EBOOK

Völkerball


€ 17,90
 
gebunden
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September 2005

Beschreibung

Beschreibung

Eva und Jeff, das Traumpaar, der intellektuelle Lehrer Tom, Skippy, Frauenarzt und Klassenkasperl, und die unattraktive, aber sympathische Innenarchitektin Hujerová sind alte Freunde. Einst haben sie an einem Prager Gymnasium gemeinsam die Schulbank gedrückt, jetzt sind sie alle um die vierzig, doch sind sie auch weiter gekommen auf ihrer Suche nach dem Glück? In seinem neuen Roman inszeniert Michal Viewegh atemberaubende tragikomische Minidramen und erzählt die Geschichte einer Generation, die erkennt: Nicht das System schießt die Menschen aus dem Spiel und aus ihren Lebensträumen, sondern das tun sie selbst.

Portrait

Michal Viewegh, geboren 1962 in Prag, arbeitete nach einem abgebrochenen Wirtschaftsstudium als Nachtwächter und studierte anschließend Tschechisch und Pädagogik. Er lebt heute als freier Schriftsteller in Prag, wo er ein Bestsellerautor ist. Bei Deuticke erschienen bisher: Erziehung von Mädchen in Böhmen (1998), Die Liebe eines Vaters (1999), Roman für Frauen (2002), Geschichten über Sex und Ehe (2004), Völkerball (2005), Der Fall untreue Klára (2007), Engel des letzten Tages (2010), Zeitweiliger Orientierungsverlust (2011) und Die Mafia in Prag (2014).

