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Im Park


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August 2008

Beschreibung

Beschreibung

Das Dilemma der Liebe. Eine Dreiecksgeschichte der ganz besonderen Art.

Höchst kunstvoll und mit einmaligem Taktgefühl erzählt Christian Haller eine Dreiecksgeschichte der ganz besonderen Art, erzählt er von schmerzlichen Abschieden und neuen Anfängen - und dabei von dem, was im Leben zählt: der Liebe.

Erst als er aus dem Krankenhaus in seine Wohnung zurückgekehrt ist, wird sich der Paläontologe Emile Ryffel bewusst, dass sich sein Leben für immer verändert hat. Denn in der Nacht zuvor musste er seine Frau, die engagierte Filmproduzentin Lia, mit Gehirnblutungen in die Universitätsklinik einliefern, wo sie seitdem im Koma liegt. Die Ärzte wissen nicht, ob sie jemals aus eigenen Kräften wieder leben kann. Und als wäre das nicht schon schwierig genug, hat er sich seit kurzem noch in Klara verliebt, eine junge Bekannte seiner Frau. Er weiß, dass er nach Lias Erkrankung die Affäre mit Klara eigentlich beenden sollte, und ist doch nicht fähig dazu. Denn so sehr er Lia liebt, ist er doch zugleich erfüllt von der Sehnsucht, aus den erstarrten Gewohnheiten seines Lebens auszubrechen und sich einmal wieder leicht zu fühlen und unbeschwert zu sein.

Um Klarheit über sich und die auf ihn zukommenden Entscheidungen zu bekommen, versucht Emile mit dem Blick des Paläontologen sein Leben und seine Liebe zu Lia und zu Klara zu betrachten. Doch gerade der analytische Blick kommt in dieser Situation an seine Grenzen. Denn seine Frau, die mit dem Überleben kämpft, kann er nicht alleine zurücklassen. Aber genauso wenig will es ihm gelingen, seine Gefühle für Klara zu verleugnen. Höchst kunstvoll und mit einem bewundernswerten Taktgefühl erzählt Christian Haller von diesem Dilemma, in das sich sein Held immer stärker und offenbar immer rettungsloser zu verstricken scheint.

Portrait

Christian Haller wurde 1943 in Brugg, Schweiz geboren, studierte Biologie und gehörte der Leitung des Gottlieb Duttweiler-Instituts bei Zürich an. Er wurde u. a. mit dem Aargauer Literaturpreis (2006), dem Schillerpreis (2007) und dem Kunstpreis des Kantons Aargau (2015) ausgezeichnet. Zuletzt sind von ihm die "Trilogie des Erinnerns" und die Romane "Im Park"(2008) und "Der seltsame Fremde"(2013) erschienen. Er lebt als Schriftsteller in Laufenburg.

Leseprobe

1 Vorraum


Die Tür würde nicht verschlossen sein, zu überstürzt hatte Emile die Wohnung in der Nacht verlassen müssen. Doch nun zögerte er, sah nach der Eisenklinke, schwarz geworden von vielen Händen. Er hob den Kopf. Im Vorraum war ein Geruch nach dem im Haus eingemieteten Tuchhandel, als wäre die Luft von den Stoffballen, die in den Büros neben den Schreibpulten aufgeschichtet lagerten, mit Farb- und Fasergerüchen imprägniert worden - ein Geruch, hinübergerettet aus dem Vortag, in den der Morgen einen Strich Kaffeeduft hineinzog. Die Stimmen aus dem Aufenthaltsraum, wie die ehemalige Küche nun genannt wurde, murmelnd und geschäftig, bedeuteten Emile, dass dort ein Arbeitstag im Rhythmus des gleichförmigen Verkehrslärms, der von der Hauptstraße heraufdrang, begann, der sich in nichts groß von dem vorangegangenen und dem nachfolgenden unterscheiden würde. Die Stimmen, die Geräusche der Fahrzeuge gehörten dem Strom all der Absichten, Pflichten, Wünsche an, welche den Tag vorantrieben, und an dem er keinen Anteil mehr haben würde: Die Februarluft atmete noch aus den Falten der Jacke, die er sich in der Nacht, beim Verlassen der Wohnung übergestreift hatte, zu leicht für die Jahreszeit, viel zu leicht für die eisige Kälte der letzten Tage.
Die vier eingesetzten Scheiben in der Tür spiegelten seine Gestalt, verzerrt vom Glas, dunkel im sirrenden Neonlicht, auf dem dahinter festgezweckten, indischen Tuch, das safrangelb mit rot gestickten Blumen war, und nur die Furcht, eine der Angestellten oder der Besitzer des Tuchhandels, ein stets aufgeregter Mann in Anzug, groß und schwitzend, könnte aus der ehemaligen Küche in den Vorraum heraustreten, ihn ansprechen, und wäre es nur durch seinen lauten Morgengruß, ließ Emile die Schritte tun, die rasch die Vierung der Scheiben mit seinem Umriss füllten.
Die Klinke gab den gewohnten Laut, die Schwelle war ein Stück fasrig abgetretenes Holz, und Emile betrat den Flur, ausgelegt mit dem gleichen Teppich, wie er
auch den Vorraum bedeckte, eine rostrote Synthetikbahn mit verschlungenem Rankenmuster, zog hinter sich die Tür zu und stand nun da, im Eingang zur Wohnung, die bis gestern fraglos ihr gemeinsames zu Hause gewesen war.


