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Die Ausweitung der Bekenntniskultur - neue Formen der Selbstthematisierung?


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Dezember 2007

Beschreibung

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Das Buch untersucht die zunehmende Selbstthematisierung, Selbstbeobachtung und Selbstaufmerksamkeit und damit auch die wachsende Problematisierung des eigenen Selbst in der modernen Gesellschaft.

Inhaltsverzeichnis

Mit Beiträgen u.a. von Alois Hahn, Herbert Willems, Bettina Völter, Andreas Reckwitz, Hannelore Bublitz und Bruno Hildenbrandt

Innenansichten

Portrait

Dr. Günter Burkart ist Professor für Soziologie an der Universität Lüneburg.

Leseprobe

Einleitung. Selbstreflexion und Bekenntniskultur (S. 7)

Gunter Burkart

1. Eine neue Bekenntniskultur?

Im Januar 2006 wurde in der ARD ein ausführliches Interview mit der Archäologin Susanne Osthoff gesendet, die vorher im Irak entführt worden war. Nach ihrer Freilassung, deren Umstände von den Behörden geheim gehalten wurden, war in den Medien viel spekuliert worden und sie zum Teil heftig kritisiert. Reinhold Beckmann, der Interviewer, versuchte die Geschichte zu durchleuchten.

Dabei legte er großen Eifer an den Tag, Frau Osthoff persönliche Bekenntnisse abzuringen: zu ihrem Glauben, ihren familiären und persönlichen Beziehungen, ihren Gefühlen gegenüber den Entführern, ihrer kulturellen Identität, ihrer Dankbarkeit für Deutschland.

Sind Sie dankbar, Frau Osthoff?, fragte Beckmann immer wieder, während er ihr Feuer gab - eine (angesichts der heute fast skandalösen Praxis, im Fernsehen zu rauchen) seltsam antiquierte Höflichkeitsgeste, die in scharfem Kontrast zur unhöflichen Insistenz des bohrenden Fragens stand. Aber trotz dieser intensiven Befragung gelang es dem Moderator nur selten, Bekenntnisse zutage zu fördern.

Auffällig am Interview mit Susanne Osthoff war gerade, dass sie darauf bestand, nicht über ihre privaten Angelegenheiten sprechen zu wollen. Diese Bekenntnis-Verweigerung wirkte fast noch skandalöser als die Missachtung des Rauchverbots - gemessen an der Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit, mit der heute Menschen jeglicher Art öffentlich zu ihren persönlichen Lebensumständen befragt werden und meist auch bereitwillig antworten.

Sie geben Auskunft über sich und ihr Innenleben, weil sie gelernt haben, sich selbst zum Thema zu machen. Selbstaufmerksamkeit und Selbstbeobachtung der Individuen scheinen zugenommen zu haben und damit auch die biografische Reflexivität. Insbesondere die inzwischen weiter ausgefacherte Tsychoszene hat Diskurs
e der Selbstreflexion und der Selbstverwirklichung hervorgebracht und intensiviert, wie es sie in diesem Ausmaß wohl noch nie gab.

Diese Diskurse - so die weitere Vermutung - sind tief in den Alltag eingedrungen, jedenfalls in den Bildungsschichten, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung stetig gewachsen ist. Eine Gesprächskultur der Selbstthematisierung ist entstanden, die vielfach die Form von Bekenntnis und Geständnis, von sanktionsfreier Selbstenthüllung, annimmt.

Viele Tabus sind inzwischen zurückgedrängt oder gebrochen, es darf über private und intime, das Selbst betreffende Dinge gesprochen werden, wie es früher in diesem Ausmaß nicht möglich war. Dazu kommen neue mediale Formen der Selbstdarstellung und des Identitätsmanagements. Immer wichtiger wird darüber hinaus eine kompetente Balancierung zwischen Selbsterkenntnis und Selbstdarstellung, zunehmend auch im beruflichen Bereich, wo Selbstreflexion und Selbstcoaching zu neuen Zauberformeln der Managerweiterbildung geworden zu sein scheinen.

Damit ist eine zeitdiagnostische These umrissen, die sich auf ein ganzes Bündel von Vermutungen stützt, die genauerer Prufung bedürfen. Die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes bemühen sich an ausgewählten Aspekten und unterschiedlichen Themen um einen Beitrag zur Klärung dieser komplexen These.

Diese Einleitung versucht einen Rahmen abzustecken, in dem die einzelnen Beiträge verortet werden können. Zunächst wird Selbstreflexion/ Selbstthematisierung als eine von drei Dimensionen von Individualisierung konzipiert. Nach einem ersten Überblick zur neuen Kultur der Selbstthematisierung und einer kurzen Diskussion theoretischer Grundlagen und begrifflicher Probleme werden die historischen Hintergründe dieser Entwicklung skizziert.

Die Frage nach einer möglichen Reflexionselite wird kontrastiert mit der These der Verallgemeinerung und Demokratisierung: ehemals exklusive Formen der Selbstthematisierung werden nun zunehmend für alle
zugänglich. Gerade in den neuen Medien, so scheint es, sind solche Demokratisierungstendenzen zu finden.

Pressestimmen

"Burkart bindet in seiner ausgezeichneten thematischen Einführung das Konzept der Selbstthematisierung in einen theoretischen Rahmen ein." Soziologische Revue, 02/2009

Technik

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EAN: 9783531902883
Untertitel: 2006. Auflage. eBook. Dateigröße in MByte: 20.
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Erscheinungsdatum: Dezember 2007
Seitenanzahl: vi362
Format: pdf eBook
Kopierschutz: Adobe DRM
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