Leseprobe

TOM
Mit Zwanzig kann es ganz nett sein, sich die Wohnung mit zwei Gleichaltrigen zu teilen; mit Einundvierzig ist es nicht mehr so lustig.
Manchmal werden Sie nachts vom beginnenden Kater geweckt. Sie wollen den Brand löschen, klettern aus dem Bett und trinken im Badezimmer das gechlorte Wasser direkt aus dem Wasserhahn, weil es keinen Sinn hätte, im Kühlschrank nach Bier oder Mineralwasser zu suchen. Weil Sie zu faul sind, im Dunkeln nach den Pantoffeln zu tasten, bleiben Ihnen an den nackten Fußsohlen hartgewordene Brotkrümel, Paprikachips, abgeschnittene Fußnägel von Skippy, plattgetretene Oliven in Knoblauchsauce und Weiß-Gott-was-noch kleben. Im nächsten Moment rutschen Sie auf den Eurotel-Prospekten aus, die verstreut auf dem Fußboden liegen. (Skippy kauft sich dreimal im Jahr ein neues Handy und einmal im Monat wechselt er die Tarife. Er zählt ständig seine Freiminuten, obwohl er kaum jemand kennt, den er anrufen könnte. Genauso wie ich - mit Freiminuten könnten Skippy und ich ohne Probleme die ganze Wohnung tapezieren.) Aus Eins und Drei ertönt das Schnarchen der beiden Mitbewohner. Nur ein weißes Blatt Papier mit der letzten vergeblichen Putzplanaufstellung leuchtet matt von der Korkpinnwand in den dunklen Flur hinein. Leise machen Sie die Badezimmertür auf, Ihre Hand ertastet die Gummivagina, die Skippy vor zwei Jahren an einem regnerischen Wochenende statt des Lichtschalters installiert hat, Sie schließen die Augen und knipsen das Licht an. Langsam öffnen Sie sie wieder: Am Rande des unglaublich dreckigen Waschbeckens liegen drei Rasierapparate. Der Spiegel darüber ist mit soviel Zahnpasta bekleckert, dass er allmählich wie ein schlechtes abstraktes Gemälde aussieht. Sie drehen den Wasserhahn auf, lassen das Wasser laufen und untersuchen im Spiegel die eigenen Augenringe und Stirnfalten. Das Wasser gluckert im Abflussrohr: In der Stille der nächtlichen Wohnung klingt es viel bedeutender als am helllichten Tag. Wie eine kodierte Nachricht: Geht so,
was? Und das ist erst der Anfang, Freundchen.
Ganz neu ist die Botschaft nicht. Vielleicht nicken Sie sogar mit dem Kopf, drehen den Wasserhahn ab und gehen zurück ins Bett. In das eigene Zimmer mit der Nummer Zwei.
EVA
Nach der Scheidung ist sie alleine geblieben.
Damals behaupteten alle, mit Neunundzwanzig und ihrem Aussehen (wie sie diese Worte hasste) fände sie problemlos einen Neuen. Sie sucht aber eigentlich keinen. Einladungen zum Kaffeetrinken oder ins Theater nimmt sie schon an - bloß daraus entwickelt sich nie etwas. Meistens kommt es ihr gleich von Anfang an irgendwie... gezwungen vor. Die Männer sind sehr bemüht, das ist wohl der Fehler. Sie lächelt, beobachtet ihre teuren Krawatten und hört sich eine lustige Geschichte nach der anderen an (Jeff sagt immer, ihr mangelnder Sinn für Humor käme fast einer mentalen Behinderung gleich) und freut sich insgeheim darauf, wie sie nach Hause kommt, Wasser in die Badewanne einlaufen lässt, Mandarinenbadeschaum dazu gibt und sich die neue CD von U2 anhört. Ist das denn so schwer zu verstehen? Die meisten ihrer Freundinnen (geschweige denn Evas Mutter) verstehen es nicht.
Bloß sie kommt nicht dagegen an. Als ob ihre Schönheit die Männer von vornherein ganz schwach machen würde. Eva benutzt das Wort Schönheit mit der gleichen Sachlichkeit, mit der die Reichen über Geld reden - armen Leuten kommt das natürlich eingebildet vor. Aber so ist es nicht. Sie ist nicht eingebildet und Komplimente findet sie eher ärgerlich. Warum um Gotteswillen setzt dieser Mensch ein Gesicht auf, als ob er gerade Amerika entdeckt hätte? Ja, sie ist schön, das weiß sie schon lange - und weiter?
Sie weiß nicht, wie sie es erklären soll. Viele der Männer, die ihr seit der Scheidung Hof machen, bringen allerlei romantische Gesten zustande: Sie schenken ihr Diamantringe, die sie dankend zurück gibt; sie kaufen ihr Flugtickets nach London, die dann aufwendig storniert werden müssen; sie legen ihr das gesamte Leben (in
klusive Ehefrau und Kinder) zu Füßen. Sie tun, als ob sie im Begriff wären, alle Brücken hinter sich abzubrechen - vermutlich gehen sie davon aus, dass nur derjenige gewinnt, der das größte Opfer bringt. Manchmal fühlt sie sich wie ein leerstehendes Luxusappartement: Der Höchstbietende kriegt den Zuschlag.