2 Trottenstiege


Seit zehn Jahren wohnte er hier an der Trottenstiege, hatte die Wohnung von einem befreundeten Kollegen noch kurz vor Abschluss seiner Doktorarbeit übernehmen können, war wohnen geblieben, obschon die drei Zimmer nur gerade Kammern waren wie in alten Bauernhäusern üblich, es keinen Komfort gab, noch nicht einmal ein Bad, und er im Winter die gusseisernen Öfen einfeuern musste. Doch das Geborgensein in den alten Räumen, ihren Holzpaneelen, den Tonplatten und Bruchsteinen zwischen den Riegelbalken, ersetzte ihm den Mangel an Annehmlichkeiten. Auch lag Lias Appartement nur ein paar Gehminuten entfernt, eine Einzimmerlogis, das sie vor zwei Jahren hatte aufgeben müssen. Sie war wegen eines Projektes heftig angefeindet worden, fand keine Arbeit mehr und sah sich gezwungen, mit Sack und Pack in der Trottenstiege einzuziehen.
In der Erinnerung war es der Besitzer des Hauses gewesen, ein schmächtiger Mann, damals noch Anfang siebzig, der Emile die Jahreszahl an irgendeinem der Balken gezeigt hatte, eingekerbt und übermalt: 1786. Er musste sich wohl gedacht haben, wer sich beruflich mit vergangenen Zeiten beschäftige, wäre an allen Zeugnissen der Geschichte interessiert. - Zweihundert Jahre, hatte er zu Emile gesagt, wie viel in dem Haus gelebt und gestorben worden ist. Auch er habe seine Kindheit hier in diesem typischen Weinbauernhaus verlebt, das in den heute überbauten Rebhängen gestanden habe, ein Riegelbau, wie ihn der schweifende Blick der sonntäglichen Spaziergänger, die einstmals vor die Stadt gewandert waren, gestreift haben mochte: Ein Gebäude, das nicht quer, sondern längs in die Neigung des Hangs gebaut worden war und eine Holzstiege besaß, die an der Fassade hoch zur Haustür führte. Die Fenster gin
gen zum Gehweg hin, der wenige Schritte unterhalb in eine Hauptstraße mündete. Doch das Haus war allmählich aus der bäuerlichen Landschaft in den Kern der Stadt gedriftet, eingewachsen in ein ehemaliges Villenquartier, das noch immer ein paar Jugendstilelemente zwischen alten Bäumen sehen ließ, mehr und mehr jedoch von Kuben durchsetzt wurde, Mehrfamilienhäuser und Blocks, zwischen denen die Trottenstiege zu einem Überbleibsel bäuerlicher Kultur geworden war.


3 Flur


Licht brannte. Eine nackte Birne, die ihr Licht in dem kurzen Flur ausstreute. Dieser führte geradewegs in die ebenfalls fensterlose Küche, an deren Tür eine Tasche mit Plastiktüten hing. Außer zwei Bildern, Farbstiftzeichnungen eines naiven Malers, hatte die elektrische Birne nichts zu beleuchten als eine weitere Tür, die seitlich des Flurs angelehnt stand, sich von der Eingangs- und Küchentür unterschied, da sie niedrig und noch für Menschen gemacht worden war, die durch Arbeit und eine wirksamere Schwerkraft niedergedrückt waren und diese Eigenschaften dem Holz selbst mitgeteilt hatten: Die Tür war dick und schwer, grob zu gehauen, aus einem einzigen Stück Stamm gefertigt. Sie hing an geschmiedeten Klobenbändern in den Angeln, war weiß gestrichen, und die Messingklinke, fünfkant mit abschließendem Knopf, nahm sich wie eine nicht ganz passende Zierlichkeit aus. An der Kante war die Farbe abgegriffen, und an ihr entlang zog sich ein heller Schimmer. Wieder zögerte Emile, blickte zur Küche, in die seitlich dämmriges Morgenlicht aus der Wohnstube fiel. Zueinander gestellte Schattenflächen deuteten ein Vorratsgestell, die Ecke des Geschirrschranks und einen Teil des alten Herdes an. Die Luft war leer, roch hier nach keinem Alltag, der mit Kaffee und Gerede begann wie im Büro gegenüber. Die seitliche Tür, aus dem einen grob zugeschnittenen Brett, bliebe geschlossen, das Schlafzimmer unbetreten, angehalten in der Nacht, in jener frühen Stunde, auch wenn der Lichtschimmer verriet,
dass in ihm die Zeit ebenfalls voran geschritten war. Dort drinnen, wo ihr gemeinsames Bett stand, würde noch der Abdruck sein, eine in Decken und Tüchern flüchtig eingedrückte, fossilierte Form.
Und Emile betrat mit raschen Schritten die Küche, als versuchte er, einer einfachen Tatsache zu entrinnen.


4 Buchstabe E


Emile dachte in Formen, welche die Zeit an Spuren hinterlassen hatte, Ein- und Abdrücke ehemaliger Lebensvorgänge, wozu er auch die Wörter zählte, wenn sein hauptsächliches und berufliches Interesse vor allem den uralten - in Sedimenten versteinerten - Resten galt: Er war Paläontologe, hatte eine Stelle mit Vorlesungsverpflichtung am Naturhistorischen Museum, und die letzten Wochen seines Sabbaticals sollte einem Artikel Zur Bedeutung der Ähnlichkeit in der phylogenetischen Systematik gewidmet sein. Obschon ihm nie ganz klar geworden war, weshalb es ihn während des Studiums von der Beschäftigung mit Tieren und Pflanzen auf die Seite der leblosen, erstarrten Gestalten gezogen hatte, so war die damals neu entfachte Diskussion um eine Taxonomie als einer Umschrift stammesgeschichtlicher Verwandtschaften eine Hoffnung gewesen, auch sein Interesse an erkenntnistheoretischen Fragen zu befriedigen: Wie ließen sich Arten definieren, die nicht mehr existierten, wie grenzte man die Taxa voneinander ab, um mittels der verwandtschaftlichen Merkmale als einem morphologischen Alphabet stammesgeschichtliche Entwicklungslinien beschreiben zu können?
Doch der Alltag hinter den Ausstellungssälen, in den Labor- und Büroräumen, hatte wenig von einer solchen Beschäftigung übrig gelassen. Rangeleien um Positionen in der Institutshierarchie, wessen Artikel in der angeseheneren
Zeitschrift angenommen würde, wer zu welchen Fundplätzen reisen und welche Fossilien beschreiben durfte, wurde wichtiger als die Arbeit selbst - und seine zu immer neuen Kontroversen führenden Artikel über den Wirklichkeitsgehalt systematischer Ordnungen hatten weni
g Verständnis bei der Institutsleitung gefunden.
Emile pflegte scherzhaft zu sagen, es sei sein Vorname gewesen, der ihn vor zwei Jahrzehnten zu den Fragen der Abstammungslehre geführt habe.


Pressestimmen

"Hallers Erzählkunst ist eindrucksvoll..."
EAN: 9783630872841
ISBN: 3630872840
Untertitel: Roman.
Verlag: Luchterhand Literaturvlg.
Erscheinungsdatum: August 2008
Seitenanzahl: 185 Seiten
Format: gebunden
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