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Untertan, Volksgenosse, Sozialistische Persönlichkeit


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November 2005

Beschreibung

Beschreibung

Das Deutsche Kaiserreich, der NS-Staat und die DDR als nicht-demokratische Systeme kämpften um die Zustimmung ihrer Bürger, und das schon von der Wiege an. Sabine Dengel zeigt, wie der "Erziehungsstaat " in allen drei Systemen im Rahmen der schulischen, universitären und militärischen Erziehung, der staatlichen Symbolpolitik sowie der staatlichen Familienpolitik seine Instrumente zur politischen Beeinflussung erweiterte und verfeinerte. Dass dabei zum Teil beachtliche "Erfolge" erzielt wurden, lag auch daran, dass die intellektuellen Milieus dem jeweils nur wenig entgegensetzten.

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 1.1 Forschungsprojekt und Intention 1.1.1 Politische Erziehung in Deutschland 1.1.2 Die theoretische Konzeption des Forschungsprojektes 1.1.2.1 Intentionalismus und Strukturalismus 1.1.2.2 Politische Kultur und Zielkulturanalyse 1.1.2.3 Das Konzept der politischen Sozialisation 1.1.2.4 Das Konzept der politischen Tradition 1.1.2.5 Das Totalitarismuskonzept 1.1.2.6 Politische Religionen 1.1.2.7 Moderne Diktaturen 1.2 Aufbau der Studie 1.3 Forschungsleitende Annahmen und Hypothesen 1.3.1 Generelle Annahmen und Hypothesen 1.3.2 Spezifische Annahmen und Hypothesen 1.4 Operationalisierung der wissenschaftlichen Zielsetzung 2. Das Profil der politischen Zielkulturen des Deutschen Kaiserreichs, des NS-Staates und der DDR 2.1 Die Ziele der politischen Zielkultur: systemfunktionale Persönlichkeitstypen 2.1.1 Der Untertan als apolitische Persönlichkeit im Kaiserreich 2.1.2 Die Führerpersönlichkeiten und die Masse der Volksgenossen 2.1.3 Die zielkulturell existierende sozialistische Persönlichkeit in der DDR 3. Die intentionale Dimension der politischen Erziehung 3.1. Politische Erziehung in Schule und Hochschule 3.1.1 Schulen und Hochschulen im Deutschen Kaiserreich: Untertanenfabriken oder Motoren der Moderne? 3.1.2 Schule und Hochschule als Instrumente eines antiintellektuellen Zielkonzeptes im Nationalsozialismus 3.1.3 Die Einheit von Erziehung und Bildung in den Schulen und Hochschulen des deutschen Sozialismus 3.2 Politische Erziehung im Militär 3.2.1 Im Frieden den Krieg lehren: Militärische Erziehung und soziale Leitbilder im Deutschen Kaiserreich 3.2.2 Militär und Parteiarmee im NS-Staat 3.2.3 Die militärische Erziehung der sozialistischen Soldatenpersönlichkeit in der Schule des Sozialismus 3.3 Symbolische Erziehung durch staatliche Selbstpräsentation 3.3.1 Die Baukunst als Staatsaufgabe im Kulturstaat 3.3.2 Die ästhetische Konstruktion der Wirklichkeit im Nationalsozialismus 3.3.3 Die symbolische und räumliche Organisation der sozialistischen Lebensweise 4. Die strukturelle Dimension der politischen Erziehung 4.1 Familienpolitik als Element der staatlichen Erziehungspolitik 4.1.1 Von der aufgeklärten Vertragsehe zur romantischsittlichen Liebesehe: Resakralisierung und Autonomisierung der Familie im Deutschen Kaiserreich 4.1.2 Die Familie als Reproduzentin der Rasse und des Volkes im NS-Staat 4.1.3 Familiale politische Sozialisation als gesellschaftlicher Auftrag und staatsbürgerliche Pflicht in der DDR 4.2 Die staatliche Organisation des Bildungssystems 4.2.1 Das Bildungssystem des Kaiserreichs im Zeichen pluralistischer Konkurrenzkämpfe 4.2.2 Das nationalsozialistische Bildungssystem zwischen Zentralisierung und struktureller Fragmentierung 4.2.3 Die einheitliche Organisation der Rahmenbedingungen zur allseitigen Bildung der sozialistischen Persönlichkeit 5. Die staatliche Organisation der politischen Erziehung in Feldern der gesellschaftlichen Kulturproduktion: das Beispiel bildende Kunst 5.1 Die bildende Kunst des Kaiserreichs im Zeichen der Menschheitsdämmerung 5.2 Kunst im einen und im anderen Deutschland 1933 - 1945 5.3 Vom Sozialistischen Realismus zur Kunst im Sozialismus 6. Der Erziehungsstaat und die Intellektuellen: Konkurrierende Leitbilder? 6.1 Die Intellektuellen als Lieferanten kulturrelevanter Wirklichkeitsdeutungen 6.1.1 Der Intellektuelle des Kaiserreichs als Partisan 6.1.2 Die Selbstentäußerung der Intellektuellen im Nationalsozialismus 6.1.3 Anderswerden: Die Intellektuellen der DDR als Erzieher und Avantgarde der Volksmassen 7. Schlußbemerkungen und Fazit 7.1 Überlegungen zum Ausgang des methodischen Experimentes 7.2 Perspektiven für die politische Kulturforschung 8. Abkürzungsverzeichnis 9. Literatur

Portrait

Sabine Dengel, Dr. phil., ist Lehrbeauftragte an der Philosophischen Fakultät der Universität des Saarlandes.