Alles ist so vorausschaubar. Am Anfang quellen sie über vor lauter Selbstbewusstsein, aber wenn sie merken, dass sich an Evas Zurückhaltung kaum etwas ändert, schrumpft die Luftblase plötzlich zusammen. Sie fangen an, Eva wie eine Vorgesetzte zu behandeln, bekommen Angst vor ihr. Sie vergewissern sich nur noch, ob ihr das Essen auch wirklich schmecke, ob alles in Ordnung sei und womit sie ihr noch eine weitere Freude machen können. Sie würden alles tun. Sogar vor ihr auf die Knie fallen. Kann ihr ein solcher Mann imponieren? Es ist so ermüdend. Und lächerlich. Vielleicht hat es Skippy am besten auf den Punkt gebracht: Wir alle haben Schiss vor dir. Sie selbst würde es nie so formulieren (solche Ausdrücke benutzt sie nie), aber es ist etwas daran. Wird denn nie jemand kommen, der vor ihr keinen... Schiss hat?
Ihre Traumbeziehung stellt sie sich ganz anders vor. "Glaubst du, das Leben ist ein Film?", schrie Jeff sie vor der Scheidung an, ganz außer sich vor Wut. Manchmal hat sie einen Traum: Es klingelt und sie öffnet im Morgenmantel die Tür. Draußen steht ein unbekannter Mann; er begrüßt sie mit den Augen. Sie tritt zur Seite, er kommt herein und hilft ihr packen. Sie öffnet die Schränke, holt Kleiderbügel mit Kleidern heraus und er legt sie in die Koffer. Keiner von ihnen sagt etwas. Ihre Tochter Alice schaut sie fragend an, aber Eva bedeutet ihr, alles sei in bester Ordnung. Der Mann schließt die Koffer, greift nach dem größeren und nimmt Alice an die Hand. Eva trägt den zweiten Koffer. Ohne Eile gehen sie zum Auto hinunter und der Mann fährt sie in sein Haus...
Das lässt sich alles so schwer erklären. Das ist alles eine Frage der Kommunikation, sa
gte Jeff immer.
"Rede mit mir! Kommuniziere! Wie soll ich denn auf deine geheimnisvollen weiblichen Gefühle achten, wenn du nicht mal willens bist, sie mir zu beschreiben? Wer soll sich verdammt noch mal in dir auskennen?"
Alice wirft Eva vor, dass sie morgens immer mehr Zeit im Badezimmer verbringt. Vielleicht stimmt das auch, Eva schaut nicht auf die Uhr. Die Liste der verschiedensten kosmetischen Mängel, die jeden Morgen zu behandeln oder zumindest abzudecken sind, nimmt nach Vierzig mit einer solchen Geschwindigkeit zu, dass es Eva langsam beunruhigt. Mit Achtzehn brauchte sie für die Morgentoilette nicht einmal fünf Minuten: Sie putzte die Zähne, spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und benutzte die erstbeste Creme, die auf dem Waschbecken lag, dann bürstete sie nur noch kurz die Haare - und den ganzen Tag lang erzählten alle, wie schön sie war. Wenn sie am Samstag morgen zum gemeinsamen Frühstück in die Küche kam, leuchtete Vaters Gesicht jedes Mal vor stolzer Freude auf. Manchmal fand es Eva der Mama gegenüber richtig taktlos. Ab und zu legte Vater sogar die Zeitung zur Seite und schaute Eva zu, wie sie die Küchenmaschine zusammenschraubte, um sich aus drei gelbgrünen kubanischen Apfelsinnen einen frisch gepressten Saft zu machen.
"Kaum zu glauben, dass wir etwas dermaßen Schönes in diesem schmuddeligen Bungalow auf der Makarská gezeugt haben, nicht wahr, Alenka?", sagte er immer.
Dann erhob er sich, schob die Tochter sanft zur Seite und baute die Orangenpresse selbst auf.
"Ja, kaum zu fassen." Evas Mutter lächelte.
"So schmuddelig war es dort auch wieder nicht," flüsterte sie Eva zu. "Das denkt sich Papa nur aus..."
Eva hat das Gefühl, als ob sich das Ganze erst gestern abgespielt hätte. Heute verbringt sie im Badezimmer eine volle Stunde und kaum hat sie die Küche betreten, sagt Alice zu ihr, sie sollte sich unbedingt die Zähne weißen lassen und gegen Augenringe helfe grüner Beuteltee am besten.
"Und wenn du dir wi
rklich vorgenommen hast, auf jegliche Frisur zu pfeif

EAN: 9783552060210
ISBN: 3552060219
Untertitel: Originaltitel: Vybijena.
Verlag: Zsolnay-Verlag
Erscheinungsdatum: September 2005
Seitenanzahl: 240 Seiten
Übersetzer/Sprecher: Übersetzt von Eva Profousová
Format: gebunden
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