Amentia, Mania, Dämonomanie (!);Folies irrégulières:Amnesie, Insomnia;Melancholie, untergliedert in: gewöhnliche Melancholie, Erotomanie (Liebeskrankheit), religiöse Melancholie, eingebildete Melancholie (wie Hypochondriasis, ohne physische Grundlage), extravagante Melancholie, Melancholia atonita (Erstarrung; Patient bleibt schweigsam und unbeweglich), vagabundierende Melancholie (intensives Bedürfnis nach Bewegung),Tanzmelancholie (Choreomanie), hippanthropische Melancholie (Wahnvorstellung, in ein Pferd verwandelt zu sein), skythische Melancholie (Wahnvorstellung, in eine Frau verwandelt zu sein),Melancholia anglic
a (oder auch Taedium vitae, Todeswunsch), zooanthropische Melancholie (Wahnvorstellung, in ein Tier verwandelt zu sein), enthusiastische Melancholie (Glaube, göttlich inspiriert zu sein), sorgenvolle Melancholie.

In der vierten Klasse wurden Krämpfe unterschiedlicher Herkunft und Ausprägung und in der sechsten Klasse unter Coma: Katalepsie, Ekstase, Typhomanie, Lethargie, Schläfrigkeit, Carus und Apoplexie aufgeführt. Die psychiatrischen Erkrankungen wurden in vier Ordnungen gegliedert, von denen hier nur die berücksichtigt werden, die auch einen Bezug zum Kindes- und Jugendalter aufweisen. Unter den überwiegend neurologisch bedingten Sinnesstörungen wurden der Somnambulismus und die Hypochondrie angeführt. Bei den Störungen des Trieb- und Gefühlslebens fanden sich neben der Pica (abnorme Gelüste), Gefräßigkeit (Hyperappetenz-Adipositas) die "Phobien" und einige Paraphilien und Wünsche nach Geschlechtsumwandlungen, wie sie in seltenen Fällen auch heute bei Kindern und Jugendlichen vorkommen. Bemerkenswert ist, daß auch hier die Dämonomanie noch als Erkrankungsursache angeführt wurde. Zu den 14 Varianten der Melancholie ist anzumerken, daß seit dem Altertum unter diesem Begriff zeitweise fast alle emotionalen Störungen zusammengefaßt wurden. Wie schon in vorangehenden Klassifikationen, wurde auch in dieser die "Erotomanie" (Liebeskrankheit) ebenso angeführt wie die "extravagante Melancholie" (die als modische Schwermut in der Zeit der Romantik gehäuft auftrat). Die "hippanthropische Melancholie" (Wahnvorstellung, in ein Pferd verwandelt zu sein) trat, nachdem in Frankreich Pferde inzwischen häufiger als Wölfe vorkamen, an die Stelle der antiken Wahnvorstellung der "Lykanthropie" (Angst, in einen Wolf verwandelt zu werden), ein frühes Beispiel für die These, daß die Inhalte einer psychischen Störung von der Umwelt, ihre Erscheinungsformen jedoch von der jeweiligen Persönlichkeitsstörung abhängen.

Der Botaniker und Kinderarzt Carl von Linné beschrieb
schädigende Verhaltensfehler der Eltern
Der Schöpfer der berühmten botanischen Systematik, Carl von Linné (1707-1778), war ein Bewunderer der Sauvageschen Klassifikation und stellte in dessen wissenschaftlicher Nachfolge umfangreiche deskriptive "Genera Morborum" auf. Linné war auch Arzt,"Kinderarzt" (Tramer 1960), und beschrieb schädliche Folgen bei Kindern durch stillende Mütter, die in dieser Zeit Alkohol zu sich nehmen. Dadurch könnten epileptische Anfälle bei den Kindern ausgelöst werden, außerdem machte er den Alkohol in der Muttermilch für den Zwergwuchs verantwortlich.

William Cullen definierte die Neurose als eine somatisch bedingte Störung
Der schottische Arzt William Cullen (1712 bis 1790), auch Physiker und Chemiker, ein Anhän- ger der Lehre John Lockes, erhielt 1766 einen Ruf an den Lehrstuhl für theoretische Medizin; im Jahr 1773 wurde er Professor für Physik. 1777 veröffentlichte er ein Lehrbuch "First Lines of the Practice of Physics" mit einer eigenen Nosographie, in dem er geistige Störungen als körperliche Erkrankungen beschrieb. Cullen gilt als Namensgeber und Erstbeschreiber der Neurose. Ihr Ursprung liege vermutlich im Nervensystem und werde durch Funktionsstörungen verursacht, ohne daß man in den anatomischen Teilstrukturen Veränderungen feststellen könne: "Ich will aber hier unter dem Namen der Nervenkrankheiten (Nevroses) alle diejenigen widernatürlichen Zufälle der Empfindung und Bewegung,bey denen kein Fieber, wenigstens als ein Theil der ersten und Haupt-Krankheit vorhanden ist, sowie auch alle diejenigen Krankheiten begreifen, welche von keinem topischen widernatürlichen Zustande der Werkzeuge, sondern von einer mehr allgemeinen widernatürlichen Beschaffenheit des Nervensystems und derjenigen Kräfte herrühren, von welchen die Empfindungen und Bewegungen vorzüglicher Weise und besonders abhängen." Damit schloß er nur die entzündlichen und lokalisierten Erkrankungen aus. "In dieser Rücksicht mache ich eine besondere Clas
se von Krankheiten, die ich mit dem Namen der Nervenkrankheiten oder Nervenübel (Nevroses, Morbi nervosi) belege." Bekanntlich bezeichnete Sigmund Freud (1905) als Psychoneurose ein störendes psychisches Syndrom, das durch einen unzureichend bearbeiteten unbewußten Konflikt entstanden sei und nicht durch "hirnorganische Veränderungen oder überwiegend krankhafte Erbanlagen" hervorgerufen werde.

EAN: 9783608941043
ISBN: 3608941045
Untertitel: 40 Abbildungen.
Verlag: Klett-Cotta Verlag
Erscheinungsdatum: April 2005
Seitenanzahl: 575 Seiten
Format: gebunden
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