Leseprobe

4. Die strukturelle Dimension der politischen Erziehung (S. 271-272)

4.1 Familienpolitik als Element der staatlichen Erziehungspolitik

Greiffenhagen (1998, S. 255) und Bergem (1993, S. 204) sind sich darüber einig, daß die Familie als bedeutendste Instanz politischer Sozialisation zu gelten hat. Sie vermittelt, so bereits in der Einleitung erörtert, sowohl latente, d.h. noch nicht-politische bzw. vorpolitische Orientierungen, die auf spätere politische Einstellungen und Verhaltensweisen der Sozialisationssubjekte einen, so der Forschungsstand, nicht unbeträchtlichen Einfluß haben dürften, als auch manifeste Überzeugungen und Grundhaltungen gegenüber Politischem. Dazu gehören beispielsweise die Entwicklung von Loyalität gegenüber dem politischen System und seinen Repräsentanten oder die Vermittlung von Parteipräferenzen sowie Identifikation mit politischen Symbolen. Der Transfer manifester politischer Orientierungen durch die Familie, liefert somit die Basis für diffuse und spezifische politische Unterstützung (Steinkamp, 2002, 422).

Gegenstand der folgenden Analyse sind die staatlichen Versuche einer Organisation der Rahmenbedingungen primärer Sozialisation in der Familie. Anders als im Falle der direkten, institutionalisierten Formen der Erziehung in Schule und Militär hat der Staat zwar keinen Einfluß auf die konkreten Inhalte politischer Sozialisation in der Familie, wohl aber strebt er eine Übereinstimmung der familialen mit den offiziellen Erziehungszielen auf der Grundlage unterschiedlicher Maßnahmen an.

Neben einer Fülle von Unterschieden, die sowohl die natürlichen, sozialen, politischen und ökonomischen Determinanten der Familienpolitik als auch die auf die Familie bezogene politische Zielkultur und vorhandene Struktur betreffen, gibt es eine Reihe von Gemeinsamkeiten der zu vergleichenden politischen Zielkulturen: Jede der politischen Führungen der der Untersuchung zugrun
de gelegten politischen Systeme betrachtet die Familie unter politischen Sozialisationsgesichtspunkten, wobei Ausmaß und Stoßrichtung der staatlichen Eingriffe von den jeweiligen politischen Interessen und vorhandenen strukturellen Bedingungen abhängen. So wenig wie die sekundäre Sozialisation in den staatlichen Agenturen die autonome und je spezifische Persönlichkeitsentfaltung des Kindes im Auge hat, so wenig kann auch wenn der Terminus in Ermangelung eines funktionalen Äquivalents im weiteren Text vielfach zur Anwendung kommt, von einer genuinen Familienpolitik gesprochen werden, welche auf die Besonderheiten der Familie gerichtet und an deren selbsttätiger Entfaltung interessiert ist (Busch, 1972, S. 121). Familienpolitische Maßnahmen bzw. solche der Familienförderung, die rein aus den Bedürfnissen der Familie nach rechtlicher Regulierung und materieller wie immaterieller Zuwendung im Sinne von Vergünstigungen unterschiedlichster Natur abgeleitet sind, finden sich in keinem der drei Untersuchungsfälle. Familienpolitik bzw. -förderung dient jeweils übergeordneten politischen, ökonomischen und sozialen Interessen nach Systemstabilisierung, Loyalitätsbeschaffung, Reproduktion oder Vermittlung politischer Orientierungen und impliziert dabei dies gilt bereits für die politische Zielkultur des Kaiserreichs soziale Disziplinierung und Ausrichtung auf die Zwecke des Staates bzw. der politischen Gemeinschaft. In den politischen Zielkulturen aller drei untersuchten Fälle ergänzen stereotype Visionen von Idealfamilien, die jeweils männliche und weibliche Leitbilder beinhalten, die Konzeptionen der idealen politischen Persönlichkeiten, wodurch auch bestimmte Geschlechterrollen disponiert werden sollen.

Im Kaiserreich, dessen politischer Führung die theoretischen und praktischen Voraussetzungen einer systematischen Intervention in die familiäre Sozialisation fehlen, sind sowohl die politisch-kulturellen Ansichten über den Gegenstand als auch der rechtliche Zugriff de
s Staates auf die Familie offen für gesellschaftliche Einflüsse und Aushandlungsprozesse. Die folgenden Ausführungen sind daher zwangsläufig auf eine Analyse der sich in der Entwicklung befindlichen rechtlichen Situation beschränkt, insofern diese als Ausfluß der politischen Zielkultur begriffen werden kann. Der NS-Staat sowie die DDR legen jeweils sehr differenzierte familienpolitische Konzeptionen vor, die sie mittels eines immer stärker funktional ausdifferenzierten Gefüges aus Verordnungen, Gesetzen und Institutionen umzusetzen versuchen. Entsprechend der jeweiligen Couleur der politischen Ideologie ist die nationalsozialistische Familienprogrammatik auf Enkulturation, Zucht und Eugenik konzentriert, wogegen die staatssozialistische vor allem inhaltlich-kognitiv an der Schulung des sozialistischen Bewußtseins orientiert ist.
EAN: 9783593378725
ISBN: 3593378728
Untertitel: Politische Erziehung im Deutschen Kaiserreich, dem NS-Staat und der DDR. 'Campus Forschung'.
Verlag: Campus Verlag GmbH
Erscheinungsdatum: November 2005
Seitenanzahl: 536 Seiten
Format: kartoniert